Fährbetrieb aufgenommen

Eissel wird zur Insel – und hat Vorräte für fünf Tage: „Ein wenig genießen wir es sogar“

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In der Verdener Ortschaft Eissel wurde wegen des Hochwassers der Fährbetrieb aufgenommen. Die Menschen waren gerüstet. „Wir haben Vorräte für fünf Tage angelegt.“

Eissel – Plötzlich ging alles ganz schnell. „Abends um acht haben wir noch Autos rausgefahren“, sagt Ortsbrandmeister Jürgen Henke. Bei den letzten Wagen, die fix noch auf die Verdener Seite gebracht wurden, war schon einigermaßen fahrerisches Können gefragt. Schmaler und immer schmaler die Furt, die noch blieb. Und dann ging nichts mehr. Seit Mittwoch gegen 22 Uhr ist Eissel eine Insel mit einem Berg, oder sagen wir: einem Hügel. Und wer meint, die Menschen jenseits des Wassers würden jetzt Panik schieben, der irrt. „Ein wenig genießen wir es sogar“, sagt Henke.

Nach 15 Minuten auf dem Wasser das Festland erreicht: Die Eisseler Fähre nahm am Morgen den Betrieb auf.

Wenn überhaupt irgendetwas das neue Idyll trüben kann, dann jene Warft westlich der Ortschaft. Der Weserdeich. Bis nach Intschede verläuft er, und solange er während des anhaltenden Hochwasser in Niedersachsen hält, ist alles gut. „Der Sturm drückt drauf, das bereitet uns ein bisschen Sorge“, sagt Henke. Im Laufe des Vormittags setzen Mitarbeiter des Wasser- und Schifffahrtsamtes über nach Eissel und nehmen den menschengemachten Schutz unter die Lupe. Gewiss, er habe viel auszuhalten, aber Grund zur Sorge bestehe aktuell nicht, heißt es. Sie schippern wieder von dannen.

Wasser, so weit das Auge reicht: Die Überflutungen aus Eisseler Sicht.

Ralf Bohling sitzt vorne im Fährboot. Heiko Seekamp und Andre Schröder begleiten ihn. Eigentlich müsste er jetzt sein Küchenstudio öffnen. Aber erstens ist er übers Handy erreichbar, und zweitens ist Hochwasser. Und da hilft der Eisseler, wo er nur kann. „Wir kennen das, ist ja nicht das erste Mal, dass wir einen Shuttle anbieten“, sagt er. Seit acht Uhr morgens geht das Boot stündlich raus. Gegen kurz vor Mittag haben bereits 20 Leute aufs Verdener Festland übergesetzt, zehn waren nach Eissel zurückgekehrt. „Es fehlt an nichts. Es dauert aber alles ein bisschen länger.“ So um die 15 Minuten währt die Schifffahrt, bei Gegenwind etwas mehr. Und es läuft nicht rund um die Uhr. „Wir können natürlich nur bei Tageslicht fahren.“ Der Eisseler an sich reagiere bei einer solchen Lage entspannt.

Hochwasser-Lage in Verden erinnert an die Corona-Zeit

Ihn erinnere die aktuelle Lage an die Corona-Zeit, sagt Bohling. „Wir wissen seit einer Woche, was uns droht, wir konnten uns darauf einstellen“, führt Brandschützer Henke aus. Die Speisekammer sei in allen Häuser gut gefüllt, Neu-Eisseler wurden gesondert auf die etwas andere Situation angesprochen, richtig überrascht wurde niemand. Und wenn doch, bleibt als Lösung immer noch der Fährverkehr in Richtung Sachsenhain. „Auf ungefähr fünf Tage ist jeder eingerichtet. Solange sollten die Vorräte halten.“ Vor allem Grundnahrungsmittel stapeln sich in den Regalen. Auf einer der Touren nehmen sie die Post mit, die bis an den Steg am Sachsenhain chauffiert wurde.

