Igelpflege Rotenburg/Wümme

Igel lebendig skalpiert: Naturschützer erlösen das Tier und geben Tipps gegen weiteres Leid

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Igel sind keine Fluchttiere und daher durch Gartenarbeit sehr gefährdet. In Visselhövede ist nun ein lebendiges Tier skalpiert worden und konnte erst Stunden später von seiner Qual erlöst werden.

Visselhövede – Die Bilder von Vara, der toten Igeldame, machen traurig. Das Team der Igelpflege Rotenburg/Wümme hat mehrere Aufnahmen des Tieres veröffentlicht, um aufzurütteln. Viel zu viele Menschen seien zu unachtsam, wenn sie beispielsweise für Gartenarbeiten auf dem eigenen Grundstück aktiv seien. Die Folge: verstümmelte und tote Igel.

Im Fall des Igels Vara musste das Team leider zur letzten Hilfe greifen, die möglich war. Das Tier hatte einfach zu schwere Verletzungen erlitten, bevor es ins Rotenburger Igelkrankenhaus gebracht wurde – wie viele andere Tiere im Kreis Rotenburg zuvor. Augenscheinlich wurde Vara während Gartenarbeiten bei lebendigem Leib skalpiert. Doch anstatt direkt zu sterben, litt das Tier im Stillen mehrere Stunden und wurde erst dann von seinem Leid erlöst, heißt es in einem Facebook-Beitrag der Igelpflege Rotenburg/Wümme.

Igel Vara wurde regelrecht skalpiert. Oft sind Rasenmäh-Roboter dafür verantwortlich. (Montage: kreiszeitung.de)

Die Betroffenheit ist groß. So heißt es unter dem Beitrag beispielsweise von einer Facebook-Nutzerin: „Es ist unfassbar. Je mehr Technikscheisse es gibt, umso schlimmer wird die Natur kaputt gemacht.“ Eine andere Nutzerin schreibt: „Das hier ist so fürchterlich, dass auch ich jetzt hier sitze und einfach nur noch weinen muss. Was muss denn bloß passieren, dass diese ver****** Mähroboter weder beworben noch verkauft noch eingesetzt werden?????“

„Igel quälen sich still und leise bis in ihren qualvollen Tod“

Dabei habe die Igeldame sogar noch so etwas wie Glück gehabt. Viele andere Tiere werden nach solch einer Verletzung gar nicht gefunden. Sie verhielten sich stattdessen ganz ruhig, bleiben vor Blicken verborgen und „quälen sich anschließend still und leise bis in ihren qualvollen Tod“. Aus diesem Grund endet der Beitrag der Tierschützer nicht an diesem Punkt, sondern führt zu Tipps, wie derartiges Tierleid von vornherein vermieden werden könne.

Diese Igeldame hat sich im Sommer 2022 von ihren schweren Verletzungen, die ihr ein Mähroboter zugefügt hat, gut erholt. Gepflegt wurde sie von den Igel-Nothelfern aus Rotenburg. (Archivbild)

Ganz egal, ob Menschen einen regelrecht aufgeschlitzten Igel eklig finden oder dessen Leid große Bestürzung auslöst – mit der richtigen Vorsorge im Garten lassen sich derartige Situation sehr wahrscheinlich auf ein Minimum reduzieren, heißt es bei der Igelpflege. Eine Auflistung zeigt, welche Gefahren so weit wie möglich vermieden werden können.

