Zurück in die Vergangenheit: Wirtschaftswachstum geht für Najafi vor Klimaschutz

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Gegen die „Deindustrialisierung“: Omid Najafi aus Hannover spricht am liebsten über Wirtschaftsthemen, hier vor Schülern in der BBS Rotenburg.
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Omid Najafi aus Hannover kandidiert im hiesigen Wahlkreis 35 bei der Bundestagswahl für die AfD.

„Faschos raus“ hat jemand mit roter Farbe ans Schaufenster des AfD-Büros in Walsrode gesprüht. Drinnen ist die Sprache kaum weniger rau, „Gleich abtreten“ steht auf einer grünen Fußmatte, auf der die Konterfeis von Scholz, Baerbock und Co. zu sehen sind, die beim Reingehen sozusagen mit Füßen getreten werden. Ansonsten sieht es aus wie bei anderen Parteien, an einer Wand warten Wahlplakate auf ihren Einsatz, vorne ist ein Konferenztisch, hinten eine Teeküche.

Omid Najafi, der nun als Direktkandidat im Bundestagswahlkampf steht, hat sich vor vier Jahren die Programme vieler Parteien durchgelesen, erzählt er, infrage kam für den Börsenhändler nur die AfD. Die stehe für „Wirtschaftswachstum“, die anderen stünden für „Deindustrialisierung“. Auch „die FDP hat sich in der Regierung als Partei der Wendehälse gezeigt.“

Einzug in den Bundestag ist unwahrscheinlich

In der AfD ist Najafi 2022 gleich Landtagsabgeordneter geworden, ein Jahr nach seinem Parteieintritt. Dass er nun Bundestagskandidat ist, zeugt weniger von bundespolitischen Ambitionen, sondern eher dafür, dass die AfD ein Gesicht für den Wahlkampf im Wahlkreis „Rotenburg I - Heidekreis“ brauchte. Denn Najafi sieht sich im Landtag „fest verankert“ und hat von seiner Partei keinen Listenplatz erhalten. Dass er sich bei den Erststimmen gegen Lars Klingbeil (SPD) und Co. durchsetzt, ist unwahrscheinlich, auch wenn Najafi sagt: „Wenn ich gewählt werde, gehe ich nach Berlin.“

Im Kreis Rotenburg ist er auf Wahlplakaten kaum zu sehen, an einem AfD-Stand am vergangenen Wochenende in der Rotenburger Fußgängerzone kannten nicht mal seine Parteifreunde den Namen Najafi. „Die waren vielleicht neu“, erklärt der AfD-Heidekreis-Vorsitzende Carsten Vogel, mit Kaffee im AfD-Becher aus der Teeküche kommend. Najafi ist in Rheinland-Pfalz geboren, in Hannover aufgewachsen, mit der hiesigen Region hatte er noch nicht viele Berührungspunkte. Okay, vielleicht kenne noch nicht jeder „unseren Omid“, räumt Vogel ein, aber man sei ja keine Ein-Mann-Partei. In Walsrode hatten die laut Vogel rund 30 AfD-Wahlkämpfer aus dem Heidekreis Najafis Konterfei schon Ende Dezember plakatiert. Da hatten sich alle anderen Parteien noch auf eine Art Weihnachtsfrieden geeinigt, als Ruhe vor dem Wahlkampf. „Der frühe Vogel fängt den Wurm“, sagt Najafi schulterzuckend.

Omid Najafi ist in Walsrode auch auf Wahlplakaten zu sehen, in Rotenburg ist er wenig bekannt.

Kein Freund staatlicher Einmischung

Dass er als iranischstämmiger Muslim – nicht religiös erzogen, wie er ergänzt – ein Feigenblatt für die AfD sei, argwöhnten die Grünen in Sachsen, als er in Pirna auftrat. Und der Walsroder AfD-Landtagsabgeordnete Alfred Dannenberg ruft auch tatsächlich den AfD-Gegnern in einem Facebook-Video entgegen: „Dass ihr unseren Omid in die Nazi-Ecke steckt, ist wirklich ganz schön schräg.“ Dieser fühlt sich nach eigener Aussage wohl in der AfD. Trotz Remigrationsideen seiner Partei und Alexander Gauland, der die türkischstämmige, wie Najafi in Deutschland geborene SPD-Politikerin Aydan Özoğuz „in Anatolien entsorgen“ wollte. Ihn hätten ja Menschen in seiner Partei gewählt, die ihn gar nicht kannten, trotz seines Aussehens und seines Namens, sagt Najafi – als sei das nun ein Argument gegen den Feigenblatt-Verdacht. „Ich bin kein Maskottchen“, darauf besteht er. Wer etwas anderes behaupte, hänge Verschwörungstheorien an.

