Koalitionsverhandlungen mit CDU

„Mehrheit wird zustimmen“ – „Da schmerzt das Herz“: So kommt der Koalitionsvertrag bei Kasseler SPD-Basis an

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  • Florian Hagemann
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Viel rausgeholt oder Federn gelassen: Was hält die SPD-Basis vom Berliner Koalitionsvertrag? Stimmen aus Kassel.

Kassel – Der SPD-Entscheid über den Koalitionsvertrag mit CDU und CSU läuft seit Dienstag. Bis 29. April haben die knapp 360.000 Parteimitglieder Zeit, per Online-Plattform ihre Stimme für oder gegen den Vertrag abzugeben. Die Jusos mehrerer Bundesländer haben bereits ihre Ablehnung angekündigt. Als Grund dafür nennen sie vor allem die von dem CDU-Chef und designierten Kanzler Friedrich Merz infrage gestellte Erhöhung des Mindestlohns auf 15 Euro.

Kritik an Plänen zu Bürgergeld, Migration und Reichenbesteuerung

Kritik gibt es unter anderem auch an der geplanten Abkehr vom Bürgergeld, an der Aufweichung von Arbeitnehmerrechten bei der Arbeitszeit und an den Plänen zur Migration, der fehlenden Vermögensteuer und Erbschaftssteuerreform. Wir fragten Sozialdemokraten in Stadt und Landkreis Kassel, ob sie dem Koalitionsvertrag zustimmen werden. Oder warum sie es nicht tun wollen:

Sieben Ministerposten für 16 Prozent: Lars Klingbeil (re.), SPD-Fraktions- und Bundesvorsitzender, und Friedrich Merz, Unions-Kanzlerkandidat und CDU-Bundesvorsitzender am 9. April 2025 bei der Vorstellung des Koalitionsvertrages in Berlin.

„Mich muss man noch davon überzeugen“, sagt Anke Bergmann, die Vorsitzende der Stadtverordnetenfraktion in Kassel. „Immer dann, wenn wir als SPD an der Regierung beteiligt sind, verlieren wir unser sozialdemokratisches Profil.“ Der Preis sei hoch. Sie habe die Sorge, dass so der Abwärtstrend der Sozialdemokratie nicht aufgehalten werden könne. „Wir übernehmen Verantwortung, verlieren aber bei der nächsten Wahl wieder an Stimmen.“

SPD-Fraktionschefin in Kasseler Stavo: „Mich muss man noch überzeugen“

Ist noch unentschlossen: Anke Bergmann, SPD-Fraktionsvorsitzende Stadtverordnetenversammlung.

Allerdings, so räumt Bergmann ein, sei sie ein Fan von Manuela Schwesig. Und die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern verteidige derzeit ja diesen Koalitionsvertrag und rufe dazu auf, ihn anzunehmen. Von daher könne es gut sein, dass sie doch noch zustimmen werde, meint Bergmann. „Aber ich werde nicht die erste sein, ich lasse mir noch Zeit. Ich brauche noch etwas Bedenkzeit.“

Kasseler Stadtverordneter Zeidler will dem Koalitionsvertrag von SPD und Union zustimmen

Spricht sich für den Koalitionsvertrag aus: Volker Zeidler, Stadtverordneter und Ortsvorsteher von Bettenhausen.

Für Volker Zeidler, den Stadtverordneten in Kassel und Ortsvorsteher in Bettenhausen, ist die Sache hingegen klar. „Ich werde da zustimmen“, kündigt Zeidler an. „Es gibt zu der Koalition aus CDU, CSU und SPD keine Alternative, außer man will die AfD an die Regierung bringen.“ Seiner Einschätzung nach enthält der ausgehandelte Koalitionsvertrag viele sozialdemokratische Inhalte. „Es ist immer ein Kompromiss.“ Er respektiere aber auch die Meinung der Kritiker, etwa der Jusos. Die Migrationsfrage zum Beispiel polarisiere stark, auch in Teilen der SPD. „Aber ich bin zuversichtlich“, sagt Zeidler. „Ich gehe davon aus, dass die Mehrheit der Partei dem Vertrag zustimmen wird.“

