Der Platzhirsch: Lars Klingbeil will Direktmandat verteidigen

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Im Dialog: Lars Klingbeil am Mittwochabend im Rotenburger Heimathaus. Johannes Düsfelder
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Seine erste „Titelverteidigung“ bei der Bundestagswahl 2021 war deutlich. Lars Klingbeil holt im Wahlkreis ein deutschlandweites Top-Ergebnis der SPD, verschafft als Generalsekretär Olaf Scholz tatsächlich den Platz im Kanzleramt. Wenig später wird Klingbeil zum Parteichef der Sozialdemokraten befördert. Am 23. Februar will er wieder gewinnen. Ein Selbstläufer zumindest im Wahlkreis?

Rotenburg – Lars Klingbeil tritt wieder an. Ist das eine Nachricht wert? Einstimmig nominieren die Sozialdemokraten den 46-Jährigen aus Munster zum Direktkandidaten für den Wahlkreis „Rotenburg I - Heidekreis“, die Landespartei setzt ihn mit 98,2 Prozent der Stimmen auf den ersten Platz der Landesliste Niedersachsen. Keine Überraschung, dennoch bemerkenswert. Aus dem aufstrebenden Nachwuchspolitiker aus dem Heidekreis ist das Schwergewicht der SPD geworden, der einstige Mitarbeiter aus dem Wahlkreisbüro von Gerhard Schröder wurde vor gut drei Jahren zum jüngsten Parteichef in der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie.

Deutschlandweites Top-Ergebnis 2021

Er ist der Platzhirsch und will das Direktmandat zum dritten Mal in Folge als Sieger mit den meisten Erststimmen holen. War es 2009 und 2013 nach einer ersten zehnmonatigen Nachrückerphase 2005 noch der Rotenburger Reinhard Grindel (CDU), dem sich junge SPD-Politiker aus Munster geschlagen geben musste, setzt sich Klingbeil 2017 gegen Grindels Nachfolgerin Kathrin Rösel mit fünf und 2021 gegen CDU-Herausforderer Carsten Büttinghaus mit mehr als 21 Prozentpunkten Vorsprung durch. Am 23. Februar dürfte von den sechs Gegenkandidaten die 30-jährige Vivian Tauschwitz (CDU) aus Bispingen die ärgste Konkurrentin sein. Der Landeslistenplatz 10, den sie nun erhalten hat, hätte ihr vor drei Jahren auch bei einer Niederlage im Wahlkreis gereicht, um in den Bundestag einzuziehen, sie kann als Newcomerin befreit antreten. Klingbeil weiß, auch wegen der politischen Stimmung insgesamt: „Jedes Mal muss man sich neu bewerben. Die Wähler entscheiden.“ Nur Tiefstapelei?

Für die Besucher gibt’s vom Team Klingbeil Flyer und politischen Glückskeks, vom Ortsverein SPD-Taschentücher. Krüger

„Wir sind bei 17 Prozent, das nervt mich“, sagt er im Juli 2021 bei einem Pressegespräch in Rotenburg. 74 Tage sind es da noch bis zur Bundestagswahl, an diesem Mittwochabend im kalten Rotenburg sind es noch 46. Der Ortsverband Rotenburg hat zum Grillen eingeladen, es nieselt leicht bei Temperaturen kurz vorm Gefrierpunkt. „Ich habe noch nie im Januar gegrillt“, sagt Klingbeil, aber eine Wurst passt noch nach dem Kuchentermin am Nachmittag in Bothel. Der Parteichef spricht mit den Leuten vor dem Heimathaus, rund 70 Interessierte verfolgen anschließend die Diskussionsrunde drinnen. Gut zwei Stunden Zeit für den thematischen Rundumschlag vom Ukraine-Krieg bis zum Feuerwehrhaus in Unterstedt. Klingbeil spricht über den Streit in der Ampelkoalition, der ihn „genervt“ habe, es sei politisch „zu wenig passiert“, insbesondere das „Schauspiel der FDP“ müsse man aber nun abhaken.

