VonDaniel Seegerschließen
Friedensaktivisten fordern einen Hessentag ohne Bundeswehr. Ihre Kritik: Junge Menschen sollen fürs Militär begeistert werden.
Fritzlar – So richtig geschäftig ist das Treiben auf dem Fritzlarer Marktplatz nicht – aber es ist etwas anders beim Wochenmarkt an diesem Mittwochvormittag. Viele Stimmen sind nicht zu hören, in der Ferne klingt das wohlbekannte Brummen der Hubschrauber-Rotoren, das in den Ohren vieler Fritzlarer zum Hintergrundrauschen geworden ist. Neben Metzgerei und Fischverkauf gesellt sich ein weiterer Stand, der zwar nichts zu verkaufen hat, dafür aber markige Parolen und Inhalte im Gepäck hat, die wohl nicht jedem schmecken – und damit für Aufmerksamkeit sorgt.
Die „Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen“, kurz DFG-VK, macht sich mit einem Infostand stark gegen die Bundeswehr auf dem Hessentag, der vom 24. Mai bis 2. Juni stattfindet. „Wir wollen mit den Menschen ins Gespräch kommen – und das gelingt auch ganz gut“, sagt Michael Schulze von Glaßer. Der Kasseler ist politischer Geschäftsführer des DFG-VK-Bundesverbands und mit drei Mitstreitern nach Fritzlar gekommen. Sie verteilen Flyer, bieten an ihrem Infostand Aufkleber und Anstecker an.
Gruppe fordert Hessentag in Fritzlar ohne Militär
Die Forderungen der Gruppe: Ein Hessentag ganz ohne Militär, der für Frieden, Freiheit und Völkerverständigung steht. „Das Landesfest soll nicht zum Rekrutierungsevent für die Armee verkommen“, heißt es etwa im Flyer der Organisation.
Schulklassen dürften nicht explizit zum Bundeswehrstand eingeladen werden und auch Bustouren zur Bundeswehr solle es nach Ansicht der DFG-VK nicht geben. Zumindest sollten beim Hessentag aber keine Waffen wie Panzer und Kampfhubschrauber gezeigt werden.
Panzer werden „Als Lockmittel missbraucht“
Auf dem Flyer, den die Gruppe verteilt, ist ein Bild abgedruckt, das Kinder zeigt, die auf einem Radpanzer vom Typ Boxer herumklettern – laut Bildunterschrift aufgenommen beim Hessentag in Pfungstadt. Die Sorge der Friedensaktivisten: Das Militärgerät wirke häufig faszinierend, sei aber dafür da, Zerstörung anzurichten und Menschen zu töten – doch das werde nicht dargestellt. „Viele junge Menschen können das nicht richtig reflektieren“, sagt Schulze von Glaßer.
Im Flyer ist die Formulierung deutlich: Als „Lockmittel“ für Kinder und Jugendliche würde das Großgerät missbraucht, ganze Schulklassen würden zur Armee gebracht, um sie als neue Rekrutinnen und Rekruten zu werben. „Natürlich ist das etwas zugespitzt“, räumt der politische Geschäftsführer auf Nachfrage ein.
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Aktivisten bekommen in Fritzlar Zuspruch und Kritik
Währenddessen läuft eine Frau vorbei, die ein Fahrrad schiebt. „Nein“, einen Flyer wolle sie nicht mitnehmen. „Aber ich sehe das ganz genauso“, sagt sie zu Michael Pfleging-Specht aus Jesberg, der gerade den Infostand betreut. Über die Reaktionen der Passanten zeigt sich Schulze von Glaßer positiv überrascht, natürlich habe es Kritik gegeben, damit habe er in Fritzlar auch gerechnet. Doch man sei ins Gespräch gekommen. „Das ist auch unser Ziel“, sagt er.
Ob und wie der Protest weitergehe, hänge auch davon ab, wie sich die Bundeswehr in Fritzlar präsentieren werde. Man habe auch schon die Kirchen und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft angesprochen. Vorstellen könne er sich, dass es einen weiteren Infostand in Fritzlar geben wird. (see)
Hessentag 2024: Das sagt die Bundeswehr
„Wir präsentieren uns auf dem Platz der Bundeswehr mit den Verbänden, die in Hessen stationiert sind – die zeigen, wer sie sind, was sie tun“, sagt Oberstleutnant Meinrad Angermeyer vom Landeskommando Hessen, das verantwortlich ist für den Platz der Bundeswehr auf dem Hessentag in Fritzlar.
Hinzu komme ein Festzelt für Veranstaltungen mit Truppenküche. Außerdem gebe es Stände des Reservistenverbandes, der Nachwuchsgewinnung und der Militärseelsorge. Zur Kritik der Friedensaktivisten will er sich nicht äußern, betont aber beim Thema Nachwuchswerbung: „Wir wollen natürlich keine Kinder ansprechen, sondern Jugendliche, für die die Bundeswehr tatsächlich eine berufliche Option sein könnte.“ Der Soldatenberuf habe Besonderheiten und diese zeige man auch beim Hessentag. „Wir sind kein grün angezogenes THW“, betont er.
Gezeigt werden zudem voraussichtlich auch bewaffnete Fahrzeuge und Hubschrauber. „Zeigen wir die nicht, würden wir uns dem Vorwurf aussetzen, dass wir etwas verschleiern – denn natürlich ist das Soldat-Sein mit dem Waffenhandwerk verbunden.“
Vor Ort seien Soldaten anwesend, die den Besuchern Rede und Antwort stünden und über ihren Dienst berichten. „Wir bieten den Dialog an. Und wer Fragen stellt, der bekommt Antworten.“ Die Teilnahme an den angebotenen Fahrten zur Bundeswehr auf den Hessentag seien freiwillig, „niemand wird dazu gezwungen“, betont der Oberstleutnant.
Auch in Pfungstadt war die Bundeswehr beim Hessentag präsent - und wurde von Friedensaktivisten dafür kritisiert.