Omid Najafi ist übrigens auch ein Anhänger steiler Thesen. Im Sozialen Netzwerk X schrieb er am 15. Dezember, dass es eine Lüge sei, dass Donald Trump zum Sturm aufs Capitol angestiftet habe, vielmehr sei das FBI involviert gewesen. Und: „Die Corona-Maßnahmen waren ein Verbrechen und sollten auch so behandelt werden!“ Najafi ist kein Freund staatlicher Einmischung. Der ledige 36-Jährige sieht sich als Freigeist und Abenteurer, als Hobbys nennt er Freeclimbing und Kampfsport. „Ich bin für individuelle Entfaltung und dass man sein Leben so gestalten kann, wie man möchte.“

Atomkraft und Kohle für den Übergang

Beim Thema Gendern ist es für ihn allerdings vorbei mit der Entfaltung. „Gendern ist nicht Teil der deutschen Sprache, weil es schlicht falsch ist, es gehört nicht dazu.“ Dass sich Sprache auch ändert, davon hält Najafi anscheinend nicht viel. Er sei ein Konservativer, also jemand, der Bewährtes erhalten möchte. Beziehungsweise der gern zurück möchte in eine Zeit vor der „Fehlpolitik“ der vergangenen Regierungen, zurück zur Atomkraft und auch zur Kohlekraft, zumindest für den Übergang.

Andere Länder würden ja auch weiter auf Atomenergie setzen. Dass einige dieser anderen Staaten gerade den Atomstrompreis subventionieren und Milliardensummen in ihre Kraftwerke stecken müssen, gehe dort wiederum auf Fehlentscheidungen zurück. Windenergie ist Najafi jedenfalls nicht geheuer, er setzt auf „grundlastfähige Kraftwerke“ statt auf wetterabhängige erneuerbare Energien. Denn bei einer Windflaute schnelle der Strompreis nach oben. Wer auf seinem privaten Boden Windräder bauen will, „kann es gern machen, aber ohne Subvention“. Subventionen sind es für Najafi, wenn Landwirte eine Pacht für Windkraftanlagen auf ihren Äckern erhielten, außerdem sorgt er sich ums Landschaftsbild und um landwirtschaftliche Erträge. Und er sorgt sich um den deutschen Wald. Dass etwa im Landkreis Rotenburg Waldgebiete als Windparkstandorte ausgeschlossen sind, dem traut er nicht: „Warten wir mal ab.“

„Wir sind nicht ausländerfeindlich“

Überhaupt sei Klimaschutz ein Irrweg, allein weil Länder wie China und Indien nicht mitzögen. Aber eigentlich ist Klimaschutz eh nicht so wichtig. „Es passiert nicht wirklich das, was die sogenannten Klimawissenschaftler uns erzählen.“ Najafi vergleicht den Klimawandel mit „Weltuntergangsszenarien“, wie es sie in den 1970er-Jahren mit Saurem Regen und in den 1980ern mit dem Ozonloch gegeben habe. Dass damals etwas dagegen unternommen wurde, lässt der AfD-Politiker mit Blick auf jetzt nicht gelten. „Der deutsche Alleingang im Klimaschutz hilft niemandem, am wenigsten uns.“

Die Industrie- und Handelskammer habe bestätigt, dass die hohen Stromkosten, die die deutsche Wirtschaft laut Najafi der Politik zu verdanken hat, industriefeindlich seien. Dass der neue BDI-Präsident Peter Leibinger gerade im Spiegel vor der AfD wegen ihrer Ausländerfeindlichkeit warnte, weil sie potenzielle Arbeitskräfte aus anderen Ländern vergraule, sei dagegen die gebetsmühlenartig vorgebrachte Kritik an der AfD. Sie sei parteipolitisch motiviert, Leibinger ist CDU-Mitglied. „Wir sind nicht ausländerfeindlich, nur gegen illegale Einwanderer.“

