VonMatthias Lohrschließen
SPD-Politiker Michael Roth aus Nordhessen rechnete bei einem Auftritt in Kassel radikal mit dem Antisemitismus der Linken ab. Eine bewegende Rede, die aber nicht allen gefiel.
Kassel – Bis vor einigen Jahren war Michael Roth immer gern in der Bad Hersfelder Ditib-Gemeinde. Der SPD-Bundestagsabgeordnete hatte sich etwa über das Geschenk gefreut, das ihm die Muslime aus seiner Stadt anlässlich der Hochzeit mit seinem Mann gemacht hatten. Doch dann zerbrach das Band, wie Roth am Dienstagabend beim Neujahrsempfang der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) in der Kasseler EAM-Zentrale erzählte.
Als er wieder einmal in der Ditib-Moschee zu Besuch war, sagte ihm ein Mitglied, was die Israelis mit den Palästinensern machten, sei schlimmer als das, was Hitler den Juden angetan habe. Auch auf Nachfrage widersprach niemand. Danach stellte Roth die Zusammenarbeit mit der Gemeinde ein. Nicht nur wegen dieser Erfahrung sagt der Außenpolitiker: „Wir haben viel zu lange darüber hinweggesehen, dass es auch islamistischen Antisemitismus gibt.“
SPD-Politiker aus Nordhessen: Schweigen zu zunehmendem Antisemitismus
Selten hat man eine rhetorisch so brillante und so persönliche Rede eines Politikers gehört wie am Dienstag. Roth redete frei vor 140 Gästen und rechnete gnadenlos mit der politischen Linken ab, der er selbst angehört. Er habe immer gedacht, dass man in „meinen linken Kreisen“ den Kampf gegen Antisemitismus und für Israel mit der Muttermilch aufgesogen habe. Nach dem barbarischen Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober, bei dem 1200 Menschen ermordet wurden, habe er jedoch feststellen müssen, dass es vor allem den linken Deutschen schwer falle, Mitgefühl zu zeigen: „Wir sind wie Eisschränke.“
Roth kritisierte die „Schlauschwätzer“, die meinten, die Israelis seien selbst schuld. Auch das Schweigen zum zunehmenden Antisemitismus in Deutschland auf den Demos gegen Rechtsextremismus und die AfD verstört ihn. Dass Juden auf dem Weg in die Synagoge Angst haben müssen und in Teilen Berlins lieber keine Kippa tragen sollten, werde dort „zu sehr weggenuschelt“. Seine Rede gipfelte in dem Satz: „Ich schäme mich für mein eigenes Land.“
Applaus und Kritik nach der Rede
Zuletzt wurde Roth für seine Sicht auf den Krieg im Nahen Osten kritisiert. So verstehen einige nicht, warum sich der Sozialdemokrat auf seiner Nahostreise nicht mit Palästinenservertretern traf. Während die internationale Staatengemeinschaft eine Waffenruhe in Gaza fordert, wo mittlerweile mehr als 27 000 Menschen gestorben sind und die humanitäre Lage immer schlimmer wird, bezeichnet Roth Gaza als „größtes Terrorlager der Welt“.
Immer wieder erhält der 53-Jährige viel Applaus, hinterher hört man aber auch Stimmen, die sagen, seine Rede sei zu undifferenziert gewesen – wenngleich er auch die „teils rechtsextremistische Regierung“ von Benjamin Netanjahu kritisiert sowie den „völkerrechtswidrigen Bau von Siedlungen“ und die Tatsache, dass jüdische Siedler Jagd auf Palästinenser machen.
Antisemitismus auf documenta kein Thema
Für Israel fordert Roth eine Zweistaatenlösung, für das Miteinander in Deutschland hat er noch Hoffnung. Es brauche eine Bereitschaft zuzuhören und die Stimme zu erheben. Zur documenta, die sich wegen des Umgangs mit antisemitischer Kunst in ihrer größten Krise befindet, sagt der Sozialdemokrat fast nichts. Vor zwei Jahren hatte die Kasseler DIG mehrere Austritte verzeichnet, nachdem DIG-Präsident Volker Beck die Kunstschau vehement kritisiert hatte. Auch Kassels ehemaliger Oberbürgermeister Hans Eichel hatte sich verabschiedet.
Dessen Parteikollege Roth machte am Dienstag Werbung, in die DIG einzutreten. Am Ende des Abends hatten tatsächlich ein halbes Dutzend Besucher Aufnahmeanträge mit nach Hause genommen.
Deutsch-Israelische Besuche erst einmal verschoben
Am 6. Oktober 2023 tauschte sich der Sohn von Elena Padva mit Jugendlichen aus Kassels Partnerstadt Ramat Gan aus. Er freute sich auf die Reise einer Kasseler Jugendgruppe nach Israel, wie die Kasseler Vize-Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) beim Neujahrsempfang erzählte. An jenem Freitag chatteten die Mädchen und Jungen über Halloween-Kostüme. Doch am 7. Oktober überfiel die Hamas Israel. Der Besuch ist auf unbestimmte Zeit verschoben.
Die Kasseler Arbeitsgemeinschaft der DIG, die nächstes Jahr 50 wird, organisiert nicht nur Jugendbegegnungen, sondern informiert über Israel und vertieft die Kontakte nach Ramat Gan, wie der zweite Vize-Vorsitzende Boris Krüger sagte. Trotz der Zunahme an antisemitischen Vorfällen gibt es auch Dinge, die der 120 Mitglieder zählenden DIG Hoffnung machen – etwa der Wächterdienst an der Synagoge, der laut Padva „ziemlich einmalig ist in Deutschland“. (Matthias Lohr)
Rubriklistenbild: © Dieter Schachtschneider

