Klimaprotest

Training der Letzten Generation: Klimaprotest als Onlinekurs

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Die „Letzte Generation“ kippt an der Commerzbank-Zentrale schwarz gefärbtes Wasser aus. Die Gruppe fordert damit das Ende aller Investitionen in fossile Energien.
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Die Klimaprotestgruppe Letzte Generation bildet Nachwuchs aus. Und das für Jede:n erreichbar über Videos im Netz.

Frankfurt – Die Klimaprotestgruppe Letzte Generation hat am Montag in Frankfurt ein Lebenszeichen gegeben: Farbe an den Scheiben des Hörsaalzentrums der Goethe-Uni, Campus Westend. Die Gruppe lädt auch zu Vorträgen mit Diskussion ein. Oder gleich zum Training. Wer dafür keine Zeit hat, kann sich auch einfach ein Trainingsvideo auf der Website anschauen.

Das spielt in einem Seminarraum in Berlin. Dort führt Lisa durchs Programm, 20 Jahre alt, rötliche Haare, Schlabberpulli. Die Schülerin macht gerade ihr Abi und ist seit fast eineinhalb Jahren bei der Gruppe. Der zweite Trainer ist Raphael, 37 Jahre alt, verwegene Frisur, Typ Pirat. Die orange Warnweste, das Erkennungszeichen der „Letzten Generation“, hängt lässig über einem Stuhl im Hintergrund.

Klimaprotest der Letzten Generation in Frankfurt: „Bereit, staatliche Konsequenzen zu tragen

Raphael spricht von den Werten der Gruppe. Am wichtigsten: keine Gewalt. „Es ist zivil, friedlich.“ Gruppendruck gebe es keinen, alle sollten protestieren, wie sie es sich zutrauten, ohne Drogen oder Alkohol. Und: „Wir sind bereit, sämtliche staatlichen Konsequenzen in Kauf zu nehmen“.

Davon gebe es einige, berichtet Lisa. Etwa der Vorwurf der Nötigung. Wenn den Aktivistinnen und Aktivisten vorgeworfen werde, andere daran zu hindern, einen Ort zu verlassen. Das ende, so Lisa, meist mit einer Geldstrafe, wenn die Beschuldigten ohne Vorstrafe seien. Falls doch, seien auch härtere Sanktionen möglich, etwa ein Eintrag ins Führungszeugnis. Andere Vorwürfe seien Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, „wenn wir uns festgeklebt haben“.

Klimaprotest der Letzten Generation in Frankfurt: Schauspielerin in Frankfurt vor Gericht

Meist gehe man gegen Urteile auch in Berufung. Am kommenden Freitag, 19. Januar, zum Beispiel zieht es Schauspielerin Mathilde Irrmann zurück vor Gericht. Im Frühjahr 2022 hat sie eine Straße in Frankfurt mit blockiert. Das Amtsgericht hat sie zu 95 Tagessätzen à 25 Euro verurteilt, jetzt geht’s vors Landgericht.

Im Film geht der Blick hinter die Kulissen weiter mit Fachvokabular. So steht „Biene“ für Aktivisten oder Aktivistinnen im Protest. Die gehen zusammen mit ihrer „Bezugsgruppe“ los, die sich vor der Aktion kennenlernt, die „Bienenkönigin“ hält Kontakt zum „Backoffice“, wo im Hintergrund die Fäden zusammenlaufen. Die „Hummeln“ beobachten und dokumentieren, die Pressebiene spricht mit der Presse.

Klimaprotest der Letzten Generation in Frankfurt: Protestort erst kurzfristig bekannt

Den Einsatzort erfährt die Gruppe kurz vor Protest, dann schlendert sie unauffällig in Kleingruppen los. Wenn die Fußgängerampel Grün zeigt, setzt sich die Gruppe auf den Überweg und rollt Banner aus. Festgeklebt wird, wenn die Polizei eintrifft. Weil es auch passieren könne, dass Passanten gewalttätig würden. „Die achten nicht darauf, ob wir angeklebt sind“, sagt Raphael. Die Polizei geht dann feinfühliger vor. Meist mit Speiseöl zum Kleberlösen, erst danach folgten Schmerzgriff und Wegtragen.

Wer Glück hat, kassiert lediglich einen Platzverweis, manche müssen eine Zeit in Gewahrsam verbringen. Dort ist es weniger unheimlich als langweilig. Tipp: singen, dichten und versuchen, ein Buch mitzunehmen.

Mathilde Irrmanns Berufungstermin ist am Freitag, 19. Januar, 10 Uhr am Landgericht Frankfurt, Hammelstraße 1, Gebäude E, Raum 12, erster Stock. (George Grodensky)

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