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Der Leiter der Frankfurter Arbeitsagentur spricht im FR-Interview über das Ausscheiden der Babyboomer aus dem Arbeitsmarkt, Werbekampagnen um Fachkräfte und den Einsatz von KI.
Frankfurt - Seit Jahren klagen die Unternehmen in Frankfurt und der Region, aber auch Stadtverwaltungen über die Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen. Bei Umfragen wird der Fachkräftemangel meist als größtes Risiko für den Geschäftsbetrieb genannt. Nun könnte sich die Lage zuspitzen. Björn Krienke, der Leiter der Agentur für Arbeit in Frankfurt, spricht im Interview über Möglichkeiten, mit dem Mangel umzugehen.
Herr Krienke, wie passt es eigentlich zusammen, dass so viele Unternehmen über Fachkräftemangel klagen, die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten aber auf einem Rekordwert liegt?
Wir haben mehr als 630 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Frankfurt. So viele waren es tatsächlich noch nie. In der Corona-Krise gab es eine Delle. Wir hätten nicht unbedingt damit gerechnet, dass die Beschäftigtenzahl nun sogar über die Werte vor der Pandemie gestiegen ist. Das spricht für die Dynamik und die Robustheit des Arbeitsmarkts im Rhein-Main-Gebiet. Die Region wächst nach wie vor, viele Unternehmen siedeln sich an, das Umfeld gilt als attraktiv. Schon jetzt wären viele Jobs ohne Zuzug aus dem Ausland nicht zu besetzen. Nun scheiden aber immer mehr Babyboomer aus dem Arbeitsmarkt aus. In Frankfurt rechnen wir für das Jahr 2032 mit einer Verdreifachung der Renteneintritte im Vergleich zu 2020.
Wie viele Menschen sind das dann?
Im Schnitt werden 17 700 Menschen pro Jahr in Rente gehen. Im Moment sind es etwa 10 000.
In welchen Bereichen sehen Sie derzeit den größten Mangel in Frankfurt und der Region?
In der Metropolregion wird vor allem in den Berufsfeldern IT, Erziehung, Pflege und im Handwerk viel Personal gesucht. Speziell in Frankfurt gibt es zudem einen Mangel im Bereich Gastronomie und Hotellerie. Wir sind ja eine Tourismusstadt. Wir haben auch in der Logistik einen enormen Arbeitskräftebedarf.
„Gesucht werden vor allem höher qualifizierte Arbeitskräfte“
Was heißt der Fachkräftemangel für Menschen, die arbeitslos sind oder einen neuen Job suchen? Verbessert er ihre Chancen auf eine vernünftig bezahlte Anstellung?
Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Gut qualifizierte, berufserfahrene Menschen können derzeit sehr schnell wieder Arbeit finden. Die meisten sind schon nach zwei, drei Monaten zurück im Job. Anders sieht es für Menschen ohne abgeschlossene Ausbildung oder andere Qualifikationen aus. Zu dieser Gruppe gehören zwei Drittel der Arbeitslosen in Frankfurt. Denn der Bedarf an Hilfstätigkeiten sinkt angesichts der Digitalisierung langfristig eher. Gesucht werden vor allem höher qualifizierte Arbeitskräfte.
Wer über keine oder nur eine geringe berufliche Qualifikation verfügt, profitiert also nicht vom riesigen Bedarf an Arbeitskräften?
Richtig. Umso wichtiger wird das Thema Qualifizierung. Wir brauchen schon angesichts des technischen Wandels eine neue Weiterbildungskultur.
Hessenweit gehen nach Zahlen, die Anfang des Jahres präsentiert wurden, bis 2028 fast 630 000 Menschen in Rente. Ist es überhaupt möglich, diese Lücke zu decken?