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Ilyas Yassin widerspricht. „Ich muss klar sagen, dass ich dem Koalitionsvertrag in der jetzigen Form nicht zustimmen würde“, sagt der Co-Vorsitzende der nordhessischen Jusos. Mit Blick auf das Papier fürchtet Yassin, der Acht-Stunden-Tag könne aufgeweicht werden. „Da schmerzt mir als Gewerkschafter schon das Herz“, sagt der 23-jährige Kasseler, der sich in der Gastro-Gewerkschaft NGG engagiert. In der Branche hofften zudem viele auf einen höheren Mindestlohn. „Ich frage mich, aus welchem Grund Merz nun wieder daran zweifelt.“

Würde aktuell mit Nein stimmen: Ilyas Yassin, der Co-Vorsitzende der Jusos in Nordhessen, fordert Nachbesserungen.

Der Jungsozialist sieht ein prinzipielles Glaubwürdigkeitsproblem der Politik. 299 Mal komme im Koalitionsvertrag das Wort „wollen“ vor. „Aber statt die Dinge nur zu wollen, sollten wir sie machen. Das erwarten die Menschen zu Recht von uns.“ Trotz der Kritik der Parteijugend rechnet er aber nicht damit, dass es wieder zu einer „No-Groko“-Kampagne der Jusos wie im Jahr 2017 kommt. Auch um die AfD von der Macht fernzuhalten, sei die Zwangsehe mit der Union letztlich alternativlos. „Einem nachgebesserten Vertrag“, sagt Yassin, werde er „schon zustimmen“.

Ehrenamtlicher Stadtrat in Kassel sieht keine Alternative zur Großen Koalition

Auch der ehrenamtliche Stadtrat Hendrik Jordan sieht keine Alternative. Für ihn als jemand, der mittlerweile 49 Jahre in der Partei ist, ist die Zustimmung eine Selbstverständlichkeit, zumal die SPD seiner Meinung nach ein gutes Ergebnis in den Verhandlungen erzielt hat. Über die jüngsten Aussagen etwa von Jens Spahn zum Umgang mit der AfD hat er sich zwar ein bisschen geärgert, aber er ahnt: „Spannungen wird es innerhalb der Koalition immer mal wieder geben.“ Auch aufgrund der Gesamtsituation heiße es für CDU/CSU und SPD, sich zusammenzureißen. Die SPD habe mit Lars Klingbeil und Boris Pistorius ein starkes Team, das in der Lage sei, die Bundesrepublik zu „rocken“.

