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Zum Tag des offenen Denkmals hat das Rittergut in Aue seine Türen geöffnet. Es gehört der Familie Schmidt, die es als ein Abenteuer bezeichnet.
Aue – Im Treppenhaus knarrt die Holztreppe bei jedem Schritt. In manchen Räumen fehlt nur die Tapete, in anderen sind unverputzte Gefache aus Lehm zu sehen oder es fehlt sogar der Fußboden und man kann bis ins Stockwerk darunter sehen. „Diese Baustelle ist unser Abenteuer“, sagt Familie Schmidt und fügt hinzu: „Wir wissen nicht, was uns noch alles erwartet.“ Wer als Besucher am Tag des offenen Denkmals einen Rundgang durch die unglaublich vielen Zimmer des viergeschossigen Herrenhauses auf dem Rittergut in Aue macht, bekommt eine gute Vorstellung davon, was die Worte bedeuten.
Ein Abenteuer in jeder Hinsicht: 1576 wurde das Gutshaus von Ritter Reinhard von Eschwege erbaut. Peter Schneider aus Aue erzählt den Besuchern die ältere und die jüngere Geschichte: 1963 verschenkte Elmar von Eschwege das Anwesen an eine Stiftung, 1976 ging es in den Besitz des Landes Hessens über, und nach einem weiteren Besitzer übernahm 2017 die Familie Schmidt, die den Gutshof neu beleben möchte und Räume für Kultur, zum Wohnen und Arbeiten erschaffen will. „Wir möchten uns auch den Fragen der Gegenwart stellen“, sagt Andreas Schmidt. „Etwa, wie wir mit dem demografischen Wandel oder Einsamkeit im Alter umgehen.“
Nachdem die Familie 2022 zum ersten Mal die Tore des Anwesens öffnete und vom großen Interesse der Besucher überwältigt war, wollte sie in diesem Jahr wieder am Denkmaltag mit dabei sein. Und erneut kamen Hunderte Besucher, um sich über die Fortschritte zu informieren. „Man fährt so oft an dem Gebäude vorbei, jetzt wollten wir es auch einmal von innen sehen“, sagten etwa Gerhard und Monika Marquardt. „Wir haben großes Interesse am Denkmalschutz, und dieses Haus ist erhaltungswürdig.“ Genau das ist das Ziel: Mithilfe des Landesamtes für Denkmalschutz und Fördergeldern wird versucht, das historische Bauwerk zu erhalten. 1576 erbaut – so alt sind viele der Balken noch. In Wänden und Fußböden kommt manch morsches Holz zum Vorschein. Doch von der Original-Bausubstanz ist noch mehr ganz als kaputt. „Die Vorgabe lautet, nur das zu ersetzen, was nicht mehr repariert werden kann, in Eiche“, erklärt Igor Jelcic von der Zimmermannsfirma Drachen-Bau. Alle Holzverbindungen sollen nach Möglichkeit mit Holznägeln ausgeführt werden, anstelle von Stahlnägeln.
Großen Schaden hat das undichte Dach dem Herrenhaus beschert, deshalb wurden nun alle Dächer saniert und neu gedeckt, wenn möglich mit den historischen Ziegeln. „Die Herausforderung ist das große Volumen der Dachflächen“, sagte Dachdeckermeister Dietrich Baunack. „Wenn man die Nebengebäude hinzuzählt, haben wir gut 80 Tonnen Dachziegel erneuert.“ Auf dem Dachboden kamen bei den Arbeiten einige interessante Funde zutage: Tagebücher des ehemaligen Gutsherrn, alte Zeitungen von 1890, Rechnungen, Dokumente und Andenken an die im Krieg gefallenen Soldaten der Familie.
Auf dem Dachboden sollen dafür nun die Fledermäuse einziehen und einen Lebensraum erhalten. Dafür gab es eine Plakette des Nabu für ein fledermausfreundliches Haus. Das Haus spricht als historisches Baudenkmal für sich. Um die Geschichte drumherum sichtbar zu machen, zeigten an diesem Tag viele Gruppen und Vereine ihre Kunst, wie das Wanfrieder Kommödchen, das historische Spielszenen nachstellte, die Weißstickerinnen aus Wanfried, die von Luzine Happel angeleitet werden, oder Elke Becker mit ihrem Spinnkreis. In einem 20er-Jahre-Café gab es selbst gebackenen Kuchen. Und gegenüber an der Wasserburg in Aue wurden vom Heimatverein Bratwürstchen gegrillt. (Kristin Weber)


