Die Juniorwahl bereitet Schüler in Rotenburg auf den Urnengang vor. Wie bei der Bundestagswahl erhalten sie eine Benachrichtigung und können einen Stimmzettel ankreuzen. Das haben Schüler am Ratsgymnasium und den BBS gewählt.
Rotenburg – Nur noch wenige Tage bis zur Bundestagswahl. Für Jugendliche, die noch nicht volljährig sind oder nochmal üben wollen, gibt es die Möglichkeit an der bundesweiten Juniorwahl teilzunehmen. Beim ähnlichen Konzept, der U18-Testwahl, ist das Ergebnis bereits bekannt: die Linke und SPD liegen vorne. Das Ergebnis der Juniorwahl gibt es allerdings erst am Wahlsonntag. In Rotenburg sind unter anderen das Ratsgymnasium und die Berufsbildenden Schulen (BBS) dabei.
Wahllokal in der Bibliothek des Gymnasiums
„Die Jahrgänge neun bis elf haben bei uns die Möglichkeit, an der Juniorwahl teilzunehmen und somit einen ersten Einblick in den Ablauf einer Wahl zu gewinnen“, sagt Antje Gortmann, Politiklehrerin am Ratsgymnasium. Schon seit einigen Jahren gibt es die Aktion. „Wir simulieren hier eine echte Wahl. So wie Sie am Sonntag auch wählen gehen würden“, fügt Gortmann hinzu. Hierfür bekommen die Schülerinnen und Schüler eine Wahlbenachrichtigung, mit der sie dann in das schulische Wahllokal, der Bibliothek, gehen und dort ihre Stimme abgeben können.
„Wie bei der richtigen Wahl sollte dann auch der Personalausweis vorgezeigt werden, die Wahlbenachrichtigung ist jedoch in diesem Fall ausreichend.“ Nachdem die Wählerinnen und Wähler ihren Stimmzettel ausgehändigt bekommen haben, ziehen sie sich mit diesem in eine der Wahlkabinen zurück und geben ihre Stimme ab.
Zeitdruck durch vorgezogene Bundestagswahl 2025
Auch an den BBS findet die Juniorwahl schon seit vielen Jahren statt, berichtet Berufsschullehrer Markus Reupke. „Die Juniorwahl zeigt, dass Wählen zur Demokratie dazugehört“, so der Lehrer. Alle Interessierten dürfen teilnehmen – fast. Die Politiklehrer gehen gemeinsam mit den Klassen zum Wählen, durch die vorgezogene Bundestagswahl, sei das für manche Stufen zeitlich zu knapp. Zum Beispiel für manche Abiturklassen. Das ist schade, findet Reupke, denn die Juniorwahl sei für Erstwähler und alle, die sich sonst vorbereiten wollen, gedacht. Zur richtigen Vorbereitung brauche es nämlich gut drei Doppelstunden Zeit.
„Im Unterricht sprechen wir mit den Schülerinnen und Schülern dann über das Wählen allgemein, über die Aufgaben des Bundestags und über die verschiedenen Parteiprogramme“, sagt er. Über einen Zeitraum von knapp zwei Wochen können Klassen gesammelt zum Raum 102, ein Besprechungsraum, der jetzt zum Wahllokal mit Wahlkabinen und Empfangstisch umfunktioniert wurde.
Jeweils zwei Jugendliche aus der Klasse sind Wahlhelfer. Sie führen das Wahlverzeichnis, verteilen die Benachrichtigung und achten darauf, dass alles korrekt abläuft. Wie bei der richtigen Wahl eben. Sogar die Wahlbeteiligung wird ermittelt. Rund 650 Jugendliche machen dieses Jahr mit, deutlich mehr als bei der Europawahl im vergangenen Jahr.
Schüler basteln Plakate zu Parteien
Dieses Jahr war die Nachfrage am Ratsgymnasium ebenfalls hoch, ein Politikkurs des 12. Jahrgangs fragte zum Beispiel an, teilnehmen zu dürfen. Dieser Kurs bereitete zudem Plakate für die Stellwände in der Pausenhalle vor, um andere Schülerinnen und Schüler über die verschiedenen Parteien zu informieren. Sie bereiteten Plakate zu den Parteien FDP, Grünen, SPD, CDU, Linke, AfD und Volt vor. Hierbei sei es ihnen wichtig gewesen, die Plakate so zu gestalten, dass sie für jeden zugänglich und verständlich sind.
