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Vor 50 Jahren fegte Orkantief Quimburga über Niedersachsen. Der Sturm hat viel verändert. Orkane können mittlerweile gar häufiger auftreten.
Hannover – In den USA gibt es eine Hurrikansaison. Von Juni bis Ende November fegen besonders viele (Wirbel-)Stürme über die Ostküste, wie zuletzt Hurrikane Nicole. Die Bilder von verwüsteten Häusern sind längst kein Alleinstellungsmerkmal der Amerikaner mehr. In Mitteleuropa häufen sich Extremwetter. Offiziell ist Extremwetter aber kein meteorologischer Begriff. Gemeint sind damit sintflutartiger Regenfall, Dürre oder orkanartige Windböen – die statistisch gesehen selten in Größe und Dauer wiederkehren, so der Deutsche Wetterdienst (DWD).
Klimawandel vermutlich für mehr Extremwetter und Stürme verantwortlich
Der DWD geht davon aus, dass es aufgrund des Klimawandels zu mehr Extremwetter kommen könnte. Er schreibt dazu: „Zwar ist es schwierig, einen Zusammenhang zwischen einem einzelnen, per Definition extremen Ereignis und dem Klima herzustellen. Aber die beobachtete Häufung solcher Ereignisse kann inzwischen als Indiz dafür gewertet werden, dass die Annahme vieler Klimaforscher stimmt.“ Bis jetzt konnte noch nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden, dass die Erderhitzung sich auf die Stärke von Wind auswirkt, so die Aussage von Klimaforscherin Friederike Otto.
Auch ohne Extremwetter und Klimawandel gab es bereits Stürme. Dann war die Rede von einem Jahrhundertsturm, der eben nur alle 100 Jahre vorkommt. Die Mutter aller Stürme in Niedersachsen und Europa fegte vor 50 Jahren übers Land: Orkantief Quimburga. Allein in Niedersachsen starben 21 Menschen durch den Sturm am 13. November 1972, wie die Niedersächsischen Landesforsten mitteilten. Auf das Leid folgten zahlreiche neue Ansätze, von denen viele noch heute bei der modernen Forstwirtschaft eine Rolle spielen.
Orkantief Quimburga wütete vor 50 Jahren in Niedersachsen
Damals wurde vor allem das niedersächsische Flachland bei Oldenburg und der Lüneburger Heide in Mitleidenschaft gezogen. Einem Verdener Ehepaar verschlug es wegen Sturm Quimburga die Sprache. Es entstanden Bilder wie nach einem Bombenangriff. 50 Jahre nach dem Ereignis spricht die ältere Generation immer noch von dem Sturm. Im Landkreis Verden gab es mindestens ein Todesopfer.
Im Harz oder Solling stürzten zahlreiche Bäume um. Quimburga – von der Bevölkerung als Jahrhundertsturm bezeichnet – entwurzelte laut den Landesforsten auf etwa 100.000 Hektar Bäume. Das entsprach circa zehn Prozent der niedersächsischen Waldfläche. „Das waren teilweise Mondlandschaften. In Braunlage gab es zudem drei Tage lang keinen Strom“, sagte der Sprecher der Landesforsten für Südniedersachsen, Michael Rudolph. Bis zu zwei Jahre hätten die Aufräumarbeiten gedauert. Laut dem Landwirtschaftsministerium wurden Windgeschwindigkeiten von bis zu 170 Kilometern pro Stunde erreicht, ehe die Messgeräte abbrachen.
Durch Unterstützung aus Schweden und Österreich seien zwar auch Vorläufer der modernen automatisierten Harvester-Erntemaschinen zum Einsatz gekommen. Aber: „Vieles musste noch per Hand und mit Pferden geräumt werden.“ 22 Menschen seien bei den Aufräumarbeiten umgekommen. Oft wegen schlechter Ausrüstung oder Unerfahrenheit.
Sturm Quimburga als Initialzündung in Niedersachsen: Bessere Arbeitssicherheit, Entwicklung von Frühwarnsystemen
Auch deshalb habe sich innerhalb der vergangenen 50 Jahre viel beim Thema Arbeitssicherheit getan. „Bis dahin kaum eingesetzte Sicherheitskleidung wurde zur Pflicht“, sagte der Vizepräsident der Niedersächsischen Landesforsten, Klaus Jänich. Zudem wurden Frühwarnsysteme entwickelt. Auch in der Ausbildung werde nun stärker auf Sicherheit im Wald eingegangen. „Da geht es darum, wie ich mich vor, während und nach einem Sturm verhalte“, sagte Rudolph. „Heute hätte so ein Sturm vermutlich nicht mehr die gleichen Auswirkungen.“
Aufgrund der Menge des umgeworfenen Holzes kam es 1972 zu einer der ersten Anwendungen des Forstschäden-Ausgleichsgesetzes. Damit regelte die Bundesregierung, dass im vom Sturm nicht betroffenen Süddeutschland weniger bis gar kein Holz geerntet werden durfte, um den Markt nicht zu übersättigen, erklärte Rudolph. Auch heutzutage werde nach jedem Sturm geprüft, ob das Gesetz wieder angewendet wird.
Ökologische Waldentwicklung in Niedersachsen durchs Landesprogramm Löwe+
Dennoch dauerte es Jahre bis das gesamte Sturmholz abtransportiert war. In Niedersachsen wurden deshalb erstmals sogenannte Nasslager errichtet. Dort wird Holz regelmäßig beregnet, um es länger haltbar zu machen. In Folge des Sturmes Friederike im Jahr 2018 und des Borkenkäferbefalls liegt auch derzeit wieder gefälltes Holz in Nasslagern.
Heute hätte so ein Sturm vermutlich nicht mehr die gleichen Auswirkungen.
Auch das letztlich 1991 begonnene niedersächsische Landesprogramm zur langfristigen ökologischen Waldentwicklung (Löwe+) habe seine Ursprünge in Quimburga – auch wenn die Brände in der Lüneburger Heide, Feuer im Harz oder das Waldsterben in den 1970er- und 1980er-Jahren ebenfalls eine Rolle spielten. Löwe+, die Abkürzung für „Langfristige Ökologische Waldentwicklung“, sieht unter anderem den Umbau der niedersächsischen Wälder in Mischwälder vor. Ziel ist laut Landesforsten, den Lebensraum Wald zu erhalten und auch künftig den Rohstoff Holz zu produzieren.
Nach Sturm Quimburga: Mischwälder mit mehr Laubbäumen
An vielen Orten wurden nach 1972 bereits die oft von Nadelbäumen dominierten Forsten durch Mischwälder mit mehr Laubbäumen wie tiefwurzelnden Eichen ersetzt. Zudem wurde bei der Wiederbepflanzung vielerorts darauf geachtet, Wälder stufig anzulegen. Also: Höhere Bäume weiter im Waldinneren zu pflanzen, um den Wind wie mit einer Rampe nach oben abzulenken. Ein Problem bei der Umsetzung dieser Lehren ist die zunehmende Häufigkeit starker Stürme. „Waldentwicklung ist ein langsamer Prozess. Früher dachte man, so ein Sturm kommt nur alle hundert Jahre“, sagte Landesforsten-Sprecher Michael Rudolph.
Gerade in Bergbauregionen wie dem Harz wurde bei der Wiederaufforstung allerdings weiter auf Fichten und andere Nadelbäume gesetzt. Denn: Für die Arbeit in den Gruben wurde viel Holz benötigt und Fichten wachsen schnell. „Außerdem hat man nicht so viel Vertrauen in Laubbäume gehabt, unter anderem wegen der damals noch kälteren Winter“, erklärte Rudolph.
Eine Entscheidung, die rückblickend falsch erscheint. Schließlich ist es gerade die monotone Baumbepflanzung, die es dem Borkenkäfer im Harz leicht macht, ganze Bergwälder abzutöten. Fünfzig Jahre nach Quimburga wird im Harz deshalb wieder aufgeforstet – dieses Mal mit Mischwäldern und Laubbäumen.
Rubriklistenbild: © Armin Forster

