Lieber Teamspieler als Mitläufer: Malte Büch vertritt Volt bei der Bundestagswahl

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„Macht Spaß, ist erfüllend, ist anstrengend“: Malte Büch über den Wahlkampf. Heitmann
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Malte Büch tritt bei der Bundestagswahl im Wahlkreis „Rotenburg I - Heidekreis“ als Kandidat von Volt an. Er will im Wahlkampf die Inhalte seiner Partei vertreten, auch wenn ein Sieg fast unmöglich erscheint.

Walsrode – Malte Büch sitzt in einem Walsroder Café und macht, was er gern tut, er redet über Politik, kommt von Elon Musks Social-Media-Beiträgen zur AfD über die wehrhafte Demokratie zum Meinungspluralismus, der ihm in der heutigen Gesellschaft zu wenig ausgeprägt ist. Das macht die ältere Dame am Nachbartisch neugierig. Sie wendet sich an Büch, erzählt, dass sie einst Wahlkampf für Willy Brandt gemacht hat und fragt, in welcher Partei er denn ist. „Volt, das ist eine paneuropäische Partei mit sozialliberalen Inhalten“, erklärt der 31-Jährige, ohne gleich zu berichten, dass er der Bundestagskandidat im Wahlkreis „Rotenburg I - Heidekreis“ ist.

Die Frau versteht: „Es gibt Volt also in mehreren Ländern.“ Den klassischen Volt-Wähler würde man eher im großstädtischen, jüngeren Spektrum vermuten, aber Büch widerspricht: „Weiblich, 65 plus, das ist die größte Gruppe bei uns am Wahlkampfstand.“ Die Dame zählt also durchaus zur Zielgruppe. Ehe sie geht, erzählt sie noch stolz, dass ihre Enkelin in Hamburg Politik studiert. „Dann kennt sie sicher Volt“, ruft Büch ihr nach.

Zum Wahlkampf im ländlichen Raum zählen Haustürbesuche

Büch war als Pflegeassistent tätig, auf Wochenmärkten, arbeitet jetzt in einem Café in Hannover, wohin er aus seinem Wohnort Bad Fallingbostel pendelt. Nebenbei ist er Deutschrapper und Konzertveranstalter. Er ist rhetorisch auf der Höhe und hat keine Mühe, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Im Wahlkampf setzt er nicht nur auf Soziale Medien und andere digitale Formate, auch wenn sich seine Partei Digitalisierung auf die Fahnen geschrieben hat. Bei Tiktok ist Volt nach der AfD die in Deutschland am stärksten vertretene Partei. Doch Büch ist Kandidat im ländlichen Raum, da zählen Büch und seine rund 40 Mitstreiter aus der Volt-Gruppe Heidekreis-Rotenburg-Verden auch auf die herkömmlichen Wahlplakate und klassischen Haustür-Wahlkampf.

Malte Büch führt Haustürgespräche und sammelt Unterschriften, wie hier in Fintel.

Büch scheint das aus Überzeugung zu tun. „Die Leute erzählen mir in ihrem Safespace viel von ihren persönlichen Themen, je nach Lebenslage von Kita-Problemen oder ihrer Rente.“ Und Büch muss an Wahlkampfständen und Haustüren noch Unterschriften von Menschen aus dem Wahlkreis sammeln, um formal die Voraussetzungen zu erfüllen, am 23. Februar auf dem Stimmzettel zu stehen. Er findet es sinnvoll, dass er einen gewissen Rückhalt aus der Gesellschaft nachweisen muss, nur dass die Unterschriften handschriftlich geleistet werden müssen, samt Vor- und Zuname sowie Adresse der Unterzeichner, sei etwas lästig, da ist er wieder beim Thema Digitalisierung.