Außerdem sollte nicht nur das Vorhaben der Partei zum Ausdruck kommt, sondern dies zudem kritisch hinterfragt wird, berichtet der Kurs. Es lasse sich zudem erkennen, dass nicht nur die wahlberechtigten Schülerinnen und Schüler sich über die Wahlplakate politisch informieren. Immer wieder könnte man sehen, dass auch jüngere Jahrgänge vor ihnen stehen und aufmerksam lesen, so Gortmann.
Zerstörte Plakate und Social-Media-Macht
Andere machen ihre Meinung auf eine andere Art publik. „Das Plakat der AfD wurde kurz nach dem Aufhängen bereits beschädigt. Zunächst wurde das Bild von Alice Weidel zerstochen, später wurde ein Hitlerbart hinzugefügt. Jetzt hängt das Bild gar nicht mehr.“ Auch der CDU-Kandidatin Vivian Tauschwitz wurden Reißzwecken in die Augen gesteckt.
Mehrfach wurde hier, als Wahlentscheidung, jedoch auch die AfD genannt. Vorwiegend wegen der aktuellen Migrationsdebatte. Die Schüler unterscheiden dabei aber auch, gegen Migration selbst hätten sie keine Einwände. Ihnen ginge es viel mehr um kriminelle Asylbewerber. Auch die Idee der AfD, das Bürgergeld wieder abzuschaffen, erachten sie für notwendig. Einig sind sie sich, dass der geplante Austritt aus der EU nicht sinnvoll ist.
Wir wollen die komplette Bandbreite aufzeigen, merken aber, dass oft bestimmte Parteien bei unseren Schülern überzeugen, die auf Social Media besonders präsent sind.
Informieren würden sie sich primär in den sozialen Netzwerken und danach dann ihre Meinung richten. Das sei gefährlich, warnt BBS-Lehrer Reupke: „Wir wollen die komplette Bandbreite aufzeigen, merken aber, dass oft bestimmte Parteien bei unseren Schülern überzeugen, die auf Social Media besonders präsent sind.“ Das sind speziell die AfD und aktuell auch die Linke. Aussagen auf Social Media versuche er mit seinen Schülerinnen und Schülern einzuordnen und kritisch zu hinterfragen.
AfD und die Linke sind bei Jugendlichen beliebt
An den BBS will eine Gruppe Jugendlicher nicht verraten, was sie gewählt hat. Der 16-jährige Jonas findet es gut, über die Wahl zu lernen. Er betont jedoch, dass für ihn die Wahlentscheidung ganz klar gewesen sei. Er informiert sich im Internet, liest aber auch die Parteiprogramme und Zeitung. In seiner kleinen Klasse seien sie sich, die politische Richtung betreffend, relativ einig. Sein Klassenkamerad Tim fügt an: „Wir sind für Atomenergie, durch die Energiekrise können sich Unternehmen ihre Produktion nicht mehr leisten.“ Dass es im Landkreis viele Windkraftanlagen gibt, die produktiv genutzt werden, überzeugt ihn nicht.
Im Politikkurs des 12. Jahrgangs sieht dies am Ratsgymnasium ganz anders aus. „Ich wähle Lars Klingbeil und die Grünen. Hier werden die Werte vertreten, die mir wichtig sind“, so Fiete, ein Schüler des Politikkurses. Max, ebenfalls aus dem Politikkurs, stimmt seinem Mitschüler zu. „Durch das Vorverlegen der Wahl, bin ich dieses Jahr leider nicht wahlberechtigt. Würde mich der Entscheidung von Fiete jedoch anschließen. Somit wurde mir ein Stück das Recht auf Mitbestimmung genommen, das lässt sich jetzt aber auch nicht mehr verhindern.“
BBS-Wahlhelfer Dimo betont: „Ich wähle die Linke. Für mich ist das eine bessere Alternative, als die Alternative für Deutschland.“ Allgemein freuen sich die Schülerinnen und Schüler des Ratsgymnasiums über die Möglichkeit der Wahl. Am Donnerstag sollen dann an beiden Schulen alle Stimmen ausgezählt werden und die Ergebnisse werden am Sonntag auf der Seite der Juniorwahl veröffentlicht. „Diese Möglichkeit fördert in meinen Augen die Meinungs- und Willensbildung. Noch haben wir eine Demokratie“, so Schüler Max.
von Anna-Clara Löber, Lea Borner und Lennart Blömer



