„Alternativloser Markt“

China nimmt EU-Schweinefleisch ins Visier: Strafzölle könnten Niedersachsens Bauern treffen

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Der aktuelle Handelskonflikt zwischen der EU und China könnte nicht nur die Autoindustrie, sondern auch Niedersachsens Schweinezüchter treffen.

Hannover – Die China-Reise von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) im April hatte Hoffnungen geweckt. Neben dem Abkommen, dass aus Deutschland wieder Äpfel und Rindfleisch nach China exportiert werden, gab es Hinweise, dass auch der Export von deutschem Schweinefleisch, der nach dem Auftreten der Afrikanischen Schweinepest (ASP) im Jahr 2020 gestoppt wurde, wieder aufgenommen werden könnte.

Nun aber beunruhigt die Meldung, dass China eine Antidumping-Untersuchung gegen Schweinefleisch-Produkte aus der EU als Reaktion auf die Einführung vorläufiger Strafzölle auf chinesische Elektroautos, die am 4. Juli in Kraft getreten sind, einleitete. Die möglicherweise folgenden Strafzölle hätten auch Auswirkungen auf Landwirte und Fleischverarbeiter in Niedersachsen.

Wohl als Reaktion auf die von der EU angedrohten Strafzölle auf chinesische E-Autos hat China eine Anti-Dumpinguntersuchung gegen Schweinefleisch aus der EU angekündigt.

China kontert Strafzölle und nimmt Schweinefleisch aus der EU ins Visier

In Deutschland blickt die deutsche Wirtschaft mit Sorge auf die weitere Entwicklung, weil Vergeltungsmaßnahmen Chinas gefürchtet werden, die nicht nur deutsche Autohersteller, sondern auch die Landwirtschaft treffen könnten. Bei den von Antidumping-Untersuchungen aus Peking betroffenen Produkten handelt es sich um frisches, kaltes und gefrorenes Schweinefleisch, um Innereien vom Schwein und Schweinefett.

Die möglichen folgenden Strafzölle auf diese Produkte würden zwar besonders Spanien hart treffen, da China für das Land der zweitgrößte Absatzmarkt ist – hätten aber auch Konsequenzen für deutsche Landwirte, erklärte Steffen Reiter, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Fleischwirtschaft (VDF) am Mittwoch (10. Juli) gegenüber IPPEN.MEDIA: „Die Handelsbeschränkungen könnten zu Preisdruck auf dem europäischen und damit indirekt auch auf dem deutschen Fleischmarkt führen.“

Chinesen essen insbesondere Teile des Tieres, die hier kaum mehr nachgefragt werden. Auch im Sinne der Nachhaltigkeit, Stichwort: ‚from nose to tail‘, ist der asiatische Markt unverzichtbar.

Steffen Reiter, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Fleischwirtschaft (VDF)

EU-Handelsstreit mit China: Strafzölle könnten auch Niedersachsens Schweinezüchter treffen

Es werde bisher intensiv über die Wiederaufnahme der Exporte von deutschem Schweinefleisch gesprochen. Denn der Markt sei „alternativlos“ für die deutsche Fleischwirtschaft. Reiter: „Chinesen essen insbesondere Teile des Tieres, die hier kaum mehr nachgefragt werden.“ Und auch im Sinne der Nachhaltigkeit, Stichwort: ‚from nose to tail‘, sei der asiatische Markt unverzichtbar. Zu Hoch-Zeiten– vor dem Auftreten der Schweinepest – habe es eine Wertschöpfung von einer Milliarde Euro pro Jahr gegeben, „das ist Geld, was den Landwirten fehlt, um beispielsweise in Ställe zu investieren“.

Dumping und Antidumping-Zoll

Von Dumping spricht man, wenn gleichartige Waren auf dem Exportmarkt zu einem geringeren Preis angeboten werden als auf dem Heimatmarkt (Preisdumping). Dies gilt auch dann, wenn im Heimatmarkt die Waren unter ihren Vollkosten verkauft werden (Kostendumping), sofern die Vollkosten zuzüglich angemessenen Gewinnzuschlags höher sind als der Preis auf dem Exportmarkt.

