Kassel

Häusliche Gewalt in Kassel nimmt zu: Beratungsstelle hat mehr Anfragen als je zuvor

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Mehr als 70 Prozent aller Betroffenen von häuslicher Gewalt sind weiblich. Die Zahl der Opfer ist im Vergleich zum Vorjahr gestiegen.
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Die Anzahl der Opfer häuslicher Gewalt in Deutschland steigt weiter an. Das ist auch im Raum Kassel zu beobachten, berichtet die Beratungsstelle „Frauen informieren Frauen“.

Kassel – Die Anzahl der Opfer häuslicher Gewalt in Deutschland steigt weiter an. Das Bundeskriminalamt meldet für das Jahr 2022 mehr als 240.000 Fälle – 2018 waren es noch knapp 213.000. Dieser Trend zeigt sich auch im Raum Kassel, wie das Team des Vereins „Frauen informieren Frauen“ (FiF) bestätigt. „Unsere Arbeit ist wichtiger denn je“, sagt Elke Lomb von der Beratungsstelle gegen häusliche Gewalt.

Denn bei FiF hat es im vergangenen Jahr mehr Kontaktaufnahmen und Beratungen gegeben als jemals zuvor. Insgesamt kam es zu 1200 Kontakten, davon mehr als 500 zeitintensive Gespräche, 300 telefonische Kurzberatungen und etwa 400 Gespräche mit Angehörigen und Unterstützungseinrichtungen.

Zunahme um 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr

Das ist eine Zunahme um 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Und die Nachfrage bei FiF steigt weiter: Lomb berichtet in der ersten Jahreshälfte 2023 von 750 Kontaktaufnahmen. „Das ist nochmal mehr als im vergangenen Jahr. Wir müssen nun aber zunächst die kommenden Monate abwarten“, sagt sie.

Als Grund für den Anstieg häuslicher Gewalt sehen die Mitarbeiterinnen von FiF die Pandemie. Viele Frauen seien jetzt erst in der Verfassung, sich Hilfe zu suchen. „Außerdem ist die Gewalt seitdem nicht wieder weniger geworden. Wir haben ein Krisenjahr nach dem anderen“, sagt Heike Upmann, die ebenfalls im FiF-Team tätig ist.

Der Ukraine-Krieg bringe Unsicherheiten mit sich, finanzielle Probleme spitzen sich weiter zu. „Das hat Auswirkungen auf die Situation in den Familien. Und wenn die Schwelle zur Gewalt einmal überschritten ist, passiert es häufig immer wieder“, sagt Upmann.

„Trennung ist gefährliche Zeit“

Die Beratungsstelle „Frauen informieren Frauen“ berät auch bei Trennung und Scheidung. Die Auswirkungen für Betroffene reichen unter anderem von der Änderung der eigenen Lebensumstände über Fragen der Existenzsicherung bis hin zu den Folgen für gemeinsame Kinder. „Das ist eine gefährliche Zeit, in der Gewalt in der Familie entstehen oder sich noch verstärken kann. Unsere Beratung stellt eine frühzeitige Orientierungshilfe dar“, sagt Elke Lomb. 

Viele Frauen, die sich Hilfe bei der Beratungsstelle suchen, kommen mehrmals zu den FiF-Mitarbeiterinnen. „Ein größer werdender Anteil unserer Klientinnen hat eine Migrationsgeschichte. Die Sprachmittlung macht die Beratung aufwendiger und nimmt mehr Zeit in Anspruch“, sagt Upmann.

Aber auch Beratungen zu Angstbewältigung und Stabilisierung seien häufiger notwendig. Denn immer mehr Frauen in psychischen Ausnahmesituationen kommen zu FiF. In Folge häuslicher Gewalt entwickeln manche Betroffene Depressionen, Posttraumatische Belastungsstörungen oder gar Psychosen.

