Wohnungsbau

Frankfurt: ABG-Chef Junker wehrt sich gegen Kritik aus der Römer-Koalition

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Frank Junker steht seit 1993 an der Spitze des städtischen Immobilienkonzerns ABG Frankfurt Holding.
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Der Chef der städtischen Wohnungsgesellschaft ABG Frankfurt Holding spricht im Interview über den Streit über höhere Sozialquoten und Chancen, die die Immobilienkrise bieten kann..

Die städtische Wohnungsbaugesellschaft ABG Frankfurt Holding soll künftig deutlich mehr geförderten Wohnraum bauen. Die Frankfurter Stadtverordneten haben in der vergangenen Woche eine Quote von 60 Prozent beschlossen – bisher sind 40 Prozent der Neubauten für Sozialwohnungen oder für Mittelstandswohnungen für Haushalte mit etwas höheren Einkommen vorgesehen. Redner von Grünen und SPD griffen in der Debatte den ABG-Geschäftsführer Frank Junker scharf an. Er hatte in Zeitungsinterviews vor einer Erhöhung der Quote gewarnt.

Herr Junker, wie wollen Sie nach der Kritik aus den Reihen von SPD und Grünen weiterhin mit den Koalitionsfraktionen zusammenarbeiten?

Zunächst einmal möchte ich sagen: Ich bin entsetzt darüber, dass an dem Abend in polemischer Weise über eine Person gesprochen wurde, die nicht der Stadtverordnetenversammlung angehört. Im Übrigen ist der Eindruck, ich wäre nicht mit der Politik im Gespräch, schlicht falsch. Es gibt regelmäßig Gespräche – und im Dezember auch eines mit den Stadtverordneten der Koalitionsfraktionen.

Der SPD-Stadtverordnete Simon Witsch hat Ihnen Kompetenzüberschreitung vorgeworfen, weil sie vor einer höheren Quote von gefördertem Wohnraum bei der ABG gewarnt haben…

Der Vorwurf ist starker Tobak. Das habe ich Herrn Witsch am Freitag auch am Telefon gesagt. Ich bin da als Jurist sehr empfindlich, denn ich weiß genau, was meine Kompetenzen sind. Sie ergeben sich aus dem Gesellschaftsvertrag für die ABG und aus dem GmbH-Gesetz. Danach muss ich als Geschäftsführer davor warnen, Entscheidungen zu treffen, die die wirtschaftliche Stabilität des Unternehmens gefährden. Und genau das ist hier der Fall.

Also wird die ABG nicht zu 60 Prozent geförderten Wohnraum bauen, wie es die Stadtverordneten in der vergangenen Woche gefordert haben?

Zumindest kann die ABG das alleine nicht finanzieren, nicht zuletzt wegen der stark gestiegenen Baukosten. Wenn die Stadtpolitik das möchte, dann müsste sie den Bau von geförderten Wohnungen stärker unterstützen.

Über wie viel Geld reden wir?

Darüber sind wir mit der Stadt im Gespräch. Es kommt auch darauf an, ab wann die neuen Quoten gelten sollen. Ich verstehe den Antrag so, dass er nur Bauprojekte betrifft, die noch nicht in Planung sind. Unsere Planung reicht derzeit bis ins Jahr 2028.

Grüne und SPD haben auch kritisiert, dass Sie im Zusammenhang mit einer Zunahme von gefördertem Wohnungsbau von „Ghettoisierung“ gesprochen haben. Werden Sie sich dafür entschuldigen, wie am Donnerstagabend gefordert wurde?

Nein, dafür sehe ich keinen Anlass. Ich habe niemanden beleidigt, und das Wort Ghetto ist in dem Zusammenhang nicht negativ gemeint. Ich würde auch von „Reichen-Ghettos“ reden. Mir geht es nur darum, dass wir weiterhin eine gute Durchmischung in den Vierteln hinkriegen müssen. Geförderter Wohnraum und frei finanzierter Wohnraum – das Verhältnis sollte stimmen.

ABG-Geschäftsführer Frank Junker im Gespräch mit den FR-Redakteuren Georg Leppert und Christoph Manus

Die ABG gehört zu 99,99 Prozent der Stadt. Muss Sie nicht tun, was die Stadt will?

Es ist ja nicht so, dass die ABG nichts tut für die Wohnraumversorgung von förderberechtigten Personen. Ganz im Gegenteil: Wir bauen heute schon zu etwa 45 Prozent im geförderten Bereich. Wir verkaufen der Stadt in großem Stil Belegungsrechte und verlängern mit Hilfe der Stadt die Bindungsfristen für Sozialwohnungen.

Die SPD im Römer will erreichen, dass ein weiterer Passus aus dem Koalitionsvertrag im Römer umgesetzt wird: Die ABG soll die Mieten für Haushalte, die Anspruch auf eine geförderte Wohnung haben, aber in einer frei finanzierten Wohnung leben, in bestimmten Fällen senken. Was halten Sie davon?

Zur Person und zum Unternehmen

Frank Junker ist Geschäftsführer der ABG Frankfurt Holding, Wohnungs- und Immobilienkonzern der Stadt Frankfurt. Der 66 Jahre alte Rechtsanwalt steht bereits seit 1993 an der Unternehmensspitze. Sein Vertrag läuft noch bis Ende 2026.

