Spaß, Politik, neueste Technik auf Tarmstedter Ausstellung

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Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) ist ein gefragter Gesprächspartner. Als Festredner geht er inhaltlich wenig in die Tiefe, zeigt sich dafür kämpferisch.
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Treffpunkt für Landwirtschaftsbranche, Spaß und spannende Technik für alle: Seit Freitagmorgen strömen viele Besucher die Tarmstedter Ausstellung, die bis Montag läuft. Draußen geht es darum, große Trecker zu bestaunen, darunter auch autonom fahrende, an Glücksrädern zu drehen und Riesenrad zu fahren. In den Zelten geht es, wie Tarmstedts Bürgermeisterin Hella Rosenbrock sagt, außer um Innovationen auch um „interessante Gespräche und gute Geschäfte“ der Landwirtschaftsbranche.

Tarmstedt – Die Tarmstedterin Birgit ist seit fast 20 Jahren jedes Mal auf der Tarmstedter Ausstellung, diesmal ist sie mit Nichte Julina unterwegs. Die beiden kommen gerade von der Pferdeschau, die Isländer und ein kleines Fohlen haben es dem jungen Mädchen besonders angetan. Das ist schon die Kür ihres Besuchs gewesen, nun folgt „das Pflichtprogramm“: Riesenrad und Eisstand.

Zum Pflichtprogramm bei der Eröffnungsfeier im weißen Festzelt gehört Erbsensuppe für alle, das ist Landrat Marco Prietz (CDU) bewusst: „Zwischen Ihnen und der Suppe steht meine Rede.“ Prietz lässt es sich dennoch nicht nehmen, Kritik am Bürgergeld zu üben. Das passe in seiner derzeitigen Form nicht in die Zeit. Es müsse gewährleistet sein, dass die, die morgens aufstehen mehr haben, als die, die liegenbleiben.

Vor allem will er aber angesichts der Aufgaben, die in Sachen Windkraftausbau auf seinen Landkreis zukämen, einige politische Forderungen an Land und Bund loswerden: Außer dem Ausbau von Energienetzen und Energiespeicherkapazitäten erwarte er auch wirtschaftliche Vorteile für seinen Landkreis.

Landrat Prietz fordert wirtschaftliche Vorteile aus Windenergie-Einnahmen für Gemeinden

Einnahmen aus der Windenergie, etwa durch die sogenannte Akzeptanzabgabe, müssten die Kommunen frei im Sinne ihrer Bürger ausgeben dürfen, da müsse die Landesregierung nacharbeiten. Die ist vertreten durch den „lieben Olaf“, wie Prietz ihn anspricht. Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) – Prietz’ Vorredner – hat sich zuvor allerdings wenig Konkretes entlocken lassen.

Er hält eine freie, im Ton kämpferische Rede, laut und schnell, die offenbar Verständnis und Stolz für den ländlichen Raum demonstrieren soll. Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte (Grüne) hat ein Jahr zuvor an selber Stelle beides vermissen lassen, so einige der damals Anwesenden. Lies lobt den Beitrag Niedersachsens für die Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln und mit erneuerbaren Energien.

Lies demonstriert Stolz und Verständnis für ländlichen Raum

Er wisse, dass Deutschland und die Welt von „unglaublich vielen Veränderungen“ geprägt seien, die viele umtreiben. Falls der Weg, auf dem man diesen begegnet, zahlreichen Menschen noch unklar sei, sei das nicht gut. Der Minister sucht den Schulterschluss mit der Opposition, ruft den reichlich im Zelt vertretenen CDU-Politikern zu: „Lassen Sie uns Demokraten zusammenstehen.“

Den meisten Applaus für sein prodemokratisches Plädoyer erhält Lars Ruschmeyer von der Landjugend. Holger Hennies vom Landvolk meint: „Landleben ist entspannter und, neudeutsch gesagt, resilienter gegen Krisen“, Ruschmeyer fordert für den ländlichen Raum nicht gleiche, aber gleichwertige Lebensverhältnisse wie in Städten. Und: An die finanzielle Förderung von Kinder- und Jugendverbänden dürfte auf keinen Fall der Rotstift der Politik angesetzt werden. Zum Thema Gleichstellung sagt der Landjugend-Vertreter: Die Vorstände der Landjugend seien seit eh und je paritätisch besetzt.

