- VonHelga Kristina Kotheschließen
Hunderte Jahre alt ist die Schwälmer Weißstickerei – doch nur wenige beherrschen sie noch. Eine davon ist Monika Wegener, die die Tradition weitergeben will.
Kassel – Es ist Handarbeit, die nicht durch Maschinen ersetzt werden kann: die Schwälmer Weißstickerei. Seit vierzig Jahren geht Monika Wegener, die in Kassel Kurse gibt, diesem Hobby nach. Die 60-Jährige wirkt hochkonzentriert, wenn sie den Stickrahmen in der Hand hält, die Brille auf der Nasenspitze leicht nach vorne geschoben. Stich für Stich entstehen filigrane Muster auf dicht gewebtem Leinen. „Ich mag die Zartheit der Stickerei“, sagt sie.
Die Schwälmer Weißstickerei, so Monika Wegener, bestehe aus einer Kombination verschiedener Techniken, um die traditionellen Muster mit Nadel und Faden zum Leben zu erwecken. Typische Schwälmer Motive sind Herzen, Tulpen, Körbchen oder Vögel, verbunden mit Blättern, Blüten und Ranken, mit denen ursprünglich Haustextilien wie Bettüberwürfe, Paradekissen und Tafeltücher versehen waren.
Monika Wegener will Schwälmer Weißstickereien nicht verkaufen
Sie setzt auch auf zeitgemäße Dessins: „Schwälmer Tradition modern interpretiert.“ Unter ihren Händen entstehen in stundenlanger Arbeit Tischdecken, Kissenhüllen, Tauf- oder Ringkissen. Sie zeigt eines ihrer Kunstwerke, ein mit Rosen besticktes Herzkissen: „Da stecken bestimmt hundert Stunden Arbeit drin.“
An den Verkauf ihrer Stickkunst denkt sie nicht, der Preis sei kaum zu beziffern: „Ich habe einfach Freude daran, wenn ein Motiv entsteht, wie bei einem Maler und seinem Werk.“
Kurse von Monika Wegener über Schwälmer Weißstickerei gibt es seit 2007
Mit zwanzig begann ihr Interesse fürs Handarbeiten, insbesondere fürs Sticken. Sie kam damals mit einer Bauersfrau aus ihrem Heimatdorf Wattenbach ins Gespräch. Als diese ihr großes Interesse spürte, lud sie sie in ihre Stube ein, um ihr das Sticken beizubringen. Leider sei sie früh verstorben, sagt Monika Wegener, die später die Kurse in der Katholischen Familienbildungsstätte im Kolpinghaus in Kassel besuchte.
Seit 2007 gibt sie selbst die Weißstickerei-Kurse in der Familienbildungsstätte und pendelt dafür von ihrem Wohnort Malsfeld im Schwalm-Eder-Kreis nach Kassel. Zwei Kurse pro Jahr bietet sie an. „Elf Abende alle vierzehn Tage, ein Kurs dauert ein halbes Jahr“, erklärt Monika Wegener. Die Zeit zwischen den Kursabenden nutzen die Teilnehmerinnen, um zuhause zu arbeiten.
Monika Wegener hat Utensilien für Schwälmer Weißstickerei immer dabei
Die Weißstickerei – weißes Garn in verschiedenen Stärken auf hellem Leinen – erfordert Konzentration. „Das eine Muster mehr, das andere weniger“, sagt die Malsfelderin. Für die Konturen- und Flächenfüllmuster sowie die Randgestaltung kommen zahlreiche Sticktechniken zum Einsatz. „Konturen werden zum Beispiel mit einem Knötchenstich gestickt.“
Die Flächenfüllmuster können etwa als Limetmuster ausgearbeitet werden. Monika Wegener zeigt, dass dazu sowohl längs als auch quer Fäden aus dem Leinenstoff gezogen werden. Für ein einfaches Durchbruchmuster werden die Fäden dagegen nur in eine Richtung gezogen. Gefüllt werden diese Flächen mit verschiedenen Sticktechniken wie Mücken-, Rosen- oder Waffelstich.
In ihren Kursen kann man auch Stiche mit so klangvollen Namen wie „Gottes Acker“ oder „Verflixtes Himmelreich“ kennenlernen. Monika Wegener bedauert, dass der Nachwuchs weniger wird, aber es gibt immer noch genügend Interessentinnen für ihre Kurse. „Die bringen mich auch weiter, man lernt voneinander. Wer zuhause bleibt, stickt immer das Gleiche“, sagt sie. In den Urlaub fährt sie jedenfalls nicht ohne Stickutensilien: „Ich kann jeden Tag sticken, muss es aber nicht. Die Lust muss da sein.“ (von Helga Kristina Kothe)
Schwälmer Weißstickerei ist Immaterielles Kulturerbe
Die Schwälmer Weißstickerei ist ein traditionelles Kunsthandwerk aus der Schwalm. Seit diesem Jahr gehört sie zum Immateriellen Kulturerbe. Sie ist der dritte Eintrag aus Hessen in der Unesco-Liste in Deutschland.
Die Stickkunst entwickelte sich vor über 400 Jahren als Reaktion auf ein berühmtes sächsisches Vorbild: Die hauchzarte gestickte Dresdner Spitze, die nur der Aristokratie zugänglich war, faszinierte die Landfrauen so sehr, dass sie kreative Wege fanden, eine ähnliche Spitze zu fertigen.
Dafür nutzten sie das Material, das sie hatten – groben Leinenstoff – und verwendeten wie beim Dresdner Vorbild eine Vielzahl an Stichen aus mehreren technisch anspruchsvollen Grundtechniken. Bis heute ist es nicht möglich, eine vergleichbare Spitze maschinell herzustellen.
Rubriklistenbild: © Helga Kristina Kothe
