Dialoge vor Ort, Expertise für Berlin: Tauschwitz will in den Bundestag

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„Die Menschen vor Ort mitnehmen“: Vivian Tauschwitz stellt sich Aaron Kruses Fragen beim „Jungwählerevent“ der Jungen Union in Schmidt‘s Kneipe in Rotenburg.
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Die CDU-Kandidatin für den Wahlkreis „Rotenburg I - Heidekreis“ hat gute Chancen auf Mandat.

Am Abend sitzt Vivian Tauschwitz noch in Rotenburg in der Kneipe, freilich nicht privat am Tresen, sondern auf der Bühne vor Mitgliedern der Jungen Union. Da geht es um ETF-Geldanlagen, zu hohe Energiepreise und Robert Habeck, der doch lieber Kinderbücher schreiben solle. Das sagt nicht Tauschwitz, die Bundestagskandidatin der CDU für den Wahlkreis „Rotenburg I - Heidekreis“. Sie wolle im Wahlkampf viel zuhören, sagt sie, und hört auch auf dem Podium sitzend viel zu. Das „lieb gemeinte“ Lieferkettengesetz soll wieder weg, heißt es, Tauschwitz nickt.

Selbst berichtet sie über Handwerker aus der Region, die keinen Nachfolger für ihren Betrieb finden oder denen Azubis fehlen. Was auch an mangelnder Mobilität im ländlichen Raum liege. Sie geht auf Hemmnisse beim eigenen Hausbau ein und auf den Kfz-Meisterbetrieb ihres Vater. „Die Menschen vor Ort mitnehmen“, das sei ihr Credo.

Aus jedem Gespräch „ein Goldkörnchen“

Deswegen spreche sie lieber mit Leuten an Haustüren, Pendlern an Bahnhöfen, Frauen in einem Frauenhaus, Bäckern in ihren Backstuben als Fragen für überregionale Online-Plattformen zu beantworten. 180 Termine habe sie seit Dezember wahrgenommen. Der Tag der Kandidatin beginne derzeit um 7 und ende manchmal erst um 23 Uhr. Ihr Wahlkampfteam bestehe aus einem harten Kern von vier, fünf Personen, zum erweiterten Kreis gehörten vielleicht 40 Ehrenamtler. Da müsse sie priorisieren, und die Priorität liege auf dem persönlichen Dialog. Soziale Medien seien als Wahlkampf-Instrument zwar nicht überschätzt, aber auch dort zählten für Tauschwitz Inhalte aus dem Wahlkreis.

Aus jedem Gespräch nehme sie „ein Goldkörnchen“ mit, beim Bäcker habe sie etwa gelernt, dass Mehl an der Börse gehandelt werde. Was aber jeder beklage, sei zu viel Bürokratie. Von der Steckdose, die alle zwei Jahre überprüft werden müsse, bis zu manchen Verordnungen für Baubranche und Landwirtschaft, die sich nach wenigen Monaten wieder ändern. Da müsse Politik für mehr Planbarkeit sorgen, um den Betrieben unnötige Risiken zu ersparen und Investitionen zu ermöglichen.

„Die Partei steht hinter mir“: CDU-Wahlplakate an der Harburger Straße in Rotenburg mit Vivian Tauschwitz.

Expertise für Verteidigung und schlanke Verwaltung

Die Chance, dass Tauschwitz daran in der kommenden Legislaturperiode im Bundestag mitwirken kann, ist gut, selbst wenn sie sich bei den Erststimmen nicht gegen SPD-Chef Lars Klingbeil durchsetzen sollte. Auf der CDU-Landesliste steht sie auf Platz zehn von 71. Ob der reicht, werde sich am späten Wahlabend zeigen, den die Bispingerin mit Parteifreunden in einer Gaststätte in ihrem Heimatort verbringen wird. Tauschwitz beteuert, sich über Wahrscheinlichkeiten keine Gedanken zu machen. Die Soldatin sei zwar von der Bundeswehr gewöhnt, Handlungsmöglichkeiten durchzuspielen, aber sie halte sich gern an Fakten und auf den Wahlausgang habe sie ja am Ende keinen Einfluss mehr.

Sie kämpfe auch für Zweitstimmen für die CDU, definiere sich nicht nur übers Erststimmen-Ergebnis, wobei sie nach kurzem Nachdenken und an die Decke Schauen meint: „Bei unter 25 Prozent wäre ich ein wenig traurig.“ Jedenfalls habe sie sich sehr über den hohen Listenplatz gefreut, „die Partei steht hinter mir.“ Ihre Position in der Jungen Union, ihr Engagement als Person und ihre Expertise seien aus eigener Sicht die Gründe dafür.

