VonMelanie Russschließen
5300 Legehennen wurden nach einem Geflügelpest-Ausbruch auf dem Hof Jacob in Hüde getötet. Für die Betreiber bedeutet das nicht nur finanzielle Einbußen, sondern auch eine emotionale Belastung.
Hüde – „Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn man morgens rauskommt und auf dem Hof ist alles ruhig“, beschreibt Wilhelm Jacob junior sein momentanes Befinden. Wo normalerweise 5300 Legehennen auf der Wiese scharren und gackern oder sich auf der Sonnenterrasse des Stalls tummeln, herrscht seit einigen Tagen gähnende Leere und bedrückende Stille. Alle Tiere wurden Ende vergangener Woche getötet, nachdem ein Geflügelpest-Erreger auf dem Hof in Hüde festgestellt worden war (wir berichteten). Alle Eier wurden ebenfalls entsorgt. Die finanziellen Auswirkungen sind das Eine. „Darüber hat man sich noch gar nicht so große Gedanken gemacht“, sagt Jacob. Für ihn ist es momentan vor allem emotional eine schwierige Situation.
„Wir hatten in einem Stall hohe Verluste und haben unseren Tierarzt verständigt.“ Nach Schilderung der Situation habe er gleich Vogelgrippe vermutet und sofort das Veterinäramt des Landkreises Diepholz informiert, schildert Jacob die Entdeckung der Infektion. Die Mitarbeiter hätten noch am Abend Proben genommen, und schon am nächsten Morgen folgte die Bestätigung. „Da muss man erst mal kräftig schlucken.“
Es sei der hochpathogene Typ H5N1 festgestellt worden, dem Anfang Juli auch zwei Jungstörche in Marl zum Opfer gefallen waren. Vermutlich sei der Erreger über Kot von Wildvögeln auf der Wiese eingetragen worden, so Jacob.
Und wie geht es jetzt weiter? „Wir hoffen, dass wir Anfang Oktober wieder aufstallen können.“ Das ist allerdings leichter gesagt als getan, denn so viele Tiere müssen erst einmal aufgezogen werden. Er sei dazu schon im Gespräch mit seinem Junghennenzüchter, berichtet der Hüder.
An der Freilandhaltung wollen Wilhelm Jacob und seine Familie vorerst festhalten, weil es ihrer Überzeugung entspricht. Die einzige Alternative – eine Bodenhaltung im Stall mit größerer überdachter Sonnenterrasse – ist für sie keine echte Alternative, wohlwissend, dass sie ihre Tiere mit der Freilandhaltung erneut der Gefahr einer Infektion aussetzen. Denn die beiden toten Jungstörche sind nur eine weitere Bestätigung dafür, dass das Virus inzwischen ganzjährig in Vogelpopulationen vorhanden und nicht mehr nur in der Zugsaison eine Gefahr ist. Die Nähe zum Dümmer und den zahlreichen dort heimischen und rastenden Vogelarten wirkt daher nicht gerade beruhigend für Wilhelm Jacob.
Zwar ersetze die Tierseuchenkasse den Tierverlust und die Kosten für die Ausstallung, doch die Entsorgung der Eier und des Futters aus den Silos müsse er selbst tragen, erläutert der Hüder. Auch der Ertragsausfall wird nicht ersetzt.
Ein paar Einnahmen fließen momentan noch durch einen Pachtbetrieb mit 2500 Legehennen in die Kasse. In Absprache mit den Behörden habe er die Packstelle vom eigenen Hof dorthin transportieren können, berichtet Jacob. So kann er seit Dienstag wenigstens die Eier aus dem Pachtbetrieb wieder an die regionalen Kunden ausliefern. Als zweites Standbein bleibt der Familie die Hofkäserei, von der sie sich erhofft, dass ihre Produkte im regionalen Einzelhandel jetzt vielleicht noch ein bisschen mehr gekauft werden und die Mindereinnahmen ein bisschen kompensieren können.
Mittelfristig setzt Wilhelm Jacob seine Hoffnungen auf einen verwendbaren Impfstoff. Hier sieht er auch die Politik in der Verantwortung, Druck bei der Entwicklung eines solchen Impfstoffes zu machen. Denn eines ist für ihn klar: Wenn ein Betrieb einen Befall mit Geflügelpest zwei- bis dreimal mitmacht, kann er das nicht verkraften.
Vogelgrippe und Impfstoffe
Vogelgrippe ist die umgangssprachliche Bezeichnung für eine Viruserkrankung vor allem bei Wildvögeln, Ziervögeln und Geflügel in Tierhaltung. Laut Homepage der Bundesregierung ist die Vogelgrippe eine seit mehr als 100 Jahren bekannte Erkrankung. Demnach gibt es 16 Unterarten, die alle Vögel infizieren können. Die als „Geflügelpest“ bekannten schweren Ausbrüche werden durch die Subtypen H5 und H7 verursacht. Seit Ende 2003 breitet sich eine Vogelgrippe-Epidemie des Subtyps H5N1 aus. Eine Ansteckungsgefahr für Menschen besteht laut Bundesregierung nur bei sehr engem Kontakt mit den Tieren.
Zwar gibt es Impfstoffe, sie werden aber nur in Einzelfällen eingesetzt, da geimpfte und infizierte Tiere nicht von einander unterschieden werden können. Darum wurde das Friedrich-Löffler-Institut für Tiergesundheit von der Bundesregierung gebeten, einen Marker-Impfstoff zu entwickeln, der es dank gentechnischer Markierungen ermöglicht, kranke und geimpfte Tiere zu unterscheiden. Das Institut habe bereits einen Prototyp entwickelt und arbeite an einem Impfstoff für den serienmäßigen Einsatz, heißt es auf der Internetseite. Und weiter: „Die von der Bundesregierung im März 2006 verabschiedete Forschungsvereinbarung mit einem Volumen von 60 Millionen Euro hat unter anderem zum Ziel, die Strategien zur Bekämpfung der Vogelgrippe weiterzuentwickeln. Dazu gehört auch die weitere Forschung an Impfstoffen für Tiere.“
Der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft drängt angesichts der zunehmenden Verbreitung des Virus auf die zügige Entwicklung eines Marker-Impfstoffs. Dessen Präsident Friedrich-Otto Ripke forderte unlängst, die Forschung zu intensivieren. In Frankreich werden bereits zwei Impfstoffe getestet. Ergebnisse werden für Ende 2022 erwartet. Danach soll gegebenenfalls über die Entwicklung einer europäischen Impfstrategie diskutiert werden.
