VonMichael Krügerschließen
Dass Manfred Radtke sein Ehrenamt als Landschaftswart in Rotenburg nach acht Jahren los ist, war seit einigen Wochen bekannt. Nun äußert er sich zu dem Geschehen erstmals öffentlich und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Rotenburger Stadtverwaltung. Das Tischtuch ist zerschnitten.
Rotenburg – Bislang haben beide geschwiegen. Nach der Entscheidung des Kreisausschusses Mitte Juni, mit dem Borcheler Heiko Nalesinski in Rotenburg einen neuen Landschaftswart zu installieren, wollten sich weder Noch-Ehrenamtsinhaber Manfred Radtke noch Rotenburgs Bürgermeister Torsten Oestmann äußern. Radtke verwies darauf, zunächst die richtigen Worte finden zu müssen, Oestmann hatte betont, die Personalie „aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes“ nicht zu kommentieren. Das hat sich geändert. Radtke macht vor allem der Rotenburger Verwaltungsspitze schwere Vorwürfe. Eine künftige Zusammenarbeit auch als BUND-Vorsitzender lehnt Radtke, der seit 2015 das Amt innehatte und fast 30 Jahre für die Grünen im Stadtrat saß, kategorisch ab: „Mein Fachwissen, meine Erfahrungen, mein Idealismus und mein Engagement für meine Heimatstadt stehen Rotenburg künftig nicht mehr zur Verfügung“, heißt es in einer E-Mail an Oestmann.
Gegenvorschlag rechtens?
Wie ist es zu dieser Situation gekommen? Bis Ende Juni war die Stadt aufgefordert, einen Vorschlag für die kommenden drei Jahre für das Ehrenamt beim Landkreis zu machen. Im Stadtrat hatte es Mitte Mai aber keine Empfehlung gegeben. Im nicht öffentlichen Teil der Sitzung hatte Oestmann die Ratsmitglieder über die Beweggründe der Verwaltung unterrichtet, nicht mehr mit dem 78-jährigen Radtke zusammenarbeiten zu wollen. Die ebenso vorschlagsberechtigte AG der Naturschutzverbände im Landkreis nominierte Radtke trotzdem. Einen Gegenkandidaten gab es bis wenige Stunden vor Abgabefrist für die entscheidende Sitzung des nicht öffentlichen Kreisausschusses nicht. Dann doch: Von der Rotenburger Jägerschaft und dem Landvolk wurde Nalesinski ins Spiel gebracht – und nach kontroverser Diskussion im Kreisausschuss auch knapp gewählt. Dass ein amtierender und wieder nominierter Landschaftswart nicht gewählt wird: ein Novum in der Geschichte des Ehrenamts. Walter Lemmermann als Sprecher der AG der Naturschutzverbände kritisierte dazu, dass einzelne Naturschutzverbände gar kein Vorschlagsrecht haben. Und Radtke feuert: „Zu der Merkwürdigkeit des Verfahrens passt die Lüge von Eike Holsten, CDU-Fraktionsvorsitzender im Kreistag, dass die Jägerschaft für die Benennung von Landschaftswarten vorschlagsberechtigt sei.“
Schwierige Situation für Eike Holsten
Genannter Holsten befand sich in diesem Verfahren in einer schwierigen Situation. Ohne Votum aus dem Stadtrat, in dem er als CDU-Politiker auch sitzt, hätte er als Mehrheitsführer im Kreistag eigentlich dem Vorschlag der AG der Naturschutzverbände zustimmen müssen. Da kam der kurzfristige Gegenvorschlag durchaus gelegen. Anschließend sagte Holsten zur Abstimmung: „Der Rotenburger Stadtrat hat sich auf Bitten von Bürgermeister Oestmann, im Sinne seiner Verwaltung, gegen die Verlängerung der Zusammenarbeit mit Manfred Radtke ausgesprochen. Da es seitens der vorschlagsberechtigten Jägerschaft einen alternativen, guten Vorschlag gibt, ist die Kreistagsmehrheit diesem gefolgt.“
Ich habe immer noch das Gefühl, dass ich hinsichtlich der Besetzung des Landschaftswarts im falschen Film bin. Ich hätte mir diesen Ablauf nicht im Traum vorstellen können.
Das wiederum stellt Oestmann, der sich mittlerweile auf Nachfrage eindeutig zur Sache äußert, deutlich anders dar. Er habe „fest die Absicht“ gehabt, das Verhältnis Stadtverwaltung zu Landschaftswart Radtke mit einem Neuanfang zu versehen, da er davon ausgegangen sei, „dass er aufgrund der Nominierung durch die Umweltverbände im Amt bestätigt wird“. Man habe sich bereits darauf verständigt, nach erfolgter Wiederwahl sich zu einem Gespräch zu treffen. Von einem Gegenkandidaten Nalesinski habe er nichts gewusst. In einer E-Mail an Radtke schreibt Oestmann: „Mir war nicht bekannt, dass zur Sitzung des Ausschusses ein weiterer Name auftauchen würde. Die Äußerung des Herrn Holsten, dass hier auf meinen Wunsch agiert werde, beziehe ich darauf, dass wir seitens der Verwaltung klar den allgemeinen Wunsch nach einem Neuanfang mit einer neuen Person geäußert haben, nicht jedoch auf Herrn Nalesinski, der mir im Übrigen persönlich gar nicht bekannt ist.“
Keine Anfrage der Verwaltung
So oder so: Das Tischtuch mit Radtke ist zerschnitten. Während Oestmann den „Neuanfang“ einer „vertrauensvollen Zusammenarbeit“ mit einem neuen Landschaftswart anführt, den sich „mehrere Ämter und Leitungsfunktionen des Rathauses“ gewünscht hätten, macht Radtke das Zerwürfnis an seinem Engagement fest. Seine Initiativen seien in den vergangenen Jahren ins Leere gelaufen, Oestmann habe sich der Meinung einiger Kollegen zu eigen gemacht, die da laute: „Der Radtke muss weg. Der kennt sich im Naturschutz zu gut aus, der behindert uns bei unserer Arbeit.“ Der Zustand der Natur in Rotenburg sei in vielerlei Hinsicht „trostlos“, öffentliche Grünflächen, die mit Rindenmulch abgedeckt würden, seien für die Natur „wie ein Leichentuch“. Von „Zusammenarbeit“ könne sowieso keine Rede sein. Seit 2015 hätten ihn 297 Anfragen von Bürgern erreicht. Von der Verwaltung: null.
Nachholbedarf bei Grünflächen
Dass Rotenburg künftig mehr auf die Natur achten muss, unterschreibt auch Bürgermeister Oestmann. Aber: „Das muss man in Ruhe und vor allem mit den zur Verfügung stehenden Mitteln und Personalressourcen entwickeln. Ich wäre hier gerne schon weiter, muss aber auch akzeptieren, dass wir zum Beispiel im Bereich des Grünflächenmanagements durch Krankheitsausfälle momentan etwas eingeschränkt sind und wir trotz Ausschreibungen diesen Bereich noch nicht wieder besetzen konnten.“ Auf die ehrenamtliche Expertise von Radtke indes muss die Stadt künftig verzichten: „Warum soll ich mich mit Leuten auseinandersetzen, denen politische Ränkespielchen offensichtlich wichtiger sind als eine lebenswerte Stadt? Ich kann meine Zeit für andere Dinge besser nutzen.“