Der ABG gehörten Ende 2022 genau 54 122 Wohnungen. Damit zählt sie zu den größten Wohnungsgesellschaften Deutschlands. Sie hat ihren Bestand in den vergangenen Jahren durch eine im Vergleich hohe Neubautätigkeit sukzessive erhöht. Noch im Jahr 2018 hatte die ABG, die zu 99,99 Prozent der Stadt, zu 0,01 Prozent der Frankfurter Sparkasse gehört, 1836 Wohnungen weniger in der Vermietung.

Dem Unternehmen gehören zudem 942 gewerbliche Einheiten, darunter die städtischen Bürgerhäuser und Parkhäuser mit fast 36 000 Parkplätzen. Gerade mit diesen Parkplätzen verdient sie viel Geld.

Finanziell steht die ABG ohnehin sehr gut da. Für 2022 wies sie einen Jahresüberschuss von 78,5 Millionen Euro aus. Die bilanzielle Eigenkapitalquote stieg auf 42,3 Prozent. Die Stadt profitiert von einer Gewinnausschüttung in Höhe von 8,3 Millionen Euro.

Die Wohnungsgesellschaft , die seit Jahren nur im Passivhausstandard baut, hat trotz aller Krisen große Projekte am Laufen, etwa am Rebstock, wo gut 880 Wohnungen entstehen. cm

Zunächst einmal gibt es Wohngeld. Wenn jemand seine Miete nicht bezahlen kann und unterhalb bestimmter Einkommensgrenzen liegt, hat er darauf möglicherweise Anspruch. Wohngeld ist Bundes- und Landessache, belastet also den städtischen Haushalt nicht. Wenn die Stadt die Forderung aus dem Koalitionsvertrag umsetzen würde, müsste sie den Differenzbetrag zwischen der reduzierten Miete und der bisherigen Miete bezahlen. So ist es darin auch vorgesehen.

Dann hätte die ABG doch kein Problem.

Das stimmt. Wenn die Stadt die Kosten trägt, hätten wir damit kein Problem.

Gibt es schon Gespräche über diese Mietsenkungen?

Im Moment nicht.

Bleibt es dabei, dass die ABG wegen hoher Baukosten erst in gut einem Jahr neue Projekt angeht?

Das ist so. Mit diesem Neubaustopp sind wir aber nicht alleine. Fast alle Unternehmen in der Branche halten es derzeit nicht für möglich zu bauen. Wenn wir jetzt mit neuen Projekten beginnen würden, kämen Wohnungsmieten von mehr als 20 Euro pro Quadratmeter heraus. Wir gehen davon aus, dass das Jahr 2024 noch schlimmer wird als das laufende Jahr. Das ist keine Einschätzung von mir, sondern von der Branche. Hoffentlich hat sich der Markt gegen Ende 2024/Anfang 2025 so stabilisiert, dass wir dann wieder beginnen können zu bauen.

Dann wäre als erstes das Hilgenfeld, ein Quartier nördlich des Frankfurter Bergs mit etwa 860 Wohnungen, dran?

Ja, wobei es dort auch jetzt schon vorangeht. Dort laufen die Erschließungsarbeiten. Wir werden im kommenden Frühjahr Bauanträge einreichen. Dann können wir in gut einem Jahr endlich mit dem Bau beginnen.

Sie haben bereits die Krise angesprochen, in der die Immobilienbranche steckt. Wie beobachten Sie denn die großen Schwierigkeiten, die einige Projektentwickler wie die Gerch Group, die das Alte Polizeipräsidium bebauen will, und Investoren wie Signa dieser Tage haben?

Die Projektentwickler gingen in der Vergangenheit offenbar davon aus, dass es bei den Preisen für Eigentumswohnungen immer weiter nach oben geht, der Markt alles hergibt. Das ist nicht mehr der Fall. Und das ist zum Teil auch gut so. Eigentumswohnungen für 15 000 oder 20 000 Euro pro Quadratmeter, wie sie zum Teil entstanden sind und geplant waren, sind das Gegenteil von bezahlbarem Wohnraum. Nun wird sich der Markt bereinigen – leider zum Teil auf Kosten derjenigen, die möglicherweise bereits eine Wohnung angezahlt haben.

Kann die Krise für die ABG auch eine Chance sein? Weil Grundstücke günstiger werden oder auch die Baukosten sinken könnten, weil die Nachfrage sinkt?

Für die Grundstückspreise halte ich das für möglich. Wenn Projektentwickler oder Investoren Vorhaben nicht mehr realisieren können, wird das eine oder andere Grundstück zu Preisen auf den Markt kommen, die unter dem einstigen Kaufniveau liegen. Das könnte eine Chance für die ABG sein. Bei den Baukosten sehe ich noch keine Entspannung. Sie haben nicht in erster Linie mit der hohen Nachfrage nach Bauleistungen, sondern mit den hohen Materialkosten zu tun. Alles, was mit hohem Energieaufwand hergestellt werden muss, ist derzeit immer noch sehr teuer.

Interview: Georg Leppert und Christoph Manus

Im Frankfurter Hilgenfeld laufen schon seit vielen Monaten Erschließungsarbeiten. Mit dem eigentlichen Bau eines neuen Viertels mit 860 Wohnungen will die Frankfurter Wohnungsgesellschaft ABG aber erst in gut einem Jahr beginnen.

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