VonGuido Menkerschließen
Bereits in der kommenden Woche rollen die ersten Container an. Sie werden gebraucht, um weitere Flüchtlinge auf dem Rathsmann-Gelände am Glummweg unterzubringen. Bei einer Versammlung im Rotenburger Rathaus informieren der Bürgermeister und zwei Amtsleiter über das Vorhaben.
Rotenburg – Sie kommen zurzeit überwiegend aus der Ukraine, aber auch aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie aus Afrika erreichen Flüchtlinge die Bundesrepublik. Für ihre Unterbringung sind die Kommunen zuständig. In Rotenburg sind es zurzeit 149 Geflüchtete, die in städtischer Unterbringung leben – vor allem auf dem Campus Unterstedt, aber auch in angemieteten Wohnungen. „Wir sind fast voll belegt“, sagt Bürgermeister Torsten Oestmann am Dienstagabend bei einer Anliegerversammlung im Rathaus.
Eingeladen sind Anlieger des Glummweg-Viertels, wo die Stadt auf dem Rathsmann-Gelände 90 Wohncontainer für Flüchtlinge platziert. Bürgermeister Torsten Oestmann, Bauamtsleiter Roman Lauchart sowie Ordnungsamtsleiter Thorsten Schiemann berichten über die Hintergründe sowie über den Stand der Planungen. Knapp 30 Gäste sind dabei – unter ihnen auch mehrere Mitglieder des Stadtrats.
Das derzeit noch zur Verfügung stehende Raumangebot reicht, so Oestmann, vielleicht noch für zwei Wochen. Die Zahlen jedoch sprechen für sich. Bis Ende des Jahres muss die Stadt Platz schaffen für wahrscheinlich 84 Menschen, die hierher kommen. Und auch im kommenden Jahr sei mit weiteren Zuweisungen zu rechnen.
„Eine Frage in so einer Situation ist zunächst, ob es Bestandsbauten gibt, die schnell zu beziehen sind“, erklärt der Bürgermeister. Nein. Die gibt es nicht. Weder der zurzeit leer stehende „Eichenhof“ in Waffensen noch andere Gebäude böten sich an. Und auch die wenigen noch freien Wohnungen helfen nicht „angesichts der Zahlen“. Überdies, so Oestmann, gebe es ohnehin einen hohen Bedarf an Wohnungen. „Wir brauchen schnell eine Lösung für 84 Menschen.“
Rotenburg versucht alles, um die Umnutzung von Turnhallen zu vermeiden. Allein die Corona-Pandemie habe den Schul- und Vereinssport stark belastet. Zudem sei unklar, wie lange und in welchem Umfang sie herhalten müssten. „Außerdem wäre ein Um- und später ein Rückbau erforderlich“, betont Oestmann. Das sei letztendlich ebenfalls mit einem hohen finanziellen Aufwand verbunden. Jetzt also rollen Container an, die den Menschen all das bieten, was sie brauchen. „Wir bekommen Geld dafür, aber das reicht nicht aus“, erklärt der Bürgermeister. Das Rathsmann-Gelände sei sehr früh als eine Möglichkeit in den Fokus gerückt, es sei groß und verfüge über eine gute Versorgungsanbindung.
Wir brauchen schnell eine Lösung für 84 Menschen.
Zugleich machen die drei städtischen Vertreter noch etwas deutlich an diesem Abend: „Wir sind weiter auf der Suche nach anderen Lösungen – auch längerfristig.“ Oestmann schiebt noch etwas nach: „Die Entscheidung für die Container-Lösung haben wir uns nicht leicht gemacht, aber wir wissen um das menschliche Leid, das dahinter steht.“
Ähnlich wie auf dem Campus in Unterstedt soll es unbedingt eine soziale Begleitung für die Flüchtlinge geben. Auch das kostet Geld – die Stadt wird das alleine stemmen müssen. Auch den Sicherheitsdienst, der bereits beauftragt ist. Man wolle es nicht dramatisieren, aber dieses Stück Sicherheit sei sinnvoll. Zugleich appelliert Oestmann, das ganze Vorhaben mit „möglichst maximaler Normalität“ anzugehen.
Normalität. Dass das alles nicht so leicht ist aus Sicht der Nachbarn, wird in den Fragen deutlich. Wie lange bleiben die Container stehen? Wie ist das mit der Beleuchtung am Glummweg? Warum ist das Grün am Eingangsbereich entfernt worden? Wird die Security rund um die Uhr im Einsatz sein? Sind für die Flüchtlinge Sozialräume eingeplant? Hat man an einen Spielplatz für die Kinder gedacht? Wie sieht es mit Rettungswegen und der Löschwasserversorgung aus? – Es gibt viel, an das zu denken ist.
Schiemann weist darauf hin, dass das Projekt zunächst für ein Jahr vorgesehen sei – mit der Option einer Verlängerung. Deshalb betont Oestmann, dass er dankbar sei für alternative Vorschläge, um die Menschen unterzubringen. Ein Jahr – „wir wären vor allem dankbar, wenn es dann die Ursache für die Flucht nicht mehr gäbe“. Die Möglichkeit, das Platzangebot auf dem Rathsmann-Gelände auszuweiten, bestehe ebenfalls, sagt Roman Lauchart. Das alte Verwaltungsgebäude indes sei nicht mehr nutzbar. Lauchart zeigt auf der Übersichtskarte, wo Spielgeräte platziert werden können. Auch daran sei also gedacht worden. Die Feuerwehr wird alles checken, damit für den Fall der Fälle alles sicher ablaufen kann. Die Polizei werde den Bereich mit ihren Streifen häufiger anfahren.
Der Bürgermeister spricht von einer herausfordernden Situation, von einem Kraftaufwand: „Das alles ist nicht mal eben schnell gemacht. Die größte Herausforderung ist das alles aber für die Menschen, die dort schon bald untergebracht werden.“
Kommentar:
Mehr als nur ein Dach überm Kopf
Seit nun sieben Jahren arbeitet die Stadt Rotenburg in Kooperation mit dem Diakonissen-Mutterhaus daran, Flüchtlingen nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern auch viele Möglichkeiten zu bieten, sich bei uns zu integrieren. Das ist dabei ganz entscheidend. Integration schafft schließlich Perspektiven. Das ist es, was diese Menschen brauchen. Und es ist das, was in sehr vielen Fällen richtig gut klappt. Davon profitiert am Ende die ganze Stadt. Klar, auch in Rotenburg gibt es diese Menschen, die das alles ablehnen. Deshalb war nicht klar, wie die Reaktionen bei der Anliegerversammlung im Rathaus ausfallen, zu der die Stadt eingeladen hatte, um über die erneute Unterbringung von Geflüchteten auf dem Rathsmann-Gelände zu informieren. Es zeigt sich aber, wie gut es ist, sachlich miteinander zu reden, ohne dabei die humanitären Ansätze zu vernachlässigen. Klar, dass es Fragen gibt und Unsicherheiten vielleicht. Das alles lässt sich ausräumen. Und wenn in Rotenburg alle Beteiligten weiterhin an einem Strang ziehen und auch die Ehrenamtlichen am Ball bleiben, wird es auch künftig gut gehen. Ja, richtig, es ist eine Herausforderung. Für alle. Aber die haben wir hier seit 2015 doch gut gemeistert, oder? men