Das sind Hessens bekannteste Politiker - von 1945 bis heute

Petra Roth (CDU): 1995 wurde sie zu der ersten Oberbürgermeisterin Frankfurts. Über 16 Jahre lang war sie im Amt - bis jetzt am längsten.
Petra Roth (CDU): 1995 wurde sie zu der ersten Oberbürgermeisterin Frankfurts. Über 16 Jahre lang war sie im Amt - bis jetzt am längsten.  © Arne Dedert
Mike Josef (SPD): Seit 2023 Oberbürgermeister von Frankfurt und Nachfolger von Peter Feldmann.
Mike Josef (SPD): Seit 2023 Oberbürgermeister von Frankfurt und Nachfolger von Peter Feldmann. © Andreas Arnold
Walter Wallmann (CDU): Hessischer Ministerpräsident von 1987 bis 1991, zuvor Oberbürgermeister von Frankfurt.
Walter Wallmann (CDU): Hessischer Ministerpräsident von 1987 bis 1991, zuvor Oberbürgermeister von Frankfurt. © Fredrik Von Erichsen
Holger Börner (SPD): Hessischer Ministerpräsident von 1976 bis 1987. Börner setzte wichtige Akzente in der Industriepolitik.
Holger Börner (SPD): Hessischer Ministerpräsident von 1976 bis 1987. Börner setzte wichtige Akzente in der Industriepolitik.  © Uwe Zucchi
Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) war damals die erste Frau an der Spitze der Jungsozialisten als Bundesvorsitzende. Sie war zu dieser Zeit als „Rote Heidi“ bekannt. Von 1987 bis 1999 war sie Vorsitzende des SPD-Bezirksverbandes Hessen-Süd.
Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) war damals die erste Frau an der Spitze der Jungsozialisten als Bundesvorsitzende. Sie war zu dieser Zeit als „Rote Heidi“ bekannt. Von 1987 bis 1999 war sie Vorsitzende des SPD-Bezirksverbandes Hessen-Süd.  © Wolfgang Kumm
Der verstorbene CDU-Politiker Alfred Dregger war von 1956 bis 1970 Oberbürgermeister von Fulda und von 1982 bis 1991 Vorsitzender der CDU-Bundestagsfraktion.
Der verstorbene CDU-Politiker Alfred Dregger war von 1956 bis 1970 Oberbürgermeister von Fulda und von 1982 bis 1991 Vorsitzender der CDU-Bundestagsfraktion. © Arne_Dedert
Thorsten Schäfer-Gümbel war in den Jahren 2003 bis 2019 Abgeordneter des Hessischen Landtages und dazu 2009 bis 2019 Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion sowie Oppositionsführer.
Thorsten Schäfer-Gümbel war in den Jahren 2003 bis 2019 Abgeordneter des Hessischen Landtages und dazu 2009 bis 2019 Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion sowie Oppositionsführer. © Swen Pförtner
Peter Beuth (CDU): ehemaliger Innenminister, prägend für die Sicherheitspolitik Hessens.
Peter Beuth (CDU): ehemaliger Innenminister, prägend für die Sicherheitspolitik Hessens.  © Arne Dedert
Lehrerin, Studiendirektorin, FDP-Politikerin: Ruth Wagner war Vizepräsidentin des Hessischen Landtages und von 1999 bis 2003 Hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst.
Lehrerin, Studiendirektorin, FDP-Politikerin: Ruth Wagner war Vizepräsidentin des Hessischen Landtages und von 1999 bis 2003 Hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst. © Oliver Berg
Klaus Kinkel war FDP-Politiker und Jurist. Zudem war er Vizekanzler und auch in Hessen politisch aktiv.
Klaus Kinkel war FDP-Politiker und Jurist. Zudem war er Vizekanzler und auch in Hessen politisch aktiv.  © Gregor Fischer
Eine Unternehmerin und Politikerin (CDU): Kristina Sinemus ist hauptsächlich als Hessische Ministerin für Digitalisierung und Innovation bekannt.
Eine Unternehmerin und Politikerin (CDU): Kristina Sinemus ist hauptsächlich als Hessische Ministerin für Digitalisierung und Innovation bekannt.  © Andreas Arnold
Der frühere Bundesinnenminister Manfred Kanther (CDU): Er war in die CDU-Schwarzgeldaffäre verwickelt. Ihm wurde Untreue vorgeworfen.
Der frühere Bundesinnenminister Manfred Kanther (CDU): Er war in die CDU-Schwarzgeldaffäre verwickelt. Ihm wurde Untreue vorgeworfen.  © Bernd Kammerer
Wolfgang Gerhardt (FDP): Hessischer Wirtschaftsminister, später FDP-Bundesvorsitzender. Gerhardt ist im September dieses Jahres gestorben.