Büch muss auch Unterschriften sammeln

200 Unterschriften braucht er, zuletzt hatte er bereits 175, Büchs Kandidatur wird also nicht an dieser Hürde scheitern. Dass Büch als Direktkandidat kaum bis keine Siegchancen hat, ist ihm bewusst, aber es stört ihn nicht. Gegen Lars Klingbeil (SPD) werde es „schwer bis fast unmöglich“ zu gewinnen, auch die ein Jahr jüngere Vivian Tauschwitz habe als CDU-Kandidatin eine „ganz andere Power“ hinter sich, meint er. Aber Büch habe das Gefühl, wenn Volt keinen Kandidaten gestellt hätte, hätte das so ausgesehen, als sei man von den eigenen Inhalten nicht überzeugt. „Ich will Mitspieler und kein Mitläufer sein.“

Bei der Finanzierung gab es Unterstützung, aber die Wahlplakate müssen Malte Büch und seine Mitstreiter freilich selbst aufhängen.

Dass der Goslarer Thadaeus Friedemann Otto der Partei eine Million Euro für den Bundestagswahlkampf spendete, helfe und ist für Büch kein Problem: „Ich finde es nicht unsympathisch, wenn ein Millionär progressive Politik unterstützt.“ Nun müsse man zwar nicht auf jeden Cent achten, aber die Plakate müssen die ehrenamtlichen Lokalpolitiker noch selbst aufhängen.

Pragmatismus und Suche nach Partnern

Büch hätte die Bundestagswahl lieber nach der Bürgerschaftswahl in Hamburg abgehalten, bei der Volt mit einem achtbaren Ergebnis rechnen kann. Dennoch hält er es nicht für ausgeschlossen, dass Volt in den Bundestag einzieht, auch wenn die angestrebten sechs Prozent sehr ambitioniert seien, die Partei läuft derzeit in Umfragen anonym unter „Sonstige“. Kürzlich war Volt in der Tagesschau, das war „ein Gamechanger“, so Büch, nach der Nachrichtensendung sei er oft angesprochen worden.

Die anderen Parteien zeigten Schwäche, Olaf Scholz’ SPD habe zu sehr an der Schwarzen Null festgehalten, das BSW zerlege sich in Hamburg selbst, sagt Büch in Anspielung auf Separatisten in der Wagenknecht-Partei, die Linke ist Büch zu populistisch und die CDU verspreche Steuererleichterungen, die nicht gegenfinanziert seien. „Da fühle ich mich veräppelt.“ Ansonsten will Büch aber „raus aus dem Oppositionssprech“, sondern selbst nach pragmatischen Lösungen und unter den anderen Parteien nach Partnern suchen, statt draufzuhauen oder zu spalten. Links-Rechts-Denken hält er für überholt.

Sozialliberal wie die FDP in den 70ern

Fremdenfeindlichkeit ist für ihn ein No-Go („Ich diskutiere nicht darüber, ob man heute noch ,Negerkuss’ sagen darf“), aber „wenn jemand über das Bürgergeld herzieht, finde ich das zwar eklig, aber da kann man über Kompromisse reden.“ Wenn jeder in seiner Blase sei, grenze man sich zu sehr ab. Jeden SUV-Fahrer pauschal zu beleidigen, das gehe nicht.

Büch möchte, dass man bei „liberal“ nicht nur an „neoliberal“, also an wirtschaftsliberal denkt, er sieht Volt als Partei, wie es die FDP bis in die 80er-Jahre hinein war. Er kommt aus der SPD-Ecke, der von Martin Schulz verkörperte europäische Gedanke habe ihn „angefixt“, den Schengen-Raum hält Büch für eine der größten Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte. 2019 habe er erstmals Volt gewählt, auch wenn das keine Entscheidung gegen die SPD gewesen sei. Aber bei den Jusos müsse man sich hocharbeiten, bei Volt ging es für Büch schneller ums Mitgestalten.

15 bis 20 Stunden pro Woche Politik

„Ich bin ein normaler Typ, ich komme aus einer Patchwork-Familie, ich war auf der Hauptschule, ich bin kein Akademiker.“ Er hätte gern studiert, das sei aber nicht möglich gewesen, auch deshalb sei Bildungspolitik ein Thema für ihn. Büch heiratete 2021 