Klartext beim Talk am Tresen

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Peggy Schierenbeck und Axel Knoerig stellen sich den Fragen von Björn Knips

Ausgebucht: Im urigen Saal beim Hüttenwirt in Scholen saßen am Dienstagabend an sämtlichen Tischen erwartungsvolle Gäste. Beim Talk am Tresen der Mediengruppe Kreiszeitung stellten sich die Bundestagsabgeordneten Axel Knoerig (CDU) und Peggy Schierenbeck (SPD) in einem spannenden Duell den Fragen von Chefredakteur Björn Knips. Mal launig, mal provokant – mehr als zwei Stunden lang erlebten die rund 150 Gäste live einen lebhaften Polittalk. Auf Bierdeckeln konnten sie ihre Fragen notieren und am Ende in großer Runde stellen. Anders als bei Podiumsdiskussionen mit bis zu sieben Kandidaten und oft unvermeidlicher Gießkannenstruktur ging es im Talk am Tresen bis zu den politischen Wurzeln und um die Menschen hinter dem Mandat.

„Schaum vor dem Mund signalisiert nicht zwangsläufig Gefahr“, steht beim Hüttenwirt in großen Buchstaben auf einer Wand hinter dem Tresen. So weit kommt es in diesem klar strukturierten Polittalk selbstredend nicht, aber die Bundestagsabgeordneten sollen den Mund durchaus voll nehmen – damit Wähler ihre politischen Überzeugungen und ihre Person fundiert einschätzen können. Den ersten Hinweis gibt ihre persönliche Eingangs-Musiksequenz zum Auftakt. Axel Knoerig hat sich für das rockige „Eye of the Tiger“ entschieden – und verrät, was er im Wahlkampf im Auge hat: „35 Prozent plus.“ Peggy Schierenbeck dagegen – ganz in Rot und mit einem BVB-Schal – hat sich die Ballade „You‘ll never walk alone“ ausgesucht, du gehst nie allein, Solidarität nach Noten sozusagen. Sie nennt keine konkrete Prognose zum Wahlergebnis, verrät nur: „Ich hoffe, dass wir vom jetzigen Stand wegkommen.“

Schlag auf Schlag stellt Björn Knips seine Fragen: Die Wehrpflicht wieder einführen? Axel Knoerig steht hinter einem einjährigen „Dienst für Deutschland“ von Männern und Frauen, auch in Pflegeeinrichtungen oder im Handwerk. Ein Jahr für Deutschland – das hält auch Peggy Schierenbeck für einen enorm wichtigen Beitrag für die Gesellschaft. Atomkraft weiterhin ablehnen? Auf diese Frage kommt von der SPD-Politikerin ein klares „Ja!“, während der CDU-Politiker mit einem leicht bedauernden „Das holen wir nicht zurück“ antwortet. Zum breiten Frage-Spektrum gehört auch die Entwicklung des Mindestlohns. „Es ist nicht Sache der Politik, Löhne festzulegen“, betont Axel Knoerig und verweist auf die Mindestlohnkommission. Peggy Schierenbeck votiert dagegen klar für einen Mindestlohn von 15 Euro.

„Sollte man die AfD verbieten?“

Das Beben im Bundestag in der vergangenen Woche hallt an diesem Abend nach. Sollte man die AfD verbieten? Diese Frage kommt von Schülern des Hildegard-von-Bingen-Gymnasiums in Twistringen, wie Björn Knips erklärt. Dass die AfD im Wahlkampf von einer Verbotsdebatte profitiert hätte, wie die Abgeordneten befürchten, lässt der Moderator nicht gelten – und fordert („Irgendwas ist ja immer“) eine klare Entscheidung. Dafür gibt es Beifall aus dem Publikum, bevor der Chefredakteur die Brandmauer hinterfragt. Axel Knoerig distanziert sich kompromisslos von der AfD, steht aber zum politischen Kurs der Union: „Wir wollen, dass die Migrationspolitik ganz anders aufgestellt wird!“ Dagegen zeigt sich Peggy Schierenbeck noch immer tief betroffen von der Abstimmung über den CDU-Antrag im Bundestag, der nur mit den Stimmen der AfD eine Mehrheit bekam: „Was für ein Tabubruch das war! Bislang dachte ich immer, wir sind gemeinsam Demokraten“, blickt sie in Richtung CDU, „aber da habe ich mich getäuscht.“

Während Axel Knoerig von einem „mutigen“ Schritt von Friedrich Merz und seinem persönlichen Gefühl spricht, „dass es der SPD nicht um die Sache geht, sondern nur um den Wahlkampf“, widerspricht Peggy Schierenbeck heftig: „Da kann ich nicht zustimmen, Merz wollte mit dem Kopf durch die Wand.“ Das Publikum geht mit, immer wieder brandet Beifall auf – mal für die SPD-Kandidatin, mal für den CDU-Kandidaten. Im Schlagabtausch zur Begrenzung der Zuwanderung wiederholen sich Argumente, die Peggy Schierenbeck und Axel Knoerig schon nach der Abstimmung genannt hatten (wir berichteten).

Krasse Gegensätze offenbart die Frage nach dem Familienzuzug von Migranten. „Familie heißt Mann, Frau und Kind, nicht aber Onkel, Tante und Großeltern“, betont Axel Knoerig, während Peggy Schierenbeck auf den großen Bedarf an Fachkräften und den notwendigen Zuzug aus dem Ausland verweist. Wenn die Menschen ihre Familien nicht nachholen dürften, „dann funktioniert das nicht!“ Eine ganz andere Zukunftssorge spiegelt die Frage von Schülern des beruflichen Gymnasiums am BBZ Diepholz: „Wie wollen Sie die Rente für unsere und nachfolgende Generationen finanzieren?“ Dazu präsentieren beide Abgeordnete unterschiedliche Ideen, bevor ihnen Björn Knips ganz bewusst Rätsel aufgibt – dazu einen Tischtennisschläger mit roter und schwarzer Seite in die Hand: Welches Zitat stammt von welchem Politiker? Ist rot oder schwarz die richtige Antwort?

Wie steht es um die Reaktivierung der Kasernen im Landkreis?

Dieses spontane Spielchen sorgt für Vergnügen im Saal, die nächste Frage dagegen für Betroffenheit: Wie steht es um die Reaktivierung der ehemaligen Kasernen im Landkreis? Das können die Abgeordneten nicht klar beantworten. Was bleibt, ist angesichts der Weltlage die Erkenntnis: „Traurig, dass wir das wieder machen müssen.“ Am Ende des inhaltsreichen Dialogs spiegeln Fragen aus dem Publikum den Wunsch nach einer stabilen Demokratie mit konstruktiv-respektvoller Zusammenarbeit ohne Populismus wider. Chefredakteur Björn Knips hat sorgfältig auf Fairness geachtet und bleibt dem bis zum Ende treu: Einem bekennenden SPD-Wähler, der ein Wahl-Faltblatt von Axel Knoerig verunglimpft, entzieht er das Wort.

Ausgebucht: Die Zuhörer verfolgen interessiert den Talk beim Hüttenwirt in Scholen.
Rot oder Schwarz? Mit den beiden farbigen Seiten eines Tischtennisschlägers sollten die beiden Kandidaten Aussagen einem politischen Lager zuordnen.

Rubriklistenbild: © Ehlers, Jantje

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