Wolfgang Gerhardt (FDP): Hessischer Wirtschaftsminister, später FDP-Bundesvorsitzender. Gerhardt ist im September dieses Jahres gestorben.  © Gregor Fischer
Rudi Arndt (SPD), genannt „Dynamit Rudi“, war von 1964 bis 1970 Oberbürgermeister von Frankfurt.
Rudi Arndt (SPD), genannt „Dynamit Rudi“, war von 1964 bis 1970 Oberbürgermeister von Frankfurt. © Michael_Hanschke
Uwe Becker (CDU): Ehemaliger Bürgermeister von Frankfurt, bekannt für seinen Einsatz gegen Antisemitismus.
Uwe Becker (CDU): Ehemaliger Bürgermeister von Frankfurt, bekannt für seinen Einsatz gegen Antisemitismus. © Frank Rumpenhorst
Karin Wolff war bekannt für ihre Rolle als Kultusministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin des Landes Hessen.
Karin Wolff (CDU) war bekannt für ihre Rolle als Kultusministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin des Landes Hessen.  © Frank May
Joschka Fischer (Grüne), bekannt als ehemaliger Umweltminister in Hessen, Außenminister und Vizekanzler. Nach dem Ende seiner politischen Karriere in 2005 hat er angefangen als Buchautor, Berater, Publizist und Lobbyist zu arbeiten.
Joschka Fischer (Grüne) aus Baden-Württemberg, bekannt als ehemaliger Umweltminister in Hessen, Außenminister und Vizekanzler. Nach dem Ende seiner politischen Karriere in 2005 hat er angefangen als Buchautor, Berater, Publizist und Lobbyist zu arbeiten.  © Markus Scholz
Manager, Rechtsanwalt und ehemaliger CDU-Politiker: Roland Koch. Von 1999 bis 2010 war er Hessischer Ministerpräsident. Er stand in der Kritik für seine gleichzeitige Beteiligung als Aufsichtsratsvorsitzender der Fraport AG.
Manager, Rechtsanwalt und ehemaliger CDU-Politiker: Roland Koch. Von 1999 bis 2010 war er Hessischer Ministerpräsident. Er stand in der Kritik für seine gleichzeitige Beteiligung als Aufsichtsratsvorsitzender der Fraport AG. © Sebastian Gollnow
Ministerin für Wissenschaft und Kunst und Grünen-Politikerin: Angela Dorn.
Vizepräsidentin des Hessischen Landtags, ehemalige Hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst und Grünen-Politikerin: Angela Dorn. © Tim Würz
Das bekannte Gesicht der Grünen in Hessen: Tarek Al-Wazir. Der Politiker kommt aus Offenbach.
Das bekannte Gesicht der Grünen in Hessen: Tarek Al-Wazir. Der Politiker kommt aus Offenbach.  © Bernd von Jutrczenka
Prägend für die Nachkriegszeit: Georg-August Zinn(SPD). Von 1950 bis 1969 war er Hessischer Ministerpräsident.
Prägend für die Nachkriegszeit: Georg-August Zinn(SPD). Von 1950 bis 1969 war er Hessischer Ministerpräsident.  © Alois_Bankhardt
Die erste Frau als Bundesministerin des Innern und für Heimat: Nancy Faeser. Zudem war sie bekannt als Vorsitzende der SPD Hessen und Hessische Landtagsabgeordnete.
Die erste Frau als Bundesministerin des Innern und für Heimat: Nancy Faeser. Zudem war sie bekannt als Vorsitzende der SPD Hessen und Hessische Landtagsabgeordnete.  © Lando Hass
Walter Lübcke war ein ehemaliger CDU-Politiker. Er wurde 2019 auf der Veranda vor seinem Wohnhaus mit einem Kopfschuss ermordet.
Walter Lübcke war ein ehemaliger CDU-Politiker. Er wurde 2019 auf der Veranda vor seinem Wohnhaus mit einem Kopfschuss ermordet. © Uwe Zucchi
Boris Rhein: Seit 2022 Hessischer Ministerpräsident und CDU Vorsitzender in Hessen.
Boris Rhein: Seit 2022 Hessischer Ministerpräsident und CDU Vorsitzender in Hessen.  © Kay Nietfeld
Volker Bouffier (CDU): Ehemaliger Ministerpräsident des Landes Hessen.
Volker Bouffier (CDU): Ehemaliger Ministerpräsident des Landes Hessen.  © Arne Dedert

Dieter Lengemann, der Fraktionsvorsitzende der SPD im Kreistag, macht es kurz: „Ich werde zustimmen.“ Er verweist auf den Vertrag und darauf, dass die SPD einigermaßen gut wegkomme dabei.

Rubriklistenbild: © Michael Kappeler/dpa

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