VonMatthias Röhrsschließen
Günter Scheunemann versucht zum vierten Mal, in den Bundestag zu kommen. Trotz wiederholter Misserfolge lässt sich der Mann der Freien Wähler nicht entmutigen.
Rotenburg – Günter Scheunemann könnte man viele Titel geben. Er ist genauso ein Scheiternder wie Aufstehender, ein unbequemer – manche würden sagen: nerviger – Geist, in Rotenburg im engsten Wortsinne ein Ausnahmepolitiker, Tierfreund, ein Original seiner Partei Freie Wähler. Es kommen noch einige Bezeichnungen dazu. Da fällt „Kandidat“ kaum noch ins Gewicht. Der Rotenburger versucht im vierten Anlauf den Sprung in den Bundestag. Warum eigentlich? Während manche nach einer gescheiterten Kandidatur ihre Ambitionen imm Politikbetrieb zurückfahren, greift er einfach weiter an. Das scheint einfach in seiner Natur zu liegen.
Auch als Sammler wird Scheunemann in früheren Porträts immer wieder bezeichnet. Als Beweis dient oft die eindrucksvolle Gesteinssammlung in einer Glasvitrine im Wohnzimmer des 70-Jährigen. Auf der anderen Seite des Raumes steht ein weiter Beweis: der 4,30 Meter große Weihnachtsbaum, geschmückt mit unzähligen Glaskugeln und -figuren. Gut möglich, dass dieser Baum noch bis zum Wahltag am 23. Februar genau dort steht. Für einen Abbau fehlt schlicht die Zeit, sagt Scheunemann, der würde Stunden dauern. Stunden, die aber gerade der Wahlkampf und sein Engagement für seine Partei fressen. „Da haben sie uns ganz schön was eingebrockt mit der vorgezogenen Wahl“, sagt er.
Vor allem sammelt Scheunemann aber Argumente. Wenn er erstmal in Fahrt ist, nimmt das Gespräch schnell Kurven und Wendungen, die man nicht erwartet. Scheunemann hat ganz genaue Vorstellungen davon, was alles falsch läuft im Land, welche Fehler die vorherigen Regierungen und vor allem die Ampel gemacht haben. Auf diese Themen kommt er schnell und immer wieder zurück. Oder er erzählt von seiner Partei, dessen niedersächsischen Landesverband er einst mitgegründet hat und der sich seitdem zwar langsam, aber immer weiter entwickelt hat. Eine Frage zu seiner Person als Politiker ergibt fast immer eine Antwort zu den Freien Wählern.
Es ist platt zu sagen, dass Scheunemann auch Kandidaturen sammelt – auf höheren Ebenen stets erfolglos, aber immer wiederkehrend. Das klassische Stehauf-Männchen. Klammert man die kommunalen Ämter – in Rotenburgs Stadtrat und in den Kreistag hat er es immerhin geschafft – mal aus, steht jetzt sein vierter Versuch an, in den Bundestag zu kommen. Drei Versuche gab es für den niedersächsischen Landtag, einen für das Europäische Parlament. Schaut man ins Archiv der Kreiszeitung, taucht Scheunemann auch fast ausschließlich im Zuge von Wahlberichterstattungen auf.
Es sind Geschichten und Berichte, an deren Ende in der Regel der Misserfolg steht. Scheunemann spricht zwar von einer guten Chance im nun neuen Anlauf, aber angesichts der Konkurrenz aus einer Kandidatin der wiedererstarkten CDU und des bundesweit prominenten SPD-Chef Lars Klingbeil, wird es im nächsten Bundestag wohl weiter keinen Sitz für Scheunemann geben. Aber auch hier ist die Partei für Scheunemann viel wichtiger. Drei bis vier Direktmandate in Bayern könne er sich vorstellen, erzählt er, das reicht für eine laute unbequeme Stimme.
Wenn Scheunemann über seine Partei in Fahrt gerät, kommt man um den Eindruck einer symbiotischen Beziehung zwischen beiden nicht herum. Scheunemann kann nicht ohne die Freien Wähler. Aber können die ohne ihn? Er sei da nur ein kleines Licht, sagt der Rotenburger, gibt sich bescheiden. Vom Lob seiner Parteifreunde und vor allem des stellvertretenden bayerischen Ministerpräsidenten Hubert Aiwanger, die wohl bekannteste Personalie bei den Freien Wählern, erzählt er trotzdem gerne. Einen „alten Kämpfer“ habe „Hubert“ – man duzt sich – ihn genannt. Andere in der Partei wünschten sich, alle wäre so engagiert wie er, habe man ihm gesagt.
Scheunemann ist 1954 in Rotenburg geboren, hat den größten Teil seines Lebens für die Feuerwehr der Bundeswehr in Visselhövede und in der Kreisstadt gearbeitet. Er hat eine Leidenschaft fürs Bergsteigen, für die Geologie und fürs Tischlern. Für ihn selbst ist eine Wahl auch eine Gelegenheit, gehört zu werden, gibt er zu. „Die Kandidatur ist zugleich ein Sprachrohr.“ Und legt wieder los: Bund und Länder drücken den Kommunen zu viele Kosten auf, für die sie eigentlich selbst aufkommen müssten. Ein Verbrennerverbot sei Unsinn, Scheunemann kommt zur sogenannten Technologieoffenheit, ist Befürworter von Atomkraft, spricht von verkorkster Energiepolitik, sieht den Wirtschaftsstandort durch sie bedroht, ist Verfechter der Schuldenbremse. Er flutet das Gespräch mit Aussagen, die seine Meinung stützen. Themen, mit denen er bei den Bürgern ankomme. Sein Credo: die Leute wertschätzen, auf sie persönlich zugehen, glaubwürdig bleiben, nicht den Mund halten. Überhaupt: „Viele haben Angst, den Mund aufzumachen“, sagt er mit Blick auf seine Konkurrenten. „Man muss aber Mut haben, Themen anzugehen.“
Entsprechende Geschichten hat er natürlich parat, dass sie sich in den Wahlergebnissen nicht widerspiegeln, muss man aber auch erwähnen. Vielleicht klappt es ja dieses Mal. Aufhalten lässt er sich von einem weiteren Misserfolg sowieso nicht. „Ich habe nie aufgegeben, und das werde ich auch nicht.“
