VonMatthias Lohrschließen
Fabian Diekmannschließen
In Thüringen könnte die AfD am Sonntag erstmals bei einer Landtagswahl stärkste Kraft werden. Eine Spurensuche im benachbarten Bundesland.
Eisenach – Am Montagmittag um kurz nach zwölf steht eine 80-jährige Frau auf dem Marktplatz in Eisenach und macht sich Sorgen um die Demokratie. Kurz vor der Landtagswahl am Sonntag in Thüringen, bei der die AfD erstmals stärkste Kraft werden kann, blickt ganz Deutschland auf den Freistaat. Viele wollen wissen: Was bewegt die Menschen hier? Und warum wählen so viele eine Partei, deren Landesverband laut Verfassungsschutz „gesichert rechtsextremistisch“ ist? Die Frau weiß es auch nicht und sagt den Reportern resigniert: „Ein Glück, dass ich schon so alt bin.“
Im einstigen Mustergau Thüringen wurde die NSDAP 1929 erstmals an einer Landesregierung beteiligt. Nun steht die rot-rot-grüne Koalition von Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) laut Umfragen kurz vor dem Aus. Eine Regierungsbildung dürfte sehr kompliziert werden. Ist es für die Demokratie in Thüringen fünf vor zwölf? Unterwegs im thüringisch-hessischen Grenzgebiet.
„Wir Ostdeutsche haben eine Antenne und merken, wenn man uns verarscht“
Fragt man Kai Rott, ob die AfD eine Gefahr für die Demokratie sei, schüttelt er den Kopf und fragt: „Warum denn?“ Der Postbote ist nach Eisenach geradelt, macht dort auf dem Marktplatz eine Pause und erklärt, warum er AfD wählt. „Die Leute im Osten“, sagt der 49-Jährige, „haben die Schnauze voll. Es muss einen Umschwung geben.“
Rott wohnt mittlerweile im hessischen Obersuhl, fühlt sich aber immer noch als Thüringer, wie er sagt: „Wir Ostdeutsche haben eine Antenne und merken, wenn man uns verarscht.“ Er meint die angeblich zu lasche Migrationspolitik, die zu Messerattacken wie in Solingen führe, aber auch die Armut. Sein Vater habe immer gearbeitet und bekomme nun 1180 Euro Rente. Er fragt sich: Ist das gerecht?
AfD-Sympathisant ist Rott seit Corona. In der Pandemie war er an der Arbeit der einzige Ungeimpfte, aber kein Corona-Leugner, wie er sagt. Damals diskutierte Deutschland über eine Impfpflicht. Heute wird Rott als Nazi beschimpft, wenn er die Migrationspolitik kritisiert. So erzählt er es. Er glaubt: „Die Meinungsfreiheit wurde uns genommen.“ Seine Meinung steht nun hier.
Er hätte sie auch am Rande von Wahlkampfveranstaltungen von CDU und Linken äußern können, die er besucht hat. Rott ist enttäuscht von den Altparteien, wie sie genannt werden. Auch das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) ist keine Alternative für ihn. Spitzenkandidatin des BSW ist Katja Wolf. Bis Juni war sie als Linken-Politikerin Oberbürgermeisterin von Eisenach. Nun ist sie die Hoffnung von vielen, die einen AfD-Ministerpräsidenten Björn Höcke verhindern wollen.
Soziologe Mau: Im Osten ganz andere Wählerschaften und Parteiensysteme
Der Soziologe Steffen Mau hat in einem Interview gerade einige Besonderheiten des Ostens genannt. Eine ist: Es gibt hier ganz andere Wählerschaften und Parteiensysteme. Darum kann eine Partei wie das BSW, dessen Programm gerade mal vier Seiten umfasst, plötzlich stark werden.
Christoph Hohmann hat noch andere Erklärungen, was Thüringen besonders macht. Der Sozialkundelehrer ist Direktkandidat der SPD im Wartburgkreis und verteilt Flyer in der Fußgängerzone. Der 40-Jährige weiß, dass es am Sonntag schwierig wird. Seine Partei kann froh sein, wenn sie es überhaupt wieder ins Erfurter Parlament schafft.
Dabei ist die Lage in Thüringen gar nicht so schlecht – gerade auch in Eisenach. Die hübsche 40 000-Einwohnerstadt lockt nicht nur wegen der Wartburg viele Touristen an. Die Menschen arbeiten bei Opel und Autozulieferern. In ganz Thüringen beträgt die Arbeitslosenquote nur 6,3 Prozent.
Trotzdem fühlen sich die Menschen abgehängt. „Viele Ältere fühlen sich nicht wertgeschätzt von der Bundespolitik“, sagt Hohmann. Ein Drittel hier erreiche man nicht mehr. Er meint die AfD-Wähler.
Thüringer Göbel: Im Osten reden sich viele ein, benachteiligt zu sein
Wo Ost und West einst getrennt waren, bringt heute Jürgen Gießler den Menschen Geschichte nah. Der Rentner führt in seiner hessischen Heimatgemeinde Obersuhl Besuchergruppen über den Grenzlehrpfad, der an den ehemaligen Todesstreifen der innerdeutschen Grenze erinnert.
