Festivalbesuch mit Suchtproblematik: Wie geht man damit um?
VonMatthias Röhrs
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Alkohol ist ein fester Bestandteil von Festivals wie dem Hurricane. Doch wie gehen Suchterkrankte damit um? Experten geben Ratschläge und warnen vor Risiken.
Scheeßel – Auch das ist ein Teil der Festival-Wahrheit: Zum Hurricane und Artverwandten gehören nicht nur die Musik, eine große Feier und drei Tage campen auf einem Feld, sondern auch jede Menge Bier, Wein und Schnaps. Bei vielen dürften die zahllosen Paletten Bierdosen mitunter den größten Teil des Gepäcks zum Eichenring einnehmen, in den Taschen liegen dann die „härteren“ Sachen. Flunkyball, der berühmt-berüchtigte Trichter, extreme Ausgelassenheit – das Gelände ist ab Donnerstag-Nachmittag voll mit Anzeichen, dass der Konsum von Alkohol bei vielen wohl über das gewohnte Maß hinausgeht. Für den Einzelnen kann das ein Risiko sein.
Das Hurricane Festival 2024 und der Alkohol: „Jeder hat das Recht auf Rausch“
Erstmal: „Jeder hat das Recht auf Rausch.“ Das sagt Jessica Schönian vom Verein Therapiehilfe, der Fachstelle Sucht und Suchtprävention im Landkreis Rotenburg. Sie berät Süchtige, die Hilfe gegen ihre Erkrankung brauchen. Zum großen Teil geht es dabei um Alkohol, aber auch andere Drogen sind Gegenstand der Beratungen.
78.000 Besucher erwarten die Veranstalter am kommenden Wochenende in Scheeßel. Auch Suchterkrankte werden dabei sein, selbst wenn an jeder Ecke Verlockungen – oder besser: Triggerpunkte – liegen. Nicht nur auf den Campingplätzen, auf denen der Alkohol teils buchstäblich auf der Straße liegt, auch auf dem Gelände, wo Sponsoren um Konsumenten buhlen. Keine Frage: Alkohol ist Teil des Hurricanes. Und wie gehen Suchterkrankte damit um? „Erstmal ist es wichtig, dass man sich im Vorfeld Gedanken macht, ob man mit dem Druck umgehen kann“, sagt Suchtberaterin Schönian. Im Zweifel blieben manche dann einfach zu Hause oder müssten ihren Hurricane-Besuch abbrechen.
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Zu den Gedanken gehören ebenso Strategien, die sich Suchterkrankte vor dem Besuch zurechtlegen. Strategien für den Fall, dass der Suchtdruck, das Verlangen nach Alkohol zu groß wird. Nicht nur das permanente Angebot, auch psychische Belastungen oder Stress können dies auslösen. Hilfe kann zum Beispiel von Bezugs- und Vertrauenspersonen kommen, die man notfalls anspricht. Eine Allgemeinlösung gibt es nicht. Am Ende ist der Umgang mit Sucht und Abhängigkeit ein individueller, so Schönian. „Nicht alle Erkrankten leben vollständig abstinent.“ Auch hier greifen höchst individuelle Strategien, wie etwa kontrolliertes Trinken.
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Beim Gedanken ans Hurricane in Scheeßel sieht auch Schönian erst einmal die Musik, das miteinander glücklich sein, das Feiern. Aber es offenbart auch ein grundsätzliches Problem mit dem Umgang der Gesellschaft mit Alkoholkonsum. Etwa, wenn man voller Erbrochenem in der Ecke liegt. „Das ist ja erstmal nichts Lustiges, aber trotzdem lachen die Leute darüber“, sagt Schönian. Das Wissen um Gefahren beim Alkoholkonsum ist oft nicht vorhanden. Denn nicht nur Suchterkrankte können ein Problem bekommen, sondern jede Person, die infolge des Trinkens die Kontrolle verliert, nicht mehr Herr der Lage ist. Schlimm ist es dann, wenn man hinterher feststellen muss, dass man Dinge getan hat, die man anschließend bereut. Nicht zu vergessen, dass andere Personen diese Situation ausnützen können. Schönian warnt in dem Zusammenhang auch vor Mischkonsum, also das Trinken im Verbund mit Konsum anderer Drogen wie Marihuana, LSD oder Ecstasy. „Viele wissen gar nicht, wie gefährlich ist.“
Letztendlich trage jeder selbst die Verantwortung für seinen Umgang mit Drogen, stellt auch die Suchtberaterin klar. Dennoch würde sie sich wünschen, wenn auch die Veranstalter von Großevents wie das Hurricane sich mehr Gedanken über den Konsum machen würden. Ihr genereller Vorschlag: Die Werbung für Alkohol reduzieren und vor Ort Informationsangebote machen, eine Anlaufstelle schaffen. „Man kann Konsum nicht verbieten“, aber man könne mehr Sicherheit schaffen.