„Fehlpolitik“ ist ein von Najafi oft genutztes Wort

Auch ein EU-Austritt sehen viele Wirtschaftsexperten nach dem Brexit gelinde gesagt kritisch, der im AfD-Programm als Option auftaucht. „Ein Austritt aus der EU ist die Ultima ratio, wenn deutsche Interessen dort nicht stärker vertreten werden“, sagt Najafi. Er stellt sich eine Rückkehr zu einem Europa als Wirtschaftsgemeinschaft vor, nicht als politische Gemeinschaft, von der Reisefreiheit mal abgesehen. Die EWG gab es von 1957 bis 1992. Er will vor allem verhindern, dass Politik immer wieder mit dem Kopf gegen die gleiche Wand laufe, wie er sagt, „Fehlpolitik“ mache, ein von Najafi häufig verwendetes Wort. In die Zukunft gerichtete politische Ideen hat Najafi kaum. Für Innovationen sei die Wirtschaft verantwortlich, meint er, die kommen von allein, wenn man deren Kräfte freisetze.

Eine verteidigungsfähige Bundeswehr immerhin müsse der Staat gewährleisten. In Najafis Wahlkreis liegen mit Munster und Rotenburg zwei große Bundeswehrstandorte. Über zwei Prozent des bundesdeutschen Haushalts sollten die Verteidigungsangaben schon ausmachen, legt sich der Kandidat nach einigem Zögern fest – wobei das bei einem insgesamt kleinen Staatshaushalt, den die AfD sich wünscht, in absoluten Zahlen auch nicht so viel wäre.

Presse kommt bei Najafi nicht gut weg

Im Ukraine-Krieg hofft Najafi auf Donald Trump und eine diplomatische Lösung, auch wenn er den Bruch des Völkerrechts durch Russlands Angriff anerkenne. „Die Geschichte lehrt uns, dass die Welt unfair ist und es immer wieder Beispiele eines Diktatfriedens gibt. Ziel muss aber natürlich ein Frieden sein, mit dem beide Seiten leben können.“ Dass Russland Nato-Länder angreifen wolle, glaubt Najafi nicht, dafür gebe es keine Belege, und Putin würde keinen Atomkrieg riskieren. Gleichzeitig würde Najafi nicht wollen, dass der Westen der Ukraine zu einem militärischen Sieg verhilft, denn das könne wiederum zu einer atomaren Eskalation führen. Für wie hoch Najafi die atomare Bedrohung aus Moskau nun also hält, bleibt unklar. Mit Parteifreund Maximilian Krah, der durch seine Russland-Nähe auffällt, postete Najafi erst vor einer Woche auf X ein Selfie.

Die Presse kommt bei Najafi dort schlecht weg, sie habe über mehr als ein Jahrzehnt versucht, die „für jeden offensichtliche Wahrheit“ über verschiedene Missstände zu vertuschen. AfD-Pressesprecher Frank Horns, den sich Najafi für das Interview an die Seite geholt hat, teilt im Internet Journalisten in „AfD-Hasser“, „Mitläufer“ und „heimliche Fans“ ein. Das sei augenzwinkernd gemeint, erklärt Horns, darauf angesprochen, um dann aber den „Haltungsjournalismus“ vieler Medien zu kritisieren. Rechtsruck sei nur ein Etikett. Horns sieht seine Partei in der Mitte.

Dass seine Partei sich so weit radikalisiert habe, dass bei Umfragewerten von 20 Prozent Schluss ist, glaubt Najafi wenig überraschend nicht. Er strebe mit der AfD Regierungsverantwortung an. Die FPÖ in Österreich mache es vor, andere Parteien würden künftig mit der AfD Koalitionen eingehen müssen. In Najafis X-Post vom 26. Dezember heißt es allerdings am Ende noch: „Die Altparteien sind euer Tod!“

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