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Erstwähler Malwin Dohmen will mit seiner Stimme bei der Bundestagswahl den Sozialstaat Deutschland bewahren. Deshalb geht er an seinem Geburtstag ins Wahllokal.
Rotenburg – Erst wird gewählt, dann gefeiert. Für Malwin Dohmen ist der Wahlsonntag ein besonderer Tag und das gleich doppelt. Er freut sich zum ersten Mal seine Stimme bei der Bundestagswahl abzugeben und gleichzeitig ist auch sein Geburtstag, er wird 20. Wählen zu gehen ist für den Rotenburger demokratische Pflicht: „Mich stört es, wenn Leute, die nicht wählen waren, über politische Entscheidungen meckern. Ich kann mich nur beklagen, wenn ich meinen Beitrag zum Kollektivsystem Demokratie geleistet habe.“ Gerade in dieser Wahl gehe es um viel.
Podcasts und Austausch über Politik
Also steht Dohmen schon um acht Uhr vor seiner Wohnung am Berliner Ring, um zu seinem Wahllokal in der Stadtschule zu gehen – das sind zu Fuß 15 Minuten. Nach kurzer Überlegung, auf welchem Weg er zügiger ist, geht er schnellen Schrittes Richtung Jägerhöhe. Er ist gespannt, wie voll es schon ist.
Unter den knapp rund 59 Millionen Wahlberechtigten fühle sich seine Stimme zwar mickrig an, aber jede Stimme habe ihre Wichtigkeit. Da ist sich der Ratsgymnasium-Schüler mit Leistungskurs Politik sicher. Dohmen informiert sich über Politik hauptsächlich in seinem Kurs, im Austausch mit Mitschülern und seiner älteren Schwester, aber auch Podcasts und die vergangene Podiumsdiskussion, habe ihm geholfen.
Nur Wahlplakate von drei Parteien in seinem Wohngebiet
Auf seinem Weg durch das Wohngebiet passiert er einige Wahlplakate. Vertreten sind ausschließlich die Linke, BSW und AfD. „Ich wohne hier in einem nicht so wohlhabenden Bezirk. Dass sich die anderen Parteien nicht bemühen, ärgert mich“, sagt er. Nach der letzten Abbiegung, kurz vor dem Wahllokal sind bereits Menschen unterwegs, aber hauptsächlich Bürgerinnen und Bürger des älteren Baujahrs.
„Ich finde das gut, dann kann ich zeigen, dass die junge Generation sich auch für Politik und ihre Zukunft interessiert“, sagt Dohmen und grinst. Im Wahlbezirk 35 „Rotenburg I - Heidekreis“ sind laut Statistischem Bundesamt rund 7,3 Prozent der Bürger zwischen 18 und 24 Jahren alt und somit potenzielle Erstwähler.
Für Sozialstaat gegen Egoismus
Kurz muss er auf der Benachrichtigung nachschauen in welchen Wahlraum er muss, Aula oder Mensa? Wahlbezirk 103 – also Aula. Er hält den Informationsfluss im ländlichen Raum, wodurch antidemokratische Parteien, wie die AfD, auch bei jungen Menschen beliebt werden, für problematisch. „Ich habe das Gefühl, dass auf dem Land die politische Meinung durch Schlagzeilen, statt durch Austausch geformt wird“, kritisiert er.
Die AfD finde auf Tiktok einfache Antworten auf komplexe Fragen, das sei gefährlich. Seine Lösung, um die Gesellschaft zu entpolarisieren: Politiker müssen einfachere Sprache benutzen. „Der Egoismus des Einzelnen ist aktuell zu stark, ich hoffe, dass wir wieder zusammenfinden, unseren Sozialstaat erhalten und weiterhin in Europa als gutes Beispiel vorangehen“, sagt der 20-Jährige.
Das wählen Jugendliche in Rotenburg
Bei der deutschlandweiten U18-Wahl lagen vor allem die Linke und SPD vorne. Am Ratsgymnasium in Rotenburg sieht es bei der Juniorwahl ähnlich aus, mit 51 Prozent erringt Klingbeil (SPD) den Sieg, Tauschwitz (CDU) erhält nur 18, Ruzicka (Grüne) 16 Prozent. Bei den Zweitstimmen erhält die Linke 23, SPD 17, CDU 16, Grüne 15, AfD 9 und Volt 6 Prozent, jeweils 5 Prozent gab es für FDP und BSW. Im Gegensatz dazu steht das Ergebnis der BBS. Bei den Erststimmen gewann ebenfalls Klingbeil, knapp gefolgt von Najafi (AfD). Bei den Zweitstimmen gibt es einen deutlichen Sieger mit 104 Stimmen: die AfD, gefolgt von der Linken mit 79, CDU mit 68 und SPD mit 58 Stimmen.
Strategisches Wählen und Kompetenzen eines guten Kanzlers
Er tritt an den Tisch der Wahlhelfer und zeigt den Personalausweis. „Wir brauchen nur die Wahlbenachrichtigung“, sagt ein Helfer und sein Kollege hakt Dohmens Name auf einer Liste ab. Der bekommt den Stimmzettel ausgehändigt. „Nervös bin ich nicht, ich muss ja nur zwei Kreuze setzten“, sagt der Erstwähler und setzt sich mit einem Lächeln auf dem Gesicht an einen der drei Wahlkabinen-Tische. Er lässt sich Zeit.
Vor der Wahl hat er sich einige Male umentschieden, berichtet er nach getaner Arbeit. Erst fand er Canina Ruzicka (Grüne) als Direktkandidatin spannend. Da das Rennen zwischen SPD-Kandidat Lars Klingbeil und CDU-Kandidatin Vivian Tauschwitz knapp werden könnte, hat er sich doch dafür entschieden strategisch zu wählen. Zu seiner Zweitstimme sagt er nur soviel: „Ich habe natürlich eine demokratische Partei gewählt. Und zwar die, die für mich den fähigsten Kanzler stellen könnte.“
Das macht er an zwei Dingen fest: Die Kompetenz muss stimmen und die Repräsentationsfähigkeit, zweiteres fehle Scholz leider. Auf dem Nachhauseweg kommt der junge Rotenburger dann doch kurz ins Zweifeln: „Ich hoffe, ich habe meine Kreuze groß genug gemacht.“ Nun ist die Wahl für ihn aber bis zur Ergebnisverkündung am Abend abgehakt, jetzt feiert er mit seiner Familie und seiner Freundin erstmal seinen Geburtstag mit einem leckeren Essen.