Gießler beobachtet, dass die Teilung für Jüngere vor allem im Westen kein Thema mehr sei, hier gebe es nur Thüringer und Hessen. Gleichwohl macht der 62-Jährige auch Unterschiede zwischen Ost und West fest: „Im Osten sehnen sich nicht wenige nach einer staatlichen Vollversorgung zurück, wie es sie zu DDR-Zeiten gab.“ Und in Gesprächen seien „Ausländer oft das erste Thema“.
Auf der anderen Seite der Landesgrenze kauft Erich Göbel in einem Supermarkt ein. Der Historiker ist 2009 aus dem Rheinland nach Thüringen gezogen – der Liebe wegen. Nun stellt er fest, dass sich viele im Osten einreden, dass sie benachteiligt seien. Dabei sei die Infrastruktur durch Investitionen nach der Wiedervereinigung teilweise besser als in manchen Orten im Westen. Auch wenn die Gehälter im Osten niedriger sind als im Westen, geht es laut Göbel also auch um eine gefühlte Benachteiligung.
So sieht es auch Edith Kohlhaas. Die 79-Jährige aus Gerstungen hat Mathe, Physik und Religion unterrichtet und sagt: „Die Menschen hier wissen gar nicht, wie gut es ihnen geht.“ Für die Pädagogin ist der Aufstieg der AfD auch eine Folge des Bildungssystems: „Die Jugendlichen werden in der Schule nicht mehr darüber aufgeklärt, was es bedeutet, keine Demokratie zu haben.“
Über 80 Prozent der Thüringer leben in ländlichen Regionen
Über 80 Prozent der Thüringer leben in ländlichen Regionen. Auch das ist eine Besonderheit und eine Erklärung für den Erfolg der AfD. Eines der schönsten Dörfer ist Bornhagen im Eichsfeld. 247 Menschen leben hier zwischen Wäldern unweit der Burg Hanstein, von wo man einen fantastischen Blick ins Werratal und bis in den Harz hat. Einer der Einwohner ist AfD-Spitzenkandidat Björn Höcke, der seine Partei immer weiter nach rechts gerückt hat. Populisten wie Wagenknecht, heißt es, wollten die Politik verändern, aber Höckes AfD wolle die Demokratie abschaffen. Auch deshalb gingen im Winter Massen auf die Straßen.
Höcke, der bis 2014 Lehrer an der Rhenanus-Schule im hessischen Bad Sooden-Allendorf war, lebt mit seiner Familie im ehemaligen Pfarrhaus. Bei der Kirmes helfe er im Dorf, seine vier Kinder seien wohlerzogen, lobt der Mann, der das Wurstmuseum leitet. Dies lockt neben der Burg Hanstein und Höcke die meisten Besucher ins Dorf, das manche „Björnhagen“ nennen. Hier ist der 52-Jährige kein Faschist, für den ihn viele halten, sondern ein netter Nachbar.
Bürgermeister Tobias Beckmann trifft Höcke oft, wenn der läuft oder Rad fährt, wie er sagt. Dann gebe es ein nettes Wort: „Man versteht sich mit ihm im Dorf.“ Der ehrenamtliche Bürgermeister bittet, seinen Beruf nicht zu erwähnen. Es solle keine falschen Rückschlüsse geben.
Im Gemeinderat gibt es keine Parteien, sondern nur die Interessengemeinschaft der Feuerwehr. „Es geht eher darum, dass der Rasen auf dem Friedhof gemäht ist und die Straßenlaternen funktionieren“, sagt Beckmann. Trotzdem ist Bornhagen auch politisch. Schon bei der Landtagswahl 2014 erreichte die AfD mit 36,5 Prozent hier ihr bestes Ergebnis.
Für die hohe Zustimmung macht Beckmann auch die Antifa verantwortlich. Die organisierte mehrere Aktionen. Laut dem Bürgermeister zogen marodierende Gruppen durch den Ort: „Es waren mehr Polizisten als Einwohner hier.“ Und immer wieder kämen Touristen und fragten, wo Herr Höcke wohne. Auch die Aktionskünstler des Zentrums für politische Schönheit machten Schlagzeilen. Höcke hatte das Berliner Holocaust-Mahnmal als „Denkmal der Schande“ verspottet. Die Gruppe stellte auf einem Grundstück neben seinem Anwesen 24 Stelen auf, damit Höcke auf sein „Denkmal der Schande“ blickt. Bürgermeister Beckmann sagt: „Dabei will man hier einfach seine Ruhe haben.“
Wen er am Sonntag wählt, verrät er nicht, aber er sagt, dass die AfD eine demokratisch gewählte Partei sei wie andere auch: „Ich weiß nicht, ob man der AfD eine Chance geben sollte. Es wäre jedenfalls interessant, wenn sie an der Macht wäre. Mit Polemik allein könnte sie dann nicht mehr erfolgreich sein.“ Vielleicht wird dieses Experiment schon bald Wirklichkeit. (Matthias Lohr, Fabian Diekmann)
In Thüringen wird ein neuer Landtag gewählt. Im Vorfeld spricht der Kasseler Rechtsexperte Hermann K. Heußner über ein mögliches Verbot der AfD.
Rubriklistenbild: © Matthias Lohr



