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Rotenburg erhält in dieser Woche also die Zusage für 30 Millionen Euro Städtebauförderung – und muss selbst ein Drittel beisteuern. Viel Geld für die weitere Entwicklung der Kreisstadt. Bis zu 45 Millionen Euro können investiert werden. Das alles freut nicht nur die Stadt selbst, sondern auch die Rotenburger Werke. Die nämlich haben selbst ganz viel vor.
Rotenburg – Das Altgelände der Rotenburger Werke hinter dem grünen Tor an der Lindenstraße ist nicht nur groß, sondern es ist von einem besonderen Charme gekennzeichnet. Lange Zeit erschloss sich dort eine Welt für sich. Heute sprechen die Werke von einem „Innovationsquartier“. Es soll und wird dort viel passieren. Und da kommt die Städtebauförderung also gerade recht. „Klar ist die Freude auch auf unserer Seite. Wir freuen uns für die Stadt, und – weil das Innovationsquartier auf dem Altgelände der Werke Teil der Innenstadt ist – natürlich auch für unsere Planungen.“
So lautet die erste Reaktion von Rüdiger Wollschlaeger auf das grüne Licht für die Städtebauförderung. Er hatte für die Initialzündung des Werke-Vorhabens gesorgt und hat inzwischen in Elena Hels eine Frau an seiner Seite, die sich ausschließlich auf das Projekt konzentriert.
Bei aller Freude über den Bescheid: Das alles ist mit viel Arbeit verbunden – auch für die Werke. Nun muss die Bausubstanz auf dem Altgelände geprüft werden. „Was kann erhalten und künftig umgenutzt werden? Wo könnten sich Flächen für neue Entwicklungen ergeben? Künftige Partner und Interessenten müssen wissen, was sie wo planen können. Auch ein städtebaulicher Masterplan braucht diese Infos“, sagt Wollschlaeger.
Dennoch: Konkret ist bislang nur, dass noch nichts konkret ist. Viele offene Fragen, die es zu diskutieren gilt also. Aber: Bei den Rotenburger Werken ist das Vorhaben „Innovationsquartier“ durchaus schon griffig. Bis jetzt sind viel Zeit, Kraft und Geld investiert worden – was bedeutet also die Aufnahme der Stadt in das Programm für die Werke? „Alle bisherigen Aktivitäten in diese Richtung haben sich gelohnt“, erklärt Elena Hels. Die Umsetzung der Städtebauförderung sei genauso wie eine Entwicklung vom Ausmaß des Innovationsquartiers ein Prozess, in dem in Jahren, wenn nicht Jahrzehnten gedacht werden müsse, betont allerdings Wollschlaeger. „Uns war bewusst, dass wir viel Zeit für Öffentlichkeitsarbeit und einen Beteiligungsprozess brauchen würden, mit dem wir die Visionen für ein zukunftsfähiges Quartier von vielen einholen können.“ Das Altgelände sei 140 Jahre lang eine „Sonderwelt“ gewesen und müsse als künftiger Teil der Innenstadt erst mal ins Bewusstsein der städtischen Öffentlichkeit und möglicher Partner und Investoren kommen.
Weitere Schritte seien bereits klar umrissen: Nun muss die Bausubstanz auf dem Altgelände geprüft werden. Was kann erhalten und künftig umgenutzt werden? Wo könnten sich Flächen für neue Entwicklungen ergeben? Künftige Partner und Interessenten müssen wissen, was sie wo planen können. Auch ein städtebaulicher Masterplan braucht diese Infos, sagen die beiden Macher.
Hier soll in den nächsten Jahren ein Viertel mit hoher Lebensqualität entstehen. Jetzt geht es an die Umsetzung und die Fragen: wer, wie und wann?
Die Planung für diesen neuen Stadtteil sei natürlich eng mit der Stadt zu besprechen, weiß Wollschlaeger. „Da sind wir genau beim Thema. Für solche Modernisierungsgutachten könnte die Städtebauförderung ins Spiel kommen. Aber wir sind ja nicht die einzigen mit historischer oder älterer Bausubstanz in der Innenstadt. Da müssen wir uns natürlich mit der Stadt verständigen.“ Wann und wie kann es eine Bewertung des gesamten, förderfähigen Gebiets geben? Was kann im Innovationsquartier vielleicht schon früher angegangen werden? In einer ganzen Reihe von Zusammenkünften habe man sich auf eine enge Zusammenarbeit mit der Stadt verständigt, die in den weiteren Treffen mit Verwaltung und Politik realisiert werde. Die Beteiligung privater Investoren ist ein ganz wesentlicher Teil der Städtebauförderung.
Die Förderung bezieht sich auf zwei Bereiche: Unter der Überschrift „Lebendige Zentren“ geht es um die Innenstadt mit den Niederungen von Wümme und Wiedau/Rodau sowie dem Altgelände der Rotenburger Werke, und hinzu kommt das Programm „Sozialer Zusammenhalt“ mit dem Fokus auf die Rotenburger „Problembezirke“ im Bereich Auf dem Loh/Berliner Ring.
Nach Ansicht Wollschlaegers waren sich im bisherigen Beteiligungsprozess alle einig, dass die Lage des Innovationsquartiers in der Innenstadt ideal sei für ein vielfältig genutztes Quartier für alle Generationen, für attraktiven Wohnraum, Kultur, Gewerbe und Begegnung. „Hier soll in den nächsten Jahren ein Viertel mit hoher Lebensqualität entstehen. Jetzt geht es an die Umsetzung und die Fragen: wer, wie und wann?“
Mit Hels ist eine Mitarbeiterin bereits eingestellt worden, aber Wollschlaeger sagt auch: „Langfristig wird eine Teilzeitstelle nicht genügen, um ein Viertel auf 5,5 Hektar in bester Innenstadtlage zu planen. Wie es personell weitergeht, hängt auch davon ab, wer als Partner mit ins Boot will.“ Personal, aber auch Geld wird erforderlich sein. Zahlen nennt der Sprecher der Werke nicht. Nur so viel: „So viel, wie nötig ist, um das Projekt gut voranzubringen.“ Ganz klar sei aber auch: Die Werke werden nicht dieses neue Quartier bauen. Sie werden – auch mit dem erarbeiteten Leitbild – beteiligt sein. „Und natürlich sollen im Quartier Menschen mit Assistenzbedarf gut leben, arbeiten und gefördert werden, die von den Werken betreut werden. Wir wollen Teil eines guten Ganzen sein.“
Menschen mit Behinderung als Bürger der Stadt selbstverständliche und gern gesehene Nachbarn
Seit mehr als zehn Jahren schaffen die Werke Angebote in der Region, dort, wo die Menschen sie brauchen. „Wir wollen dabei ganz vorne sein, wenn es um die Inklusion von Menschen mit Behinderung in unsere Gesellschaft geht“, so Wollschlaeger. Im künftigen Innenstadt-Quartier könne das nur so aussehen, dass Menschen mit Behinderung als Bürger der Stadt selbstverständliche und gern gesehene Nachbarn sind – „mittendrin, und nicht auf einem Gelände, von dem viele gar nicht wissen, dass sie es betreten dürfen“.
Die Rotenburger Werke wissen: „Quartiersentwicklungen gibt es überall, und die Zukunft von Innenstädten neu zu gestalten, ist auch international ein großes Thema“, erklärt Elena Hels. Dennoch: Die Situation eines solchen Quartiers als ehemaliges „Anstaltsgelände“ mitten in der Stadt sei bundesweit wirklich einmalig. Hels: „Und wir haben uns tatsächlich etwas vorgenommen, das für andere beispielgebend sein kann. Wir wollen versuchen, auch Menschen mit hohem Hilfebedarf Angebote mitten im Quartier zu ermöglichen.“
Die bisherige Resonanz auf den Beteiligungsprozess stufen Hels und Wollschlaeger realistisch ein: Corona hat mehr verhindert. „Nichtsdestotrotz haben seit Projektbeginn im August 2021 viele Hundert Menschen den Weg zu uns gefunden. Andererseits nehmen wir auch wahr, dass das Thema Innenstadt-Entwicklung für viele vollkommen neu und ungewohnt ist“, berichtet der Werkesprecher. Hier müsse der Gedanke von wirklicher Bürgerbeteiligung bei den Menschen ankommen.
KOMMENTAR
Rotenburg stellt die Weichen neu
Von Guido Menker
Von einem Jubel, der durch die Kreisstadt geht, ist noch nichts zu hören. Vielleicht liegt es daran, dass es sich bei der Städtebauförderung nicht nur um einen sperrigen Begriff, sondern auch um ein für Außenstehende kompliziertes Programm handelt – und sich außerdem über viele Jahre erstreckt. Die Kernbotschaft allerdings ist eindeutig und gut zu verstehen: Es gibt Geld. Viel Geld. Bis zu 30 Millionen Euro – jedoch nur bei weiteren 15 Millionen Euro, die die Stadt selbst in die Hand nimmt, um sich um die Entwicklung städtischer Strukturen zu kümmern. Hoffentlich wird sie auf Sicht in der Lage sein, diesen Beitrag zu leisten. Mit im Boot sind aber auch Privatleute, die – hinsichtlich der grundsätzlichen Vorhaben – etwas beisteuern möchten. Aber klar: Was sich daraus entwickeln lässt, bleibt vorerst offen. Ideen sind gefragt, Diskussionen erforderlich. Ein spannender Prozess also, der Rotenburg da in den kommenden Jahren bevorsteht. Wir werden ihn begleiten und darüber berichten, wann immer sich etwas tut. Wir sind gespannt.
Und dabei gibt es schon ein Projekt, das durchaus als griffig bezeichnet werden darf: das Innovationsquartier der Rotenburger Werke. Was sich dort seit mehr als einem Jahr tut, ist gar nicht hoch genug zu bewerten. Es wirkt wie der letzte Schritt, um das verstaubte Image der traditionsreichen Einrichtung an der Lindenstraße endgültig abzulegen, das lange Zeit vom Begriff der „Rotenburger Anstalten“ geprägt war. Teilhabe, Nachhaltigkeit, Inklusion – das sind Begriffe, die neu ihren Weg in den Sprachgebrauch gefunden haben. Manche Zeitgenossen meinen allerdings, dass es bereits inflationäre Ausmaße annimmt. Besteht darin also die Gefahr einer Abnutzung, während die Werke sich seit Jahren schon neu aufstellen? Diese Begriffe sollten in ihrem Inhalt nie überflüssig werden, sagt Werke-Sprecher Rüdiger Wollschlaeger. Was den häufigen Sprachgebrauch betrifft, sehe er es allerdings auch so. Das könne „inflationär“ werden und fange an zu nerven, wenn es immer nur in schönen Konzepten steht. Er wünschte sich, das Wort „Inklusion“ künftig gar nicht mehr so oft gebrauchen zu müssen, „weil aus der Absicht gelebte Wirklichkeit geworden ist“. Mit dem neuen Innovationsquartier soll es genau in diese Richtung gehen.
Es steckt also mehr dahinter, als nur das grüne Tor und damit einen Bereich zu öffnen, der eben lange Zeit verschlossen war. Die Werke sind nicht allein, wenn es darum geht, sich neu aufzustellen. Genau das hat ja auch die Stadt vor. Da greifen sogar Vorstellungen ineinander. Das Beispiel der Rotenburger Werke zeigt dabei eindrucksvoll, in welche Richtung es gehen kann. Kino, Kulturzentrum und Diskothek nennen viele Rotenburger immer wieder als Beispiele für das, was der Kreisstadt fehlt. Ja, vielleicht, aber es gibt Bedarf an weiteren Stellen. Soziale Fragen, die Entwicklung des Verkehrs und Umweltfragen gehören mit auf den Tisch. Es braucht Aufenthaltsorte, die nicht nur einladend, sondern geprägt sind von einem guten Klima – im wahrsten Sinne des Wortes. Die vom Wasser gekennzeichneten Bereiche sollten eine Steilvorlage sein, wenn es in Richtung Zukunft geht. Die Stadt braucht neue Selbstverständlichkeiten, die sich entwickeln können. Denn sie brauchen Zeit – und Raum. Wenn das gelingt, müssen wir uns nicht mehr über Radfahrer in der Fußgängerzone, über uneinheitliche Öffnungszeiten, Leerstände und dunkle Ecken ärgern. Und vielleicht werden aus Problembereichen neue Quartiere, in die auch jene kommen, die eigentlich am anderen Ende der Stadt zu Hause sind. Das Konzeptpapier umfasst 350 Seiten ...
Es passt: Der von der Stadt auf den Weg gebrachte Verkehrsentwicklungsplan liegt bald vor. Die Weichen werden auf dieser Grundlage hoffentlich an vielen Stellen neu gestellt. Das kann gelingen – vorausgesetzt, der Autoverkehr allein ist nicht mehr das Maß der Dinge. Es muss zu neuen Selbstverständlichkeiten kommen. Das würde ganz sicher nicht nur Jubel auslösen, aber das muss eine Stadt wie Rotenburg einfach aushalten. Nörgler wird es nämlich immer geben. Rotenburg wird es also anpacken, ganz so wie damals mit dem Bau der Fußgängerzone. Wir alle sind aufgerufen, uns einzubringen. Unsere Redaktion freut sich schon auf den Prozess.