Hochwasser in Norddeutschland – Die Bilder der extremen Wetterlage

Verden von oben fotografiert. Die Aller ist bis in die Altstadt über die Ufer getreten.
In Verden ist die Aller über ihre Ufer getreten. Die Südbrücke in die Altstadt wurde am Freitag wegen des Hochwassers gesperrt. © dpa
Hochwasser und Überschwemmungen der Aller in der Region Heidekreis nach tagelangen starken Regenfällen.
Auch der Heidekreis in Niedersachsen ist nicht vor Überschwemmungen gefeit. Bis zum Jahreswechsel könnten Regen und Sturm die Lage weiter verschlechtern. © Ulrich Stamm/IMAGO
Hochwasser in Hoya: Impressionen von Donnerstag
Hochwasser in Hoya: Impressionen von Donnerstag © Oliver Siedenberg
Umgeben von Wasser ist dieser Feldhase.
Umgeben von Wasser ist dieser Feldhase. © Dorn
Feuerwehrleute stehen in der Nacht am Deich und reichen Sandsäcke.
Mit Sandsäcken bauten die Einsatzkräfte Quellkaden auf, um die Schadstellen einzugrenzen. © Kreisfeuerwehr Verden/Oestmann
Hochwasser in Niedersachsen: Eine vom Wasser überspülte und abgesperrte Straße.
Die L330 zwischen Hoya und Hassel ist seit Donnerstagnachmittag wegen des Hochwassers unpassierbar. © Moritz Frankenberg/dpa
Einsatzkräfte bauen eine Sandsacke-Sperre gegen Hochwasser.
Auch am Serengeti-Park in Hodenhagen sind viele Helfer im Einsatz gegen das Hochwasser. © Philipp Schulze/dpa
Hochwasser in Hoya: Impressionen von Donnerstag
Hochwasser in Hoya: Impressionen von Donnerstag © Oliver Siedenberg
Hochwasser in Niedersachsen - Lilienthal Wörpe Wümme
Ein Gartenhaus steht hinter einem durchweichten Deichabschnitt an der Wörpe in Lilienthal. Durch das Hochwasser des Flusses sowie der nahegelegenen Wümme gab es in der Nacht einen Deichriss. © Focke Strangmann/dpa
Der Serengeti Park Hodenhagen von oben fotografiert. Mehrere Flächen sind überflutet.
Der Serengeti-Park in Hodenhagen steht teilweise unter Wasser. Viele Tiere müssen evakuiert werden. © Philipp Schulze/dpa
Serengeti-Park-Leiter Fabrizio Sepe begleitet Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) laufen auf einer Straße.
Serengeti-Park-Leiter Fabrizio Sepe begleitet Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) in der aktuen Hochwasser-Lage. © Klaus Müller
Heidschnucken-Rettung der DLRG ist im vollen Gange.
Mehrere Heidschnucken wurden am Mittwoch von der DLRG in der Nähe von Hannover vor dem Hochwasser gerettet. © Karsten Hölscher/dpa/DRLG Wedemark
Niedersachsen, Überschwemmungen in der Region Hannover Hochwasser und Überschwemmungen der Leine
Hochwasser und Überschwemmungen bei Hannover © Ulrich Stamm/Imago
Niedersachsen, Überschwemmungen in der Region Hannover
Überschwemmungen in der Region Hannover  © Ulrich Stamm/Imago
Niedersachsen, Überschwemmungen in der Region Hannover
Hochwasser und Überschwemmungen der Leine. © Ulrich Stamm/Imago
Niedersachsen, Überschwemmungen in der Region Hannover
Überschwemmungen in der Region Hannover. © Ulrich Stamm/Imago
Hochwasser in Niedersachsen, Hagen-Grinden
Ein Wohnhaus am Deich auf der Weserinsel Hagen-Grinden. Das Hochwasser ist auch hier angekommen. © Christof Dathe/dpa
Hochwasser in Niedersachsen - Weser
Eine Schild „Parkplatz für Busse“ schaut aus dem Hochwasser. Der Wasserstand der Weser ist in den vergangenen Tagen deutlich gestiegen. Angesichts anhaltender Regenfälle und gesättigter Böden bleibt die Hochwassergefahr in Teilen von Deutschland hoch. © Friso Gentsch/dpa
Hochwasser in Bremen-Borgfeld: Anwohner transportiert Nachbarn per Kanu
Ein Mann in Bremen-Borgfeld half per Kanu. Er brachte Anwohner zu ihren Häusern und transportierte Pumpen für die Feuerwehr. © Nord-West-Media TV
Die Feuerwehr deponierte Sandsäcke an der Astruper Straße.
Die Feuerwehr deponierte Sandsäcke an der Astruper Straße. © Archiv: Feuerwehr
Ein Trecker zieht einen Wohnwagen vom Wieltsee weg. Die Weser ist in Dreye über die Ufer getreten.
Ein Trecker zieht einen Wohnwagen vom Wieltsee weg. Die Weser ist in Dreye über die Ufer getreten. © Sigi Schritt
Hochwasser in Niedersachsen – Oker
Die hochwasserführende Oker überflutet in Oker teilweise die Promenade. Für die Flussgebiete der Oker und der Innerste warnte der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) vor einer weiteren Verschärfung der Hochwasserlage. © Thomas Schulz/dpa
Hochwasser in Niedersachsen - Sarstedt
Stephan Weil (SPD), Ministerpräsident Niedersachsen, steht am Fluss Innerste im Landkreis Hildesheim. Weil machte sich an verschiedenen Orten ein Bild der angespannten Hochwassersituation in Niedersachsen. © Julian Stratenschulte/dpa
Der Lauf des Klosterbachs in Stuhr ist mittig noch zu erkennen. Das Wasser ist an Weihnachten jedoch weit über das Ufer getreten.
Der Lauf des Klosterbachs in Stuhr ist mittig noch zu erkennen. Das Wasser ist an Weihnachten jedoch weit über das Ufer getreten. © Rainer Jysch
Hochwasser in Niedersachsen
Das Hochwasser am Weserwehr im Landkreis Verden (Aufnahme mit Drohne). Zufahrt und Durchfahrt sind seit Weihnachten gesperrt. Laut der Behörden in Niedersachsen bleibt die Hochwasser-Lage in den nächsten Tagen weiter angespannt. © Christof Dathe/dpa
Stadtspeicher Hochwasser
Mit „Big Packs“ wird die Mauer am Rotenburger Stadtspeicher gestützt. © Michael Krüger
Hochwasser Samtgemeinde Hoya
Hochwasser Samtgemeinde Hoya © Oliver Siedenberg
Hochwasser in Niedersachsen - Okertalsperre
Die Hochwasserentlastungsanlage lässt Wasser aus der komplett gefüllten Okertalsperre im Harz. © Julian Stratenschulte/dpa
Hochwasser in Niedersachsen – Leda
Hochwasser vom Burlage-Langholter Tief, einem Nebenfluss der Leda. © Lars Penning/dpa
Hochwasser in Niedersachsen – Leda
Einsatzkräfte der Feuerwehr versuchen die Ortschaft zu sichern, nachdem das Hochwasser vom Burlage-Langholter Tief, einem Nebenfluss der Leda, über die Deiche trat. © Lars Penning/dpa
Hochwasser in Niedersachsen – Feuerwehr
Einsatzkräfte der Feuerwehr versuchen mit Sandsäcken das Wasser in Schach zu halten. © Lars Penning/dpa
Hochwasser in Niedersachsen - Schloss Marienburg
Das Schloss Marienburg in der Region Hannover steht vor überfluteten Feldern am Fluss Leine. © Julian Stratenschulte/dpa
Hochwasser in Niedersachsen - Ruthe im Landkreis Hildesheim
Hochwasser in Niedersachsen: Der Fluss Innerste mündet an der Ortschaft Ruthe im Landkreis Hildesheim in den Fluss Leine. © Julian Stratenschulte/dpa