Allein durch den Inlandsarbeitsmarkt nicht. Wir brauchen eine gesteuerte Zuwanderung. Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz, das die Bundesregierung auf den Weg gebracht hat, ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung. Es wird leichter für Menschen aus Drittstaaten, hier Arbeit aufzunehmen. Das ist sehr wichtig. Bis 2025 fehlen bundesweit aber sieben Millionen Arbeitskräfte.
Zur Person
Björn Krienke leitet seit Februar dieses Jahres als Nachfolger von Stephanie Krömer die Frankfurter Agentur für Arbeit, für die er seit Oktober 2020 zunächst als Geschäftsführer operativ tätig war. Zuvor hatte der 48-Jährige das operative Geschäft bei der Agentur für Arbeit Gießen geleitet.
Die Arbeitslosigkeit in Frankfurt stieg im Oktober leicht an. Mit sechs Prozent liegt die Quote aber im mehrjährigen Vergleich immer noch auf einem relativ niedrigen Wert. cm
Wo sehen Sie darüber hinaus Potenzial?
Zum Beispiel bei Menschen aus der sogenannten stillen Reserve, also etwa Frauen, die nach einer Elternzeit nicht oder in geringem Umfang wieder berufstätig sind. Wir können sie beraten und qualifizieren, damit sie wieder auf dem Arbeitsmarkt aktiv werden können. Aber das ist auch ein Kinderbetreuungsthema. Wir müssen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf noch sehr nachlegen.
Tun die Unternehmen genug, um selbst Fachkräfte auszubilden oder weiterzuqualifizieren?
Da ist schon viel im Gange, viele machen sich strategisch Gedanken über den zukünftigen Qualifizierungsbedarf ihrer Beschäftigten. Aber wir könnten da noch eine Schippe drauflegen. Es wird immer wichtiger für Unternehmen, selbst in die Qualifikation ihrer Beschäftigten zu investieren.
Frankfurter Arbeitsamtchef: zunehmend Quereinsteiger gesucht
Was heißt das? Müssen Betriebe auch Menschen eine Chance geben, die noch nicht alles mitbringen, was für eine Stelle verlangt ist?
Genau. Dazu gibt es aus meiner Sicht keine Alternative. Es sollten zum Beispiel nicht immer super Deutschkenntnisse als Voraussetzung für einen Job gelten. Wenn wir es mit der Willkommenskultur ernst meinen, können wir nicht erwarten, dass jeder sofort perfekt Deutsch spricht.
Die Deutsche Bahn sucht mit riesigen Werbekampagnen ständig nach Quereinsteiger:innen, zum Beispiel als Lokführerin oder Lokführer. Welche Rolle können Umschulungen spielen, um den Mangel in bestimmten Branchen zu decken?
Eine bedeutende Rolle. Wir sehen auch in anderen Branchen, dass zunehmend Quereinsteiger gesucht werden. Wir unterstützen dies mit Umschulungen. Auch eine Teilqualifizierung kann sinnvoll sein.
Für wen könnte eine Neuorientierung sinnvoll sein? Auch noch für Menschen mit Mitte 40?
Auf jeden Fall. Sie können auch mit 50 noch eine komplette Umschulung machen. Die Arbeitslosigkeit bei Menschen ab 50 Jahren ist in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Arbeitgeber sind inzwischen viel offener für neue ältere Beschäftigte.
In welchem Umfang können Unternehmen oder die öffentliche Verwaltung Personallücken durch Digitalisierung schließen, etwa durch Einsatz von KI, also künstlicher Intelligenz?
KI und Automatisierung können helfen, den Fachkräftebedarf zu decken. Uns wird nichts anderes übrigbleiben. KI kann in Wissensberufen zum Beispiel Recherchearbeiten übernehmen und bei der Erstellung von Texten helfen. Für die Gastronomiebranche oder die Hotellerie wird es leichter vorhersehbar, wann wie viele Gäste kommen, so dass sich der jeweilige Personalbedarf besser planen lässt. (Christoph Manus)
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