Eissel wird zur Insel – und hat Vorräte für fünf Tage: „Ein wenig genießen wir es sogar“
VonHeinrich Kracke
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In der Verdener Ortschaft Eissel wurde wegen des Hochwassers der Fährbetrieb aufgenommen. Die Menschen waren gerüstet. „Wir haben Vorräte für fünf Tage angelegt.“
Eissel – Plötzlich ging alles ganz schnell. „Abends um acht haben wir noch Autos rausgefahren“, sagt Ortsbrandmeister Jürgen Henke. Bei den letzten Wagen, die fix noch auf die Verdener Seite gebracht wurden, war schon einigermaßen fahrerisches Können gefragt. Schmaler und immer schmaler die Furt, die noch blieb. Und dann ging nichts mehr. Seit Mittwoch gegen 22 Uhr ist Eissel eine Insel mit einem Berg, oder sagen wir: einem Hügel. Und wer meint, die Menschen jenseits des Wassers würden jetzt Panik schieben, der irrt. „Ein wenig genießen wir es sogar“, sagt Henke.
Wenn überhaupt irgendetwas das neue Idyll trüben kann, dann jene Warft westlich der Ortschaft. Der Weserdeich. Bis nach Intschede verläuft er, und solange er während des anhaltenden Hochwasser in Niedersachsen hält, ist alles gut. „Der Sturm drückt drauf, das bereitet uns ein bisschen Sorge“, sagt Henke. Im Laufe des Vormittags setzen Mitarbeiter des Wasser- und Schifffahrtsamtes über nach Eissel und nehmen den menschengemachten Schutz unter die Lupe. Gewiss, er habe viel auszuhalten, aber Grund zur Sorge bestehe aktuell nicht, heißt es. Sie schippern wieder von dannen.
Ralf Bohling sitzt vorne im Fährboot. Heiko Seekamp und Andre Schröder begleiten ihn. Eigentlich müsste er jetzt sein Küchenstudio öffnen. Aber erstens ist er übers Handy erreichbar, und zweitens ist Hochwasser. Und da hilft der Eisseler, wo er nur kann. „Wir kennen das, ist ja nicht das erste Mal, dass wir einen Shuttle anbieten“, sagt er. Seit acht Uhr morgens geht das Boot stündlich raus. Gegen kurz vor Mittag haben bereits 20 Leute aufs Verdener Festland übergesetzt, zehn waren nach Eissel zurückgekehrt. „Es fehlt an nichts. Es dauert aber alles ein bisschen länger.“ So um die 15 Minuten währt die Schifffahrt, bei Gegenwind etwas mehr. Und es läuft nicht rund um die Uhr. „Wir können natürlich nur bei Tageslicht fahren.“ Der Eisseler an sich reagiere bei einer solchen Lage entspannt.
Hochwasser-Lage in Verden erinnert an die Corona-Zeit
Ihn erinnere die aktuelle Lage an die Corona-Zeit, sagt Bohling. „Wir wissen seit einer Woche, was uns droht, wir konnten uns darauf einstellen“, führt Brandschützer Henke aus. Die Speisekammer sei in allen Häuser gut gefüllt, Neu-Eisseler wurden gesondert auf die etwas andere Situation angesprochen, richtig überrascht wurde niemand. Und wenn doch, bleibt als Lösung immer noch der Fährverkehr in Richtung Sachsenhain. „Auf ungefähr fünf Tage ist jeder eingerichtet. Solange sollten die Vorräte halten.“ Vor allem Grundnahrungsmittel stapeln sich in den Regalen. Auf einer der Touren nehmen sie die Post mit, die bis an den Steg am Sachsenhain chauffiert wurde.
Hochwasser in Norddeutschland – Die Bilder der extremen Wetterlage
Gelegenheit zum Üben hatten die Eisseler ausreichend. Jeder kann vom Hochwasser eine Geschichte erzählen. „Die Strecke nach Verden war zuletzt 2011 abgeschnitten. Damals konnten wir aber immer noch über Langwedel hinausfahren“, sagt Henke. Die letzte Insellage liegt 21 Jahre zurück. Im Jahr 2003 schnitt das Wasser den Verdener Ortsteil komplett vom Festland ab. Und dann beginnt sie, die ruhige Zeit. „Schon tagsüber ein richtiges Idyll. Keine Autos, die hier durch die Ortschaft touren, kein Lärm, außer vielleicht der Wind, der sich hier bemerkbar macht“, sagt Henke. Eine totale Entschleunigung, wären da nicht die Einsätze, die Feuerwehrkräfte zu fahren haben.
Abends beginnen dann die Stunden, die das Zeug haben, den Eisseler Gemeinschaftssinn zu festigen. „Pegelbesprechung“ heißt die Institution. „Wir treffen uns im Dorfgemeinschaftshaus, wir klönen, wir genehmigen uns ein kleines Bierchen“, sagt Henke. Ein idealer Anlass, auch mal die neuen Einwohner kennenzulernen. „In normaler Zeit sieht man sich ja nicht so häufig.“
Eingerichtet sind die Kurzzeit-Insulaner auf so ziemlich alles, was ihnen widerfahren kann. Das THW hat bereits vor einer Woche sämtliche Utensilien für den Fährverkehr geliefert, die Feuerwehr Verden stellte ein weitere Fahrzeug bereit, falls es mal brennt, und sogar für den medizinischen Notfall ist die Ortschaft gerüstet. „Wenn Gefahr in Verzug ist, rollt ein DRK-Unimog durchs Hochwasser“, sagt Henke.