Die Feststellung von Dumping allein ist allerdings noch keine hinreichende Begründung, um im Rahmen der Antidumping-Maßnahmen einen Antidumping-Zoll zu erheben. Es muss darüber hinaus positiv festgestellt werden, dass dieses Dumping eine materielle Schädigung („material injury“) der Hersteller im Importland kausal herbeigeführt hat. Laut Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) darf das Importland einen Schutzzoll auf das entsprechende Produkt erheben, um faire Wettbewerbsbedingungen wiederherzustellen. Dieser Antidumping-Zoll darf dabei nicht höher sein als das Dumping selbst.

Quelle: BDI

Antidumping-Untersuchungen: EU-Schweinefleisch drohen Strafzölle aus China

VDF-Chef Reiter: „Während die Vorlieben der deutschen und europäischen Konsumenten sich auf die edlen Teilstücke konzentrieren, gelten in asiatischen Ländern Teile wie Öhrchen, Pfötchen und Schwänzchen, die hier sonst im Hundefutter landen, als Delikatesse“.

Die Geschichte der Volksrepublik China von 1949 bis heute

Am 1. Oktober 1949 ruft Mao Zedong in Peking die Volksrepublik China aus.
Am 1. Oktober 1949 ruft Mao Zedong in Peking die Volksrepublik China aus. Zuvor hatten sich Maos Kommunisten im chinesischen Bürgerkrieg gegen die Nationalisten durchgesetzt, die nach Taiwan geflohen waren. © Xinhua/Imago
Mit dem „Großen Sprung nach Vorne“ (1958-1961) sollte die Produktion vorangetrieben werden.
Eines der Hauptziele der neuen Regierung war die wirtschaftliche Entwicklung des verarmten Chinas. Mit dem „Großen Sprung nach Vorne“ (1958-1961) sollte die Produktion vorangetrieben werden. Doch Fehler in der Planung und Naturkatastrophen sorgen für eine Hungersnot, der 15 bis 55 Millionen Menschen zum Opfer fielen. © agefotostock/Imago
1959 kam es in Tibet zu einem Aufstand gegen die Besatzer.
Bereits kurz nach der Machtübernahme besetzte die chinesische Volksbefreiungsarmee das bis dahin faktisch unabhängige Tibet. 1959 kam es zu einem Aufstand gegen die Besatzer, woraufhin der Dalai Lama das Land verlassen musste. Heute lebt er im indischen Exil. © United Archives International/Imago
Von 1966 bis 1976 erschütterte die Kulturrevolution China.
Von 1966 bis 1976 erschütterte die Kulturrevolution China. Mit der Kampagne wollte Mao mit den Mitteln des Klassenkampfes die chinesische Gesellschaft von „konterrevolutionären“ Elementen befreien; zudem zementierte er seine Macht an der Spitze des Staates. Der Kulturrevolution fielen Hunderttausende Menschen zum Opfer. © Photos12/Imago
1972 besuchte mit Richard Nixon erstmals ein US-Präsident die Volksrepublik.
Anfang der 70er-Jahre öffnete sich China aber auch nach Westen. 1972 besuchte mit Richard Nixon erstmals ein US-Präsident die Volksrepublik. Im selben Jahr nahm Deutschland diplomatische Beziehungen mit Peking auf. © agefotostock/Imagao
Nach einem parteiinternen Machtkampf setzte sich schließlich Deng Xiaoping als neuer Führer der Volksrepublik durch.
Mao starb 1976. Nach einem parteiinternen Machtkampf setzte sich schließlich Deng Xiaoping als neuer Führer der Volksrepublik durch. Deng leitete die Geschicke Chinas bis zu seinem Tod im Jahr 1997. © Zuma/Keystone/Imago
Deng Xiaoping trieb die Öffnung Chinas voran.
Deng Xiaoping trieb die Öffnung Chinas voran. Demokratische Reformen blieben aus, die Wirtschaft entwickelte sich allerdings rasant. Auch ausländische Unternehmen wie Volkswagen engagierten sich nun in China. © Sepp Spiegl/Imago