Gleiche Situation wie 2021?

Es geht nach vorn: „46 Tage Vollgas“, denn, auch heute: „16 oder 17 Prozent, das nervt mich.“ Wie es 2021 ausgegangenen ist für den Wahlkampfmanager und Generalsekretär Klingbeil, ist bekannt. Olaf Scholz wurde Kanzler, Klingbeil wurde im November zum neuen Parteichef neben Saskia Esken befördert. Dass der nächste Kanzler von der SPD gestellt wird, erschien 2021 ähnlich ausgeschlossen wie heute – vielleicht wird Klingbeil für Sätze wie „Ich kämpfe dafür, dass er Bundeskanzler bleibt“ und „Olaf Scholz ist der richtige“ sogar noch mehr belächelt als damals. Selbst in den Diskussionsrunden unter Gleichgesinnten, bei Bratwurst oder Butterkuchen, beim Haustürwahlkampf, immer wieder die Frage: Braucht es nicht jemand anderen als Aushängeschild, vielleicht sogar einen „harten Hund“ gegen Trump und all die anderen Lautsprecher?

Klingbeil ist jedenfalls keiner. „Ich bin kein Maulheld“, sagt er stattdessen. Tatsächlich fällt es schwer, und das ärgert Journalisten natürlich, ihn so richtig zu packen. Klingbeil kommt locker rüber, ist aber ganz und gar kein Parteilinker. Er redet geschliffen, bewegt sich fast überall geschmeidig, fällt aufgrund seiner Größe natürlich auf, poltert aber nie herein wie andere seines Formats. Er ist erwachsener geworden in seiner Rolle, trägt mittlerweile wieder öfter Lederschuhe statt weißer Sneaker. „Bodenständig“ könnte man schreiben, wenn es nicht so abgegriffen wäre. Leise Töne, Leute von sich überzeugen, das ist seine Art.

Passt auch im Winter: Bratwurst zum Wahlkampf. Krüger

Wobei nicht wenige, auch unter Parteifreunden, ziemlich überzeugt davon sind, dass die Zurückhaltung auch Kalkül ist: In diesem aktuell ziemlich aussichtslosen Wahlkampf der SPD als Spitzenkandidat aufzutreten, könnte einen tiefen Fall bedeuten. Boris Pistorius dürfte ähnlich denken. Läuft es besser als befürchtet, hat es der Parteichef gerichtet. Läuft es wie erwartet schlecht, braucht es neue Galionsfiguren. Doch was kommt nach dem SPD-Vorsitz? Vor einem Jahr sagt Klingbeil auf die ewige Frage des Lokalreporters, ob er mal Kanzler werden möchte: „Ich bin total dankbar, dass ich Parteivorsitzender sein darf. Wir haben einen Bundeskanzler. Alles andere wird sich irgendwann zeigen.“

Parteitag am Samstag

Es ist noch viel zu tun. Die CDU wirft im Wahlkampf gerne mit dem Vorwurf um sich, Klingbeil sei zu wenig im Wahlkreis unterwegs. Der wiederum wird nicht müde, bei seinen vielen Vor-Ort-Terminen Bilanzen vorzulegen, was er alles geschafft habe. Auch sei er jederzeit für jeden ansprechbar. Nur am Mittwochabend muss er dann doch irgendwann schnell los. Zug nach Berlin, dort stehen am nächsten Morgen um 8 Uhr Gespräche an. Am Samstag steigt der Bundesparteitag der SPD in Berlin. Es gilt, das offizielle Wahlprogramm beschließen zu lassen. „Das Rennen geht jetzt erst los“, formuliert Klingbeil die Kampfansage gegen alle aktuellen Umfragen. Und für den Wahltag, den 23. Februar, habe er ja auch noch einen Wunsch frei, es sei schließlich sein 47. Geburtstag: „Bitte beide Kreuze bei der SPD.“

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