Gelegenheit zum Üben hatten die Eisseler ausreichend. Jeder kann vom Hochwasser eine Geschichte erzählen. „Die Strecke nach Verden war zuletzt 2011 abgeschnitten. Damals konnten wir aber immer noch über Langwedel hinausfahren“, sagt Henke. Die letzte Insellage liegt 21 Jahre zurück. Im Jahr 2003 schnitt das Wasser den Verdener Ortsteil komplett vom Festland ab. Und dann beginnt sie, die ruhige Zeit. „Schon tagsüber ein richtiges Idyll. Keine Autos, die hier durch die Ortschaft touren, kein Lärm, außer vielleicht der Wind, der sich hier bemerkbar macht“, sagt Henke. Eine totale Entschleunigung, wären da nicht die Einsätze, die Feuerwehrkräfte zu fahren haben.

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Abends beginnen dann die Stunden, die das Zeug haben, den Eisseler Gemeinschaftssinn zu festigen. „Pegelbesprechung“ heißt die Institution. „Wir treffen uns im Dorfgemeinschaftshaus, wir klönen, wir genehmigen uns ein kleines Bierchen“, sagt Henke. Ein idealer Anlass, auch mal die neuen Einwohner kennenzulernen. „In normaler Zeit sieht man sich ja nicht so häufig.“

Eingerichtet sind die Kurzzeit-Insulaner auf so ziemlich alles, was ihnen widerfahren kann. Das THW hat bereits vor einer Woche sämtliche Utensilien für den Fährverkehr geliefert, die Feuerwehr Verden stellte ein weitere Fahrzeug bereit, falls es mal brennt, und sogar für den medizinischen Notfall ist die Ortschaft gerüstet. „Wenn Gefahr in Verzug ist, rollt ein DRK-Unimog durchs Hochwasser“, sagt Henke.

Rubriklistenbild: © Butt

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