Rechtsruck sei für Gleichstellung „eine Rolle rückwärts“

Anders sieht es freilich in anderen landwirtschaftlichen Verbänden aus, Elisabeth Brunkhorst vom Niedersächsischen Landfrauenverband ruft daher Frauen dazu auf, sich dort zu engagieren und Männer, die Frauen dafür zu motivieren. „Job, Care-Arbeit und ein Ehrenamt zu vereinbaren, ist für viele heute aber fast nicht möglich“, auch da brauche es staatliche Unterstützung. Und Brunkhorst ergänzt: Der Rechtsruck in Politik und Gesellschaft sei schlecht für Frauen, „das ist bezogen auf Gleichstellung eine Rolle rückwärts.“

Die Ausstellungs-Geschäftsführer Hermann Cordes und Oliver Moje wiederum holen das Thema Windenergie von der politischen Bühne auf ihr Ausstellungsgelände und in den Ort. Sie erinnern, dass Tarmstedt nach den aktuellen Ausbauplänen mit mehr als 100 Windanlagen zur Speerspitze der Windkraftgewinnung gehöre und dass unter den 750 Ausstellungen auch einige Firmen aus der Branche vertreten seien.

KI kann den Menschen Zeit sparen, wirft aber auch Fragen auf

Das Junge Blasorchester Wilstedt spielt mit der Blaskapelle Hemslingen auf.

Das diesjährige Top-Thema unter den Ausstellern scheint aber das Schlagwort KI zu sein, auch wenn Jan Heusmann von der Milchwirtschaft Niedersachsen einwendet: „Wir nutzen Künstliche Intelligenz schon länger, ohne es so zu nennen.“ Die Anzahl der Milchkühe und der Betriebe sinke, die Milchproduktion bleibe gleich. Das sei auch modernen Melkrobotern zu verdanken. Nun gehe es etwa um eine Plattform, die die Daten auswerte, die der Roboter sammle. Silke Weyberg vom Landesverband Erneuerbare Energien Niedersachsen/Bremen meint, bei der Datengewinnung sei noch menschliche Intelligenz gefragt.

Und Carsten Gerdes vom Maschinenring hakt ein: „Die Herausforderung ist, zu klären, wem Daten gehören, die ich erhebe. Bleiben die bei mir?“ Gerdes fragt sich außerdem, ob erhobene Daten unabhängig oder aber interessengeleitet genutzt werden, um KI zu bespielen. Ansonsten kann er der Technologie einiges abgewinnen: „Das Programm trifft anhand gesammelter Daten Entscheidungen, etwa bei der Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln“, die angesichts des öffentlichen Drucks reduziert werden müssten.

KI unterstützt die Entscheidungen, die Verantwortung bleibt beim Menschen.

Henning Müller

Der Osnabrücker KI-Experte Dr. Henning Müller will es etwas anders ausdrücken: „KI unterstützt die Entscheidungen, die Verantwortung bleibt beim Menschen, gerade wenn es um den Umgang mit Tieren geht.“ Technik sei im Wandel, KI aber noch nicht überall angekommen. Vorhandene Maschinen hätten zum Teil eine jahrzehntelange Laufzeit, das sei ja auch gut so. Bei neuen Produkten sei es allerdings nicht mit dem Kauf getan, diese könnten oder müssten künftig ständig upgedatet werden. Gerhard Schwetje von der Landwirtschaftskammer ergänzt: „Dass wir Digitalisierung an jeder Milchkanne brauchen, ist überall angekommen, aber noch nicht umgesetzt.“

Draußen auf der Ausstellung ist am Freitagvormittag schon viel los, oder wie es die Geschäftsführer Cordes und Moje ausdrücken: In Tarmstedt gehe es noch bis Montag um Politik, neue Technik und Spaß. Dafür packe das ganze Dorf seit Jahrzehnten an, sagte Tarmstedts Bürgermeisterin Hella Rosenbrock mit Blick auf die in diesem Jahr bereits 74. Auflage.

Traditionsveranstaltung

Die 74. Tarmstedter Ausstellung läuft noch bis Montag, 15. Juli. Sie hat ihre Tore jeweils von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Mehr als 750 Aussteller präsentieren ihre Neuheiten und ihr Produktprogramm. Auf rund 18 Hektar dreht sich alles um Landwirtschaft, Landtechnik, Erneuerbare Energien und Pferde- & Rindviehzucht. Ergänzende Angebote für Haus, Garten, Genuss und Freizeit sowie ein Rahmenprogramm mit Fachvorträgen und Showeinlagen auf dem Tierzuchtgelände machen die Ausstellung zu einem Ereignis für die ganze Familie, so die Veranstalter. Weitere Informationen zu Anfahrt und Parken, Eintrittspreisen und Programm gibt es im Internet auf www.tarmstedter-ausstellung.de. Die Jubiläumsveranstaltung im kommenden Jahr läuft vom 11. bis 14. Juli 2025. hei

Der Eisstand gehört für viele der mehr als 100 000 Besucher zum Pflichtprogramm.

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