  • Mähroboter stehen auf der Liste ganz oben. Sie sollten, wenn überhaupt, nur zwischen 11 und 15 Uhr betrieben werden. Vor Beginn des Mähens sollte der Rasen und seine Ränder überprüft werden, das Mähen sollte unter Aufsicht geschehen. Oft bemerken die Roboter die Igel zu spät und fügen ihnen schwere, meist tödliche Verletzungen zu. Leichte Verletzungen wiederum lassen sich behandeln, wenn Menschen den Unfall zwischen Tier und Maschine bemerken und sofort handeln. Die Stiftung Warentest empfiehlt zudem, Roboter mit Flieh­kraft-Messern zu kaufen, da diese an Hindernissen einklappen und tendenziell weniger Schaden anrichten können.
  • Rasentrimmer sollten nur benutzt werden, wenn vorher geschaut wurde, ob der Weg an den Schnittstellen frei ist. Dazu ist es an unübersichtlichen Punkten auch wichtig, sich für bessere Übersicht zu bücken – trotz der Bequemlichkeit, die Rasentrimmer und Freischneider mit langem Griff normalerweise mitbringen.
  • Gelbe Säcke sind gefährlich, weil der Geruch von Lebensmittelresten Igel anlocken kann. Die Tiere beißen sich dann durch das Plastik und fügen sich mitunter schwere Verletzungen an scharfkantigen Dosen oder ähnlichen Gegenständen zu. Daher sollte man darauf achten, Gelbe Säcke und ähnlichen Müll möglichst spät an die Straße zu stellen. Besser noch ist es, die Säcke aufzuhängen oder leicht erhöht abzulegen. Auch frei herumliegender Müll kann zur Gefahr werden.
  • Lichtschächte sind ebenfalls eine möglicherweise tödliche Gefahr für Igel. Sie können hineinfallen, wenn die Schächte nicht mit Glas oder einem möglichst feinmaschigem Gitter gesichert sind. Tiere, die in einem solchen Schacht gefunden werden, könnten womöglich von Fliegen befallen sein und sollten vor dem Aussetzen fachkundig nach Eiern abgesucht werden, die auf ihnen abgelegt worden sind.
  • Kellertreppen lassen sich gut für Igel in Not präparieren, indem Ziegelsteine am Rand der regulären Stufen ausgelegt werden. So entstehen Hürden, die von den Tieren überwunden werden können. Tiere, die eine Treppe hinuntergefallen sind, sollten vor dem Aussetzen auf Verletzungen und Fliegenbefall geprüft werden.
  • Zäune sollten bei der Planung auf ihre Igel-Freundlichkeit geprüft werden. Sind Durchlässe zu eng, bleiben Igel möglicherweise stecken und kommen nicht mehr vor und zurück – weil sie zu dick sind und ihre Stacheln den Rückweg unmöglich machen. Durchgänge und der Abstand zum Boden sollten jeweils eine Faust breit Abstand lassen. Auch hier gilt: Feststeckende Tiere müssen vor dem Aussetzen auf Verletzungen und Fliegen- oder Madenbefall überprüft werden.
  • Teiche und Pools ohne flache Ränder benötigen am besten Ausstiege in Form von Rampen. Das Team der Igelpflege empfiehlt Bretter, die mit Querstreben versehen sind und den Ausstieg aus dem Wasser ermöglichen. Igel, die im Wasser gefunden werden, sollten von Experten, z.B. in einer Igelstation, auf eine mögliche Lungenentzündung gecheckt werden.
  • Löcher und Gruben sollten immer abgedeckt werden, das gilt zum Beispiel auch für solche, die für Wäschespinnen gedacht sind.
  • Feuerstellen sollte man zum Schutz von Igeln und anderen Tieren vor dem Entzünden genau auf mögliche Bewohner überprüfen. Das gilt insbesondere für Osterfeuer, die mehrere Tage bereitliegen, um dann angezündet zu werden. Reisighaufen sollten komplett umgeschichtet werden. Hierbei ist zu beachten, dass Igel zwischen Oktober und April Winterschlaf halten und dann in der Regel nicht umgesetzt werden dürfen.

Auf seiner Website weist das Team der Rotenburger Igelpflege auch darauf hin, dass Igel unter Naturschutz stehen und unter anderem das Verletzen oder Töten verboten ist. Bis zu 50.000 Euro Strafe können Verstöße gegen das Bundesnaturschutzgesetz in Niedersachsen nach sich ziehen. In Brandenburg liegt die Strafe bei 65.000 Euro, in anderen Ländern wie Rheinland-Pfalz ist sie hingegen weniger hoch.

Im Notfall ist das Igel-Team im Landkreis Rotenburg unter 0152/22846488 oder 0160/92982700 erreichbar, für Bremen gilt die Nummer 0172/5471644.

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