Scheeßel im Ausnahmezustand: Wie das Hurricane Festival das Dorfleben verändert
VonUlla Heyne
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Das Hurricane Festival verwandelt das ruhige Scheeßel in eine pulsierende Festivalstadt. Die einen freut es, die anderen nicht unbedingt. Wie gehen die Einwohner mit den Veränderungen um?
Scheeßel – Noch geht es beschaulich zu im Beekeort. In wenigen Tagen werden an die 80.000 Musikfans den Eichenring zwischen Scheeßel und Westervesede in eine Kleinstadt verwandeln. Von Vorbereitungshektik noch keine Spur – dazu sind alle Beteiligten im 8000 Einwohner zählenden Ort in der 23. Auflage des musikalischen Megaspektakels mit mehr als 80 Bands an drei Tagen zu routiniert. Ganz egal, wie das Wetter am Hurricane-Wochenende wird.
Bürgermeisterin Ulrike Jungemann (CDU), die das Hurricane Festival zum dritten Mal seit Amtsantritt begleitet, ist entspannt – noch: „Das Sicherheitskonzept ist unterzeichnet, es legt auf 60 Seiten genau fest, was in jedem erdenklichen Notfallszenario zu tun ist – das gibt Sicherheit!“ Genau das macht auch für die Veranstalter einen großen Pluspunkt aus: Man kennt nicht nur die örtlichen Gegebenheiten – die Anfahrtswege, Umleitungen, Streckenführungen sind seit Jahrzehnten ausgetüftelt und erprobt. Und fast noch wichtiger: Man kennt sich untereinander. Das bedeutet kurze Wege und wenig Reibungsverluste.
Und auch in den beiden angrenzenden Ortschaften nimmt man die Straßensperrungsschilder, die auf vier Tage Einschränkungen hindeuten, mit Gleichmut. Jeder, der hier seit ein paar Jahren lebt, weiß: Am Anreise-Donnerstag und Freitag ist es keine gute Idee, den Wocheneinkauf zu erledigen, die Straßen sind verstopft. Entsprechend ruhig wird es zum Beispiel im Gartenmarkt an der B75 zugehen. Inhaberin Bianca Gerken: „Ab Donnerstag ist hier kaum was los.“ Früher habe sie sich mit Gummistiefeln und Pavillons bevorratet.
Hurricane-Einkauf irritiert Großhändler: Panzertape im Gartenmarkt an der B75
Seit das alles in dem festivaleigenen Supermarkt zu haben ist, lohne das nicht mehr. Nur Panzertape hat sie extra bestellt – und das in so großen Mengen, dass der Großhändler nachfragte, ob hier nicht ein Versehen vorliege. Auch in der Sonnenapotheke, eine der drei örtlichen, ist man gelassen. „Hier in den Ortskern verirren sich nur wenige“, weiß Apotheker Hendrik Hagemeister aus Erfahrung. Das, was seitens der Festivalisten nachgefragt würde – Wund- und Desinfektionsspray, Elektrolyte, Kopfschmerztabletten, Nasenspray, Allergiemittel und die Pille danach – halte man ohnehin in ausreichender Menge vor. „Engpässe kommen da gar nicht erst auf.“
Hurricane 2024: Der Aufbau am Eichenring – die Bilder
Am Eichenring wächst derweil die Großstadt auf Zeit. An die Tempodrosselung am Eichenring auf 50 tagsüber haben sich die Anwohner ebenso gewöhnt wie an die bevorstehende alljährliche Vollsperrung der Straße und große Umleitungen. Die örtliche Physiotherapiepraxis schließt drei Tage lang – von Donnerstag bis Montag ist hier für Patienten kein Durchkommen. Auch das örtliche Holzbauunternehmen plant seine Baustellen um das Festival herum. „Das Problem ist eher die Scheeßeler Straße, das hält schon auf mit Geschwindigkeitsbegrenzung“, meint Lola Kröger von der Geschäftsführung. „Auch für unsere Lieferanten müssen wir da ja mitdenken und die Ware entsprechend rechtzeitig vor der Sperrung bestellen.“ Trotz des höheren Aufwands für die Organisation der Arbeitsabläufe befürworten die Inhaber das Festival, meckern wollen sie nicht. „Nerven tun nur oft übereifrige Security-Mitarbeiter, die auch beim dritten Mal ein Firmenfahrzeug trotz Carpass noch anhalten.“
Ein Novum dieser Auflage: Erstmals gibt es nicht nur für unmittelbare Anwohner in Westervesede, sondern für fast alle Anwohner im Ort Freikarten, je nach Grad der Beeinträchtigung eine pro Haushalt für das gesamte Festival oder ein Tagesticket. Die Geste des Veranstalters kommt indes nicht bei allen gut an: Viel zu spät sei man informiert worden. „Wer wirklich hin will, hatte da sein Ticket schon längst gekauft“, moniert ein Anwohner.
Anbieter von Ferienwohnungen und Gästezimmern freuen sich über Hurricane-Andrang
Er befürchtet: „Nächstes Jahr heißt es dann: Seht ihr, so wenig wurde das Angebot angenommen, es scheint wohl kein Interesse zu bestehen, und dann wird das wieder eingedampft.“ Trotz der Angebote des Veranstalters FKP Scorpio fühlen viele sich nicht gut informiert. „Ob uns ein Carpass pro Haushalt zusteht oder mehrere, wussten nicht mal die, die die Pässe ausgegeben haben“, meint einer. Seine Lösung: Er zieht während des Festivals zu den Kindern, während im eigenen Haus die Festivalisten aus der Verwandtschaft Einzug halten.
Freuen können sich indes die lokalen Anbieter von Ferienwohnungen und Gästezimmern: „Alles lange ausverkauft“, vermeldet Immobilienmakler Karsten Lüdemann, der einige Ferienwohnungen vermietet. „Die meisten buchen gleich nach dem Festival wieder fürs nächste Jahr“.
Hinweis: In einer früheren Version dieses Textes war unklar, für welche Anwohner Freikarten zur Verfügung stehen. Die Passage haben wir konkretisiert.