Lars Klingbeil erlebt miesen SPD-Abend in Berlin – und gewinnt seinen Wahlkreis

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SPD-Chef Lars Klingbeil schwört seine Partei wie ein Fußballteam nach der Niederlage auf kommende Aufgaben ein.
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Die Bundes-SPD fährt das schlechte Bundestagswahl-Ergebnis aller Zeiten ein, SPD-Chef Klingbeil läutet „Generationswechsel“ in seiner Partei ein.

Es ist 16.45 Uhr, mehr als eine Stunde also vor den ersten Prognosen der Bundestagswahl, da öffnet sich die Tür von Lars Klingbeils Büro. Heraus kommt Bundeskanzler Olaf Scholz, mit der stoischen Miene, die man von ihm gewohnt ist, und einem kurzen, aber höflichen „Hallo“. Drei Männer in schwarzen Anzügen springen synchron von den roten Sesseln im Flur des fünften Stocks im Willy-Brandt-Haus auf. Sie begleiten Scholz vorbei an Schwarz-Weiß-Fotos mit Willy Brandt und einem wandhohen Gemälde von Neo Rauch in den Flügel, wo das Büro des Kanzlers liegt. Klingbeil, der SPD-Chef, ist in seinem Büro verblieben, sitzt aber nicht am Schreibtisch, sondern auf einem Ledersessel in einer Sitzecke mit Blick durch die Fensterfront über Berliner Hochhäuser. Auf dem Holztisch ein Strauß bunter Blumen, ein Geschenk der Partei zu Klingbeils Geburtstag.

Aber um den geht es an diesem 23. Februar nur am Rande, denn es ist zu dem Zeitpunkt schon klar, dass sich die Wähler deutschlandweit mit großen Geschenken zurückhalten würden. Klingbeil und Scholz haben offenbar gerade Tacheles geredet. „Wir haben seit Langem ein Vertrauensverhältnis, und nun geht eine Reise zu Ende“, sagt Klingbeil mit leiser Stimme. Scholz‘ Reise wohlgemerkt. Wohin es für Klingbeil geht, bleibt an diesem Tag noch ungeklärt. Auf großer Bühne kurz vor 19 Uhr sagt Klingbeil, gerade 47 Jahre alt geworden: „Für die SPD ist der Abend eine Zäsur, es ist Zeit, einen Generationswechsel einzuleiten.“ Vorher hat er Scholz einen leidenschaftlichen Wahlkampf bescheinigt. „Du hast die Partei mitgezogen“, ruft er dem Kanzler unter Applaus und Jubel zu. Nur eben diesmal nicht in Richtung eines Wahlsieges.

„Eine Zäsur“: Willy Brandt weist im nach ihm benannten Haus den Weg.

Am Donnerstag zuvor hatte Klingbeil nach dem Kanzlerbesuch in der Bad Fallingbosteler Heidmark-Halle noch schmunzelnd, aber auch etwas stolz berichtet, hier habe er mal anlässlich eines Auftritts von Helmut Kohl gegen den CDU-Parteivorsitzenden demonstriert, vor genau 27 Jahren. Nun ist Klingbeil selbst Parteivorsitzender und muss sich mit CDU-Chef Friedrich Merz auseinandersetzen. Der hatte am Samstagabend nach versöhnlichen Talkshow-Tönen nochmal ausgeteilt: Wer zuletzt gegen rechts demonstrierte, habe nicht mehr alle Tassen im Schrank, so ließ sich die Bierzeltrede vor der Union in München zusammenfassen.

Klingbeil hatte noch am Samstagabend auf X reagiert. Er schrieb, der Graben zu Merz sei nun noch tiefer. „Der Post war ein Impuls“, erklärt Klingbeil tags darauf. „Das war von Merz unnötig und unanständig gegenüber Menschen, die gegen Rechtsextremismus auf die Straße gehen, darunter sind ja auch CDU-Leute.“ Und das habe Merz keine Stimme mehr gebracht, schiebt Klingbeil nach. Die CDU landet bekanntlich unter 30 Prozent und damit unter den letzten Umfrageergebnissen.

Die Besucher des SPD-Wahlabends nehmen die erste Hochrechnung still und regungslos zur Kenntnis. Nur bei Ergebnissen anderer Parteien geht ein Raunen durch die Menge.