Migration sei ein Thema von mehreren

Wenn sie nach Berlin geht, wolle sie dort die Sorgen der Menschen aus dem Wahlkreis adressieren, aber sie habe auch ihre Kernkompetenzen. Dazu gehört, wenig überraschend, die Verteidigungspolitik, aber durch ihre Stabsarbeit bei der Bundeswehr habe sie auch Erfahrung darin, wie eine Vereinfachung der Verwaltung funktionieren kann. Und die Politikwissenschaftlerin hat sich bereits im Studium mit der „Flüchtlingskrise“ 2015/16 beschäftigt und deren medialen Lesarten zwischen der Kölner Silvesternacht und dem ertrunkenen syrischen Jungen Alan Kurdi.

Heute ist Migration für Tauschwitz ein Thema von mehreren, aber ein wichtiges mit vielen Facetten. Asyl sei nur ein Teil der Debatte, da gehe es erstmal um einen temporären Aufenthalt. Bei Integration müsse der einzelne Mensch berücksichtigt werden, aber auch die Frage: „Was können wir leisten?“ In Rotenburg gebe es derzeit vielleicht keine Belastung der Kommune und der Ehrenamtlichen, Bad Fallingbostel mit der Geflüchteten-Unterkunft in Oerbke hingegen sei schon an Grenzen gestoßen. Wichtig sei, dass die im nächsten Bundestag vertretenen Parteien für Stabilität sorgen und Lösungen finden. Die AfD könne man nicht ausblenden, wenn sie 20 Prozent erhalte, meint Tauschwitz. Auch nicht bei der Suche nach Lösungen? Nein, bei der werde die AfD nicht einbezogen, so Tauschwitz, „das sage ich und das sagt auch Friedrich Merz.“ Man müsse sich aber fragen, warum die AfD so groß geworden ist.

Haustür-Wahlkampf und Interviews mit der Lokalzeitung sind Vivian Tauschwitz wichtig, die sozialen Medien sind es aber auch, die passenden Inhalte vorausgesetzt.

„Ich kämpfe für ein freies, demokratisches Land.“ Zum scharfen Ton im laufenden Wahlkampf etwa zwischen SPD, Grünen und ihrer Partei sagt Tauschwitz: „Man soll sich streiten, man muss sich nach dem 23. Februar aber wieder in die Augen schauen können und an einen Tisch setzen.“

Selbst will sich Tauschwitz nicht allgemein in einer politischen Ecke oder in einem Parteiflügel verorten lassen, das wäre ihr zu eindimensional. Sie habe ihre Haltungen, aber themenbezogen, bei Sicherheitsfragen sei sie eher konservativ, in der sozialen Frage sei ihr schon wichtig, dass Menschen ausreichend Unterstützung erhielten.

Für mich ist es egal.

Vivian Tauschwitz über das Geschlecht politischer Vertreter
Ob Frau oder Mann, sollte egal sein: Vivian Tauschwitz bei der BBS-Podiumsdiskussion.

Auf einer Podiumsdiskussion im Januar fragte eine Schülerin die 30-Jährige, was sie politisch für andere Frauen tun möchte. Tauschwitz meint, das sei für sie als Politikerin eine besondere Aufgabe. Aber Männer müssten genauso ein Interesse haben, Problemen wie der Gender-Data-Gap, also Lücken bei der Datenerhebung über Frauen, konstruktiv entgegenzutreten. In der Politik sollte es egal sein, welches Geschlecht man hat, und „für mich ist es auch egal“. Negativerfahrungen wie einst Angela Merkel, die von Helmut Kohl als sein „Mädchen“ bezeichnet wurde, habe sie nie gemacht.

Auch nicht bei der Bundeswehr, wo zahlenmäßig auch Männer dominieren. Dass ihr Dienstgrad „Hauptmann“ ist, störe sie nicht, das sei ein historisch gewachsener Begriff. Auch ihre Schwangerschaft habe keine dummen Bemerkungen, Fragen oder Vorbehalte hervorgerufen. Und selbst sieht Tauschwitz auch keine Probleme mit Blick auf ein mögliches Bundestagsmandat. „Mein Mann und ich, wir haben für alles einen Plan B und einen Plan C.“

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