Im Frühjahr 1989 kam es in Peking zu Demonstrationen von Studenten, die Reformen und eine Demokratisierung Chinas forderten. In der Nacht auf den 4. Juni 1989 eskalierte die Lage, der Tiananmen-Platz im Herzen Pekings wurde geräumt, die Demokratiebewegung blutig niedergeschlagen. Hunderte Menschen starben.
Im Frühjahr 1989 kam es in Peking zu Demonstrationen von Studenten, die Reformen und eine Demokratisierung Chinas forderten. In der Nacht auf den 4. Juni 1989 eskalierte die Lage, der Tiananmen-Platz im Herzen Pekings wurde geräumt, die Demokratiebewegung blutig niedergeschlagen. Hunderte Menschen starben. © Jeff Widener/dpa
Am 1. Juli 1997 wurde Hongkong, die ehemalige britische Kronkolonie, an China zurückgegeben.
Am 1. Juli 1997 wurde Hongkong, die ehemalige britische Kronkolonie, an China zurückgegeben. Gouverneur Chris Patten erhielt die eingeholte britische Nationalflagge, die chinesische Flagge wurde gehisst.  © UPI Photo/Imago
Heute ist Shanghai das wirtschaftliche Zentrum des Landes, dort befindet sich auch der größte Hafen der Welt.
Chinas Wirtschaft entwickelte sich in den 90er-Jahren, vor allem aber ab dem Beitritt der Volksrepublik zur Welthandelsorganisation 2001, rasant. Heute ist Shanghai das wirtschaftliche Zentrum des Landes, dort befindet sich auch der größte Hafen der Welt. © Ivan Tykhyi/Imago
Unter Xi Jinping, seit 2012 Parteichef und seit 2013 Staatspräsident, wird China immer autoritärer regiert.
Trotz des wirtschaftlichen Erfolgs: Der Handel mit dem Westen brachte China keinen demokratischen Wandel - im Gegenteil. Unter Xi Jinping, seit 2012 Parteichef und seit 2013 Staatspräsident, wird China immer autoritärer regiert. Es entstand ein neuer Personenkult, der an die Mao-Ära erinnert. © UPI Photo/Imago
In der Provinz Xinjiang gingen die Behörden gegen die muslimischen Uiguren vor. Hunderttausende Menschen sollen dort in Umerziehungslagern eingesperrt sein.
China wurde immer mehr zum Polizei- und Überwachungsstaat. In Hongkong wurde die Demokratiebewegung brutal niedergeschlagen, in der Provinz Xinjiang gingen die Behörden gegen die muslimischen Uiguren vor. Hunderttausende Menschen sollen dort in Umerziehungslagern eingesperrt sein. © UPI Photo/Imago

Trotz Drohungen aus China: Landwirtschaftsministerium setzt Export-Gespräche mit Peking fort

Als positives Signal jedoch werte man die Erklärung des Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL), das im Juni gegenüber dem Pressedienst Agra Europe erklärte, die Gespräche zum Export von deutschem Schweinefleisch nach China ungeachtet des angekündigten Anti-Dumping-Verfahrens fortzuführen. „Ein Anti-Dumping-Verfahren steht einer Wiederöffnung des chinesischen Marktes nicht grundsätzlich entgegen“, wird dort das Berliner Agrarressort zitiert. 

In Niedersachsen gibt es nach Angaben der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands 3850 schweinehaltende Betriebe mit insgesamt 6,93 Millionen Schweinen (Stichtag: 3. Mai 2024). Die mögliche Einführung von Strafzöllen könnte somit eine erhebliche Bedrohung für die regionale Landwirtschaft darstellen.

Rubriklistenbild: © Christian Charisius/dpa

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