VonMatthias Lohrschließen
Über Jahre soll ein Student der Uni Kassel gegenüber seiner damaligen Partnerin gewalttätig gewesen sein. Die Frau und andere Studentinnen werfen der Hochschule nun vor, sie nicht ernst zu nehmen.
Kassel - Als Lina Sperl im November 2021 die Polizei rief, wusste sie nicht mehr weiter. Der Freund der Studentin war wieder zum Schläger geworden. So erzählt es Sperl, die eigentlich anders heißt. Schon einmal hatte er ihren Kopf so lange gegen die Tür gehauen, bis die Tür kaputt war. Nun drückte er ihr die Luft ab, schaute ihr in die Augen und sagte: „Ich bringe dich um.“ Die damalige Studentin, die heute 28 ist, dachte: „Entweder er bringt mich um oder ich bringe mich um.“
Gewalt gegen Studentin der Uni Kassel: Partner zu Bewährungsstrafe verurteilt
So schildert es Sperl der HNA. Die Situation damals hat sie überstanden, aber sie ist bis heute schwer traumatisiert, wie sie sagt. Der Fall landete vor dem Kasseler Amtsgericht, ihr damaliger Partner, ein heute 32-Jähriger, wurde wegen gefährlicher Körperverletzung und Nötigung zu einem Jahr und vier Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Auch auf dem Campus wird über diese und andere Taten geredet. Die Unileitung hat sich ebenfalls damit beschäftigt.
Vor wenigen Wochen demonstrierten mehrere Dutzend Menschen vor der Mensa gegen „Sexualisierte Gewalt auf dem Campus“, wie die Kundgebung überschrieben war. Auch über Sperls Fall wurde dort gesprochen.
Es hieß, die Uni betreibe Täterschutz, Übergriffe würden nicht ernst genommen, und Flinta-Personen, also Frauen, Lesben, nichtbinäre und intersexuelle Menschen, könnten sich an der Uni nicht sicher fühlen. Einige forderten gar die Exmatrikulation des Mannes, der auch gegenüber anderen Partnerinnen gewalttätig geworden sein soll.
Psychische Manipulation und Gewalt: Kasseler Studentin berichtet
Tatsächlich ermittelte die Staatsanwaltschaft auch wegen Vorwürfen einer anderen Frau, mit der er zusammen gewesen sein soll. Es ging um Gewalt- und Sexualdelikte. Dieses Verfahren wurde eingestellt, wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft mitteilt.
Der Mann, den einige Studentinnen nicht mehr an der Uni sehen möchten, ließ mehrere Anfragen der HNA unbeantwortet. Gegen das Urteil des Amtsgerichts hat er Berufung eingelegt. So kommt es diese Woche zur Revisionsverhandlung am Landgericht.
Lina Sperl muss noch einmal erzählen, wie es aus ihrer Sicht gewesen ist. Sie sagt, ihr damaliger Partner, den sie 2015 beim Studium kennengelernt habe, habe sie von Beginn an psychisch manipuliert, ohne dass sie es gemerkt habe. Aus Angst vor ihm habe sie später Hausarbeiten und Teile seiner Bachelor-Arbeit für ihn geschrieben. Mindestens zwei weitere ehemalige Partnerinnen von ihm hätten ebenfalls Gewalt erlebt. „Es ist traurig, dass sich Betroffene so selten trauen, Anzeige zu erstatten, aber ich kann nach meinen Erfahrungen sehr gut verstehen, dass die Hürde so groß ist“, sagt Sperl.
Von der Uni Kassel im Stich gelassen? Studentin erhebt schwere Vorwürfe nach Partner-Gewalt
Sie spricht von der Scham, bei der Polizei und vor Gericht aussagen zu müssen, und von wenig Verständnis, auf das sie gestoßen sei. Eine Professorin, der sie von der Anzeige berichtet habe, habe geantwortet: „Kreative Männer sind oft Hitzköpfe.“ Von der Uni, der Gleichstellungsbeauftragten und der Psychologischen Beratungsstelle fühlt sie sich im Stich gelassen. Und sie sagt: „Die Universität nimmt Frauen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, nicht ernst. Beispielsweise sind K.-o.-Tropfen auf Uni-Partys ein großes Problem.“
Die Universität versichert, dass man „die Beschwerden und die strukturelle Gefährdung von Frauen und anderen Personenkreisen im öffentlichen Bereich sehr ernst“ nehme. So sei Sperl vom Dekanat mehrfach beraten und an eine kompetente externe Beratungsstelle vermittelt worden.
Nach den auch auf der Demo öffentlich vorgetragenen Vorwürfen sei man jeden einzelnen Unterstützungsschritt erneut durchgegangen. Es habe etwa 20 Gespräche gegeben, an denen die Präsidentin, der Kanzler, die leitende Justiziarin, der Dekan sowie Gleichstellungsbeauftragte teilgenommen hätten.
Gewalt auf dem Campus? Uni Kassel verweist auf Kampagne und Awareness-Schulungen
Zudem verweist die Sprecherin auf die „AG Sicherheit auf dem Campus“ sowie die Kampagne „Das Schweigen stoppen! Zum Schutz vor sexualisierter Diskriminierung und Gewalt“ aus dem Jahr 2022. Nicht nur mit Blick auf die Uni-Partys, wo K.o-Tropfen ein Problem sein sollen, wie es ebenfalls bei der Demo hieß, gebe es Awareness-Schulungen. Dort werden Achtsamkeit und ein respektvoller Umgang aufgezeigt, um den Schutz zu verbessern.
Den Forderungen nach einer Exmatrikulation des Ex-Partners von Sperl erteilt die Uni-Sprecherin eine Absage: „Grundsätzlich verlieren Menschen auch nach einer Verurteilung wegen einer Straftat ihre Bürgerrechte nicht. Dazu gehört auch das Recht auf Bildung. Darüber setzt sich die Universität nicht hinweg.“
In diesem Fall seien aber einvernehmlich Maßnahmen zur Deeskalation im Lehrbetrieb getroffen worden, „die ein Zusammentreffen mit anderen Studierenden minimieren“. Zudem hätten sich die Taten ja im privaten Bereich abgespielt. Sperl indes beteuert, dass sie auf dem Campus ebenfalls von ihrem Partner angegangen worden sei.
Harte Aussagen von Kasseler Studentin nach Gewalt: „Es wäre einfacher, tot zu sein“
Auch auf Instagram spricht sie über ihre Erfahrungen. Gerade hat sie dort einen Post geteilt, in dem es heißt: „Es wäre einfacher, tot zu sein und niemanden mehr erzählen zu müssen, was er mir alles angetan hat.“ Der HNA sagte sie, ihr Weg sei trotzdem der richtige, wegen der Prävention: „Niemand sollte noch mal das erleben, was ich erleben musste.“ (Matthias Lohr)Er
Erst kürzlich sah sich die Leitung der Uni Kassel wegen einer angekündigten Pro-Palästina-Demo zum Handeln gezwungen. Zu dieser war unter anderem mit dem Begriff „Intifada“ aufgerufen worden.
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