Die Union braucht Koalitionspartner, einen oder gar zwei. Und Klingbeil sagt: „Wir brauchen eine Form, in der man zusammenarbeitet, da hilft es nicht, wenn man spaltet.“ Nach dem Wahlsonntag kommt ein neuer Montag. Für Klingbeil bedeutet das: kein Durchschnaufen. Um 7 Uhr das erste Interview, dann SPD-Präsidiumssitzung. Die Weichen würden zwar bereits am Wahlabend gelegt, meint der Parteichef noch am Sonntag-Nachmittag. Welche Koalitionsmehrheiten möglich sein würden, bleibt aber lange offen. Klingbeil selbst fragt sich, wie groß die Kritik auch an ihm als Parteichef ausfallen würde.   

Da mag es helfen, den eigenen Wahlkreis gewonnen zu haben. Im Willy-Brandt-Haus heißt es am Wahl-Vormittag unter Beobachtern und Parteimitgliedern noch, ein Erststimmenergebnis 20 Prozent über dem der Bundespartei sei kaum zu schaffen. Klingbeil schafft es, wobei das Zweitstimmen-Resultat ja wiederum auf historisch niedrigem Niveau liegt. Die Hoffnungen in der Berliner SPD-Zentrale, dass die Umfragen wie bei manch früherer Wahl drei Prozentpunkte zu tief angesetzt waren, bleiben diesmal unerfüllt.    

„Übernehme die Verantwortung“: Einen schweren Gang aufs Podium tritt Kanzler Olaf Scholz an.

Das Erststimmen-Ergebnis für ihn sei „ein toller Vertrauensbeweis“, so Klingbeil. Er sei sehr, sehr glücklich über die mehr als 41 Prozent. Als er gerade davon erfahren hatte, lief er auf dem Weg zum Aufzug durch die Gänge des Willy-Brandt-Hauses und erzählte jedem stolz von diesem Erfolg. Ob ihm dieser aber auch auf Bundesebene nützt, weiß er nicht, „da gibt es auch noch zwei, drei andere Dinge, an denen ich gemessen werde.“

Nun sind sich die Medien in der Tat uneinig, ob Klingbeil Krisengewinnler ist oder ob ihn die SPD für das schlechte Ergebnis zur Rechenschaft zieht, weil er Scholz ins Kanzler-Rennen schickte oder zumindest nicht ausbremste. Der Spiegel schrieb vor einigen Wochen, Klingbeil und Boris Pistorius seien parteiintern Gegenspieler, ruderte mit dieser Analyse später ein wenig zurück. Geht es bei den Personalfragen wirklich so zynisch zu? „Nee, gar nicht“, wiegelt Klingbeil ab und lacht kurz.

Bei Interviews am späteren Abend kann Lars Klingbeil wieder lächeln.

Die Frage, wann er mal Kanzlerkandidat wird, ist Klingbeil gewohnt. Jetzt gilt er plötzlich als denkbarer Außenminister und damit wohl Vizekanzler einer schwarz-roten Regierung. „So etwas ist der 47. Schritt vor dem Ersten“, blockt Klingbeil ab. Der Ball zur Koalitionsbildung liegt bei der CDU und die Begeisterung für Schwarz-Rot sei in der SPD durch Merz‘ Aussagen auch nicht gewachsen. Aber Klingbeil ruft den CDU-Chef am späten Abend an und gratuliert.

Klingbeil hatte bei der Kreiszeitungs-Podiumsdiskussion erklärt, er sehe einen Stadt-Land-Konflikt oder zumindest einen -Kontrast, der sich auch in seiner Partei zwischen Abgeordneten aus urbaneren und ländlicheren Wahlkreisen niederschlage. Und den er an diesem Wochenende am eigenen Leib erlebt. Er sei stolz, bei Schulwahlen im Heidekreis der beliebteste Direktkandidat gewesen zu sein, am Gymnasium Munster holte er 50 Prozent, bei der KGS Schneverdingen machte er durch eine Podiumsdiskussion noch zehn Prozentpunkte gut.

Kontrast zwischen Munster und Berlin

Am Samstag war er noch für Wahlkampf in der Fußgängerzone von Munster unterwegs, seiner Heimatstadt. „Die Leute freuen sich, es macht Spaß.“ Um 20.30 Uhr stieg er in den Zug nach Berlin und merkte Samstag früh in der Hauptstadt: „Hier ist eine ganz andere Stimmung.“ Ein morgendlicher Kaffee mit seiner Frau, eine Joggingrunde zum Kopf durchpusten, dann ging es an die Parteiarbeit.  