Häusliche Gewalt in Kassel: „Es geht uns um Hilfe zur Selbsthilfe“

„Das ist herausfordernd und benötigt ebenfalls mehrere Beratungen“, sagt Elke Lomb. Das Ziel des Vereins ist es, die Frauen zu stärken. „Es geht uns um Hilfe zur Selbsthilfe“, sagt Upmann.

Die meisten Opfer häuslicher Gewalt sind weiblich, zwischen 30 und 40 Jahre alt und erleben Gewalt durch ihren Partner oder einen Ex-Partner – Partnerschaftsgewalt betrifft mehr als 65 Prozent der insgesamt 240.547 Fälle häuslicher Gewalt in Deutschland, meldet das Bundeskriminalamt. Ein ähnliches Bild zeigen die Zahlen des Vereins „Frauen informieren Frauen“ (FiF) für Kassel.

„Die meisten unserer Klientinnen sind zwischen 30 und 50, aber wir haben auch 17-Jährige oder 80-Jährige, die bei uns Hilfe suchen“, sagt Elke Lomb von der Beratungsstelle. Auch sie und ihre Kolleginnen beobachten, dass vor allem Partner und Ex-Partner gewalttätig werden.

FiF berät alle Menschen, die sich als Frau definieren – denn vorwiegend werden sie Opfer von häuslicher Gewalt: 71 Prozent aller Betroffenen in ganz Deutschland sind weiblich, mehr als 76 Prozent aller Tatverdächtigen hingegen männlich, meldet auch das Bundeskriminalamt.

Die Mitarbeiterinnen von FiF beobachten außerdem, dass sich die Form der Gewalt im Lauf der vergangenen Jahre verändert hat. „Immer mehr Klientinnen berichten mittlerweile davon, dass sie gewürgt werden. Wir sehen also, dass die Gewalt heute schneller lebensbedrohlich wird“, sagt Heike Upmann von FiF.

Häusliche Gewalt in Kassel: „Die Frauen haben Todesängste“

Lomb stimmt ihrer Kollegin zu und sagt: „Die betroffenen Frauen haben richtige Todesängste.“ Auch die digitale Gewalt, etwa über die Sozialen Medien, nehme weiter zu, sagt das Beratungsteam.

FiF unterstützt die betroffenen Frauen in ihren Wünschen und Möglichkeiten: „Nicht alle Frauen wollen oder können sich trennen. Manche müssen in der Situation verharren, weil sie keine bezahlbare Wohnung finden“, sagt Upmann. Denn eine Trennung sei für viele auch ein großes Armutsrisiko. „Viele Frauen sind alleinerziehend und beziehen Bürgergeld. Zu unseren Aufgaben gehört auch eine gute Sicherheitsplanung“, sagt die FiF-Mitarbeiterin.

Die Beratungsstelle hilft auch, Betroffene in Frauenhäusern unterzubringen. „Das klappt mittlerweile ganz gut – aber die Plätze in den Frauenhäusern sind begrenzt, und oft ist die Unterkunft dann weit weg von Kassel“, sagt Elke Lomb. Besonders für Frauen mit Kindern sei das nicht einfach, denn die Kinder werden dabei aus ihrem Umfeld gerissen.

In vielen Fällen stellt das Umgangsrecht des gewalttätigen Vaters für die gemeinsamen Kinder ein Problem dar. „Die gemeinsame elterliche Sorge wird von den Ex-Partner immer wieder dazu benutzt, die Mütter zu kontrollieren und unter Druck zu setzen“, sagt Lomb. Nahezu 40 Prozent der Klientinnen gaben das in den Beratungen bei FiF an. Fotos: anna weyh/privat/nh

Telefonische Sprechzeiten: Mo und Fr 14-16 Uhr, Di und Do 10-12 Uhr, Mi 17-20 Uhr unter 05 61/89 31 36. Weitere Infos unter fif-kassel.de

Psychische Erkrankungen sind 2021 die häufigste Ursache für stationäre Krankenhausbehandlungen von Kindern und Jugendlichen gewesen. Auch das Klinikum Kassel sieht eine Zunahme.

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