Schiedsrichter der Politik: Niels Kruse aus Rotenburg ist Wahlhelfer aus Überzeugung

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Niels Kruse ist ein glühender Verfechter der Demokratie in Deutschland und deswegen auch ein unbestechlicher Wahlhelfer.
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Sie sind ein bisschen wie Schiedsrichter beim Sport. Ohne sie geht es nicht, aber es gibt oft nur wenige von ihnen: Wahlhelfer. Der Rotenburger Niels Kruse ist einer von ihnen, bei der kommenden Bundestagswahl wird er wieder im Einsatz sein.

Rotenburg - Niels Kruse hat viele Ehrenämter inne, parteipolitisch engagiert ist er aber nie gewesen. Das ist zwar offiziell kein Hindernis dafür, Wahlhelfer zu sein, für ihn persönlich wäre es das aber. Im Wahllokal keine Wählerin, keinen Wähler zu beeinflussen, das ist für ihn höchstes Gebot. Kruse sagt: „Wahlhelfer zu sein ist doch – neben selbst Politiker zu sein – ein Wahnsinnsamt, ein Ehrenjob.“ Die Aufwandsentschädigung ist eher symbolisch, bei 30 bis 40 Euro für einen Sonntag.

Der Rotenburger ist erfahren im Ehrenamt. „Gemeinschaft ist wichtig“, sagt er. Er engagiert sich für die Natur, war zehn Jahre lang Organisator der Rotenburger Konzerte, ist Bürgerbusfahrer, da ist der zeitliche Aufwand als Wahlvorsteher eines Wahllokals vergleichsweise überschaubar. Auch wenn Kruse seit vielen Jahren bei Wahlen im Einsatz ist. „Es ist wie Kassenprüfer in einem Verein zu sein, wenn du nicht „Nein“ schreist, bist du es auf Lebenszeit“, scherzt Kruse, „dafür hast du weniger zu tun als ein Vorstandsmitglied.“

Mit Freude, Humor - und Ernst

Er geht mit Humor und Freude an seine Aufgabe heran. Wenn ein Wähler kommt, den er kennt, reicht Kruse dessen Wahlbenachrichtigung, der Personalausweis kann dann im Portemonnaie bleiben. „Es ist schön, im Wahllokal Leute zu treffen.“ Manche bringen auch Marzipan mit oder zumindest ein „Danke“. Was diese Leute wählen, das will Kruse aber auf keinen Fall wissen.

Bei dem Thema wird er streng. Es dürfe niemand im Wahllokal geschweige denn in der Wahlkabine beeinflusst werden, welche Person, welche Partei er wählt. Das betont Kruse im Gespräch immer wieder. Wenn doch jemand versucht, anderen etwas ins Ohr zu säuseln, wie Kruse sagt, haue er auf den Tisch. Wenn jemand versucht, sein Kreuz außerhalb der Wahlkabine und damit möglicherweise für Umstehende sichtbar zu setzen, droht Kruse ihm damit, den Stimmzettel zu zerreißen. Wer aus der Kabine kommt und den Stimmzettel nicht ordentlich zusammengefaltet hat, den schickt Kruse zurück. Und Kinder, die lesen können, sollten nicht unbedingt mit in die Kabine, um nicht anschließend auszuplaudern, wen Mama oder Papa gerade gewählt haben.

Menschen sollen in Ruhe wählen können

Hilfestellungen sind dem Wahlhelferteam dagegen erlaubt. Wenn bei der Bundestagswahl jemand eine Erinnerung braucht, was Erst- und Zweitstimme bedeuten, erklärt Kruse das. „Das Ziel ist, dass Menschen ruhig und informiert ihre Stimme abgeben können.“ Wenn jemand sehbehindert oder Analphabet ist, dürfen Wahlhelfer in die Kabine, um zu helfen, dass das Kreuz an der – vom Wähler – gewünschten Stelle landet. Zwei, drei solcher Fälle gab es in Kruses Wahllokal im Juni bei der Europawahl.

Um helfen zu können, müssen sich die Wahlvorstände ein, zwei Wochen vor einer Wahl bei einer Infoveranstaltung im Rathaus selbst auf den neuesten Stand bringen lassen. Wurde vielleicht das Mindestalter für eine Wahl gesenkt? Hat sich an der Stimmabgabe etwas verändert?

Vier Augen schauen auf jeden Stimmzettel

Bei der Europawahl war das Prozedere einfach – ein Kreuz, eine Partei. Und für die Wahlhelfer ging das Auszählen entsprechend schnell. „Nach eineinhalb Stunden waren wir durch“, erinnert sich Kruse, rund 1 500 Stimmen kommen in seinem Wahlbezirk zusammen. Um 18 Uhr wird das Wahllokal erst einmal zugesperrt, nur wer um 17.59 Uhr noch durch die Tür geschlüpft ist, kam noch rechtzeitig zum Wählen.

Wenn der letzte Stimmzettel in der Urne ist, werden die Kabinen abgebaut und Kruses Team kommt zusammen. Und jeder andere, der nicht die Auszählung stört, darf dabei zuschauen. Dafür wird die Wahllokaltür gegen 18.05 Uhr wieder aufgeschlossen, wenn auch die Wahlurne geöffnet wird. In der Praxis sind die Wahlhelfer aber meist unter sich, offenbar wird ihnen vertraut, Wahlbeobachter kommen fast nur in der Theorie vor. Jeder Stimmzettel wird von zwei Menschen aus dem Wahlhelferteam angeschaut.

Wahlamt sucht Helfer

Die Stadt Rotenburg braucht 120 Ehrenamtliche für die Wahllokale. Das Team für eine vierstündige Schicht in einem Wahllokal besteht aus einem Vorsteher, einem Stellvertreter, einem Schriftführer und mindestens einem Beisitzer. Niemand wird ins kalte Wasser geworfen, jeder Neue erhält Hilfe. Wer sich als Wahlhelferin oder Wahlhelfer zur Verfügung stellen möchte, kann sich unter 04261/71-131 oder per E-Mail an wahlen@rotenburg-wuemme.de melden. Wahlhelfer zu sein, ist übrigens eine demokratische Pflicht: Gibt es nicht genug Freiwillige, kann jeder, der dazu befähigt ist, dazu bestimmt werden. hei

Dabei kann es sein, dass Kruse auch mal flucht, wenn mehrere Kreuze für „die blaue Partei“, wie er die AfD nennt, aufeinanderfolgen. „Ich bin enttäuscht, wenn bei mir in der Ecke so gewählt wird“, gibt er zu. Den leisen Impuls, mal einen unliebsamen Zettel runterfallen zu lassen, habe er aber nie. „Um Himmels willen“, ruft er empört als Antwort auf diese Frage.

Am Ende muss eh die Anzahl der ausgezählten Stimmzettel mit der Anzahl der Häkchen auf der Wählerliste übereinstimmen. Einmal war das nicht der Fall, da hingen zunächst zwei Zettel aneinander, erzählt Kruse. Auf die Frage, ob er auch enttäuscht ist, wenn jemand nicht wählt, dreht er den Spieß um: „Ich bin stolz, wenn ein ganzer Straßenzug gewählt hat.“

„Motzen darf nur, wer gewählt hat“

Abseits des Wahlbüros ist Kruse aber ein Bürger, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Wenn hinter ihm im Bürgerbus jemand lautstark mit populistischem Gerede oder falschen Zahlen hantiert, mischt er sich ein. Manchmal hört er, dass Wählen nichts bringe. „Motzen darf nur, wer gewählt hat“, lautet aber Kruses Credo.

„Wir delegieren die demokratische Macht an Politiker“, da sei es das Mindeste, vom aktiven Wahlrecht Gebrauch zu machen und sich vorher zu informieren und eine Meinung zu bilden, zumindest zu Themenfeldern, die einem wichtig sind. Kruse selbst hat nach eigenen Angaben nie eine Wahl verpasst. War er zum Wahltermin im Ausland, hatte er zuvor die Briefwahl in Anspruch genommen. Am 23. Februar wird er morgens per ICE aus Berlin anreisen, wo er am Tag zuvor zu einer Taufe eingeladen ist, um in Rotenburg Wahlhelfer zu sein. Wie bei fast jeder Wahl in den vergangenen 20 Jahren.

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