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Zurück auf 19 Prozent: So wirkt sich die erhöhte Mehrwertsteuer auf Niedersachsens Gastronomie aus

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Sieben Prozent war 2023: Seit Januar muss die Gastronomie wieder 19 Prozent Mehrwertsteuer abführen.
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Von sieben zurück auf 19 Prozent. Wie das Gastgewerbe in Niedersachsen auf die Vor-Corona Bedingungen reagiert.

Hannover – Ins Restaurant zu gehen ist teurer geworden. Das liegt nicht nur an gestiegenen Lebensmittelpreisen, sondern auch an der Rückkehr zum Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent in der Gastronomie. Drei Viertel der befragten Betriebe gaben in einer Dehoga-Umfrage im Januar an, aus diesem Grund die Preise in ihren Speisekarten angepasst zu haben.

Sie wundere sich, dass es nicht noch mehr seien, sagt Renate Mitulla, Geschäftsführerin der Dehoga Niedersachsen. Das Gastgewerbe sei noch lange nicht wieder auf dem Stand wie vor der Pandemie. Zusätzliche zwölf Prozent Steuer abführen zu müssen, sei eine starke Belastung. Zugleich stelle es die Betriebe vor schwierige Entscheidungen. „Das ist eine riesige Gratwanderung der Gastronomie: Was brauche ich, und was kann ich dem Gast zumuten?“ Neben höheren Preisen für Gerichte arbeiteten die Gastronominnen und Gastronomen auch mit verkürzten Öffnungszeiten oder einer kleineren Karte, um Kosten zu sparen.

Die Pleitewelle hat auch viel damit zu tun, dass die Leute nicht gut ausgebildet sind.

 Jeanine Weigel, Landesbezirkssekretärin Nord der Gewerkschaft NGG.

Theoretisch könnten auch Einsparungen bei den Personalkosten zu einer besseren Bilanz verhelfen. Dass Beschäftigten aus diesem Grund gekündigt werde oder ihre Stunden reduziert würden, habe sie allerdings noch nicht gehört, sagt Jeanine Weigel, Landesbezirkssekretärin Nord der Gewerkschaft NGG.

Wenn Gastronomiebetriebe jetzt aufgeben müssten, sei der Grund dafür weniger der Mehrwertsteuersatz, meint Weigel: „Die Pleitewelle hat auch viel damit zu tun, dass die Leute nicht gut ausgebildet sind. Das Wirtschaften ist herausfordernder geworden.“

Dass es aber zu so vielen Betriebsaufgaben kommt wie von der Dehoga prognostiziert – laut Landeshauptgeschäftsführer Rainer Balke 1.000 in Niedersachsen – erwarte sie nicht. „Das ist das gleiche Angstszenario, das da beschworen wird, wie als der Mindestlohn kam.“ Und auch dessen Einführung habe bei den Betrieben nicht für große Probleme gesorgt. Zugleich seien die Löhne aus Sicht der NGG noch immer – trotz einer tariflichen Steigerung um bis zu 33 Prozent binnen vier Jahren – zu niedrig.

Für zu niedrig hält Dehoga-Geschäftsführerin Mitulla indes auch die Preiserwartungen der Gäste. „Seit 25 Jahren halte ich Vorträge, dass die Gastronomie zu günstig ist“, sagt sie. Der Wert regionaler, hoch qualitativer Lebensmittel müsse von der Kundschaft nicht nur geschätzt, sondern eben auch bezahlt werden. Dennoch: Von der höheren Mehrwertsteuer habe außer dem Staat niemand etwas.

KOMMENTAR: Zwölf Prozent für Essen für alle

Dreieinhalb Jahre lang konnte die Gastronomie mit einem reduzierten Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent arbeiten. Pandemiebedingte Schließungen und Sonderregelungen belasteten das Gastgewerbe in dieser Zeit stark, doch mittlerweile gilt die Coronakrise als überwunden. Die der Gastronomie allerdings offenbar nicht: Betriebe und der Verband Dehoga klagen anhaltend über hohe Kosten. Ist es deshalb nun ungerecht, die Steuerermäßigung zu kappen?

Nein. Die Probleme, die die Gastronomie derzeit belasten, sind nicht mehr so branchenspezifisch, wie sie es während der Pandemie waren. Mit der Inflation haben die meisten zu kämpfen – Unternehmen verschiedener Branchen, vor allem aber auch Privatleute.

Ein staatliches Eingreifen zur Reduzierung der Kosten für Lebensmittel wäre deshalb an vielen anderen Stellen wünschenswert: Für das Essen in Schule und Kita zum Beispiel, denn jedes fünfte Kind ist armutsbetroffen. Außerdem müsste der Bürgergeld-Regelsatz, der nur knapp sechs Euro pro Tag für Lebensmittel vorsieht, erhöht werden. Und nicht zuletzt können die Tafeln nicht weiterhin gut zwei Millionen Menschen als alternativlose Alternative zum Supermarkt dienen. Vielleicht lassen sich diese Maßnahmen ja mit den zusätzlichen Steuereinnahmen aus der Gastronomie finanzieren?

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