Klingbeil erklärte jüngst in Rotenburg, es gebe Leute in seiner Bürgersprechstunde, die Angst hätten, dass ihnen „der Robert die Heizung rausreiße“. Eine diffuse Angst, aber er könne die Leute verstehen, das Leben werde teurer, „jeden Tag passiert was“, Attentate in Deutschland, Kriegsnachrichten in der Ukraine. Seine Co-Vorsitzende Saskia Esken sagte, die reaktionären Kräfte haben die Unsicherheit im Land ausgenutzt. Esken, Scholz und Klingbeil gingen auf der SPD-Bühne mit deutlichen Worten auf den hohen blauen Prognose-Balken für die AfD ein. Klingbeil nannte es eine Lebensaufgabe, gegen diese Partei zu kämpfen, deren Funktionäre er schon häufiger Nazis nannte.

Wir brauchen eine Form, in der man zusammenarbeitet, da hilft es nicht, wenn man spaltet.

Lars Klingbeil über Friedrich Merz‘ Wahlkampf-Aussagen vom Samstag.

Das gehe derzeit nicht über ein AfD-Verbot, hatte Klingbeil bei der Kreiszeitungs-Podiumsdiskussion gesagt. Ein Verbotsverfahren dauere Jahre und müsse sitzen, deswegen sei jetzt noch der falsche Zeitpunkt, weil der Verfassungsschutz noch keine vollständigen Informationen vorgelegt habe. Für den Wahlkreis „Rotenburg I - Heidekreis“, in dem die SPD bei knapp 25 Prozent liegt, kann die AfD mit Ergebnissen rechnen, die ihrem Bundestrend entsprechen. 

Die Journalisten fachsimpeln derweil, wie wahrscheinlich eine Kenia-Koalition ist, und hadern am Wahl-Nachmittag mit dem Catering. Es gibt passend zur Lage der SPD nur Wasser und Kaffee, und auch der ist irgendwann versiegt. Der Mann, der die leeren Kannen wegräumt, erzählt dann auch noch, er sei SPD-Mitglied, habe aber diesmal das BSW gewählt. Er wolle keine Aufrüstung.

„Kurz mal emotional“: Lars Klingbeil bei der abendlichen Videokonferenz in den Wahlkreis.

Von dem Trubel im Erdgeschoss bekommen Klingbeil und Co. nichts mit, als die Spitzenpolitiker im Obergeschoss unter sich beratschlagen. Dort herrscht zeitweise dieselbe bedrückende Stille wie um 18 Uhr, als die 16-Prozent-Prognose für die SPD ohne erkennbare Reaktion der regungslosen Genossen ankommt. Erst später keimt neue Hoffnung auf und es wird sogar geklatscht und gejohlt, als die TV-Sender melden, dass BSW und FDP doch unter die Fünf-Prozent-Marke fallen könnten. Offenbar wünscht mancher sich doch eine Koalitionsbildung von CDU und SPD, was durch weniger Parteien im Bundestag einfacher würde.

Und Klingbeil bemerkt, dass sein Wort vom „Generationswechsel“, den er begleiten wolle, für Aufsehen sorgt. Fast scheint er davon überrascht: „Wir haben doch viele gute junge Leute“, bekräftigt er. Und dann sitzt er gegen halb zehn doch an seinem Schreibtisch und hat ein Tablet aufgeklappt, für die lang erwartete Video-Konferenz in den Roten Bahnhof, den SPD-Treff in Soltau. Klingbeil lässt sich in den Schreibtischstuhl sinken und meint leise: „Da bin ich kurz mal emotional.“ Denn auf dem Bildschirm tauchen der grinsende Soltauer SPD-Bürgermeisterkandidat Birhat Kacar und dahinter ein Dutzend seiner Mitstreiter auf. „Ich bin euch sehr dankbar für eure Unterstützung“, rief Klingbeil in sein Tablet-Mikrofon, und die Genossen aus dem Heidekreis antworten mit einem plärrenden „Happy Birthday to you“. Da geht es dann doch noch um Lars Klingbeils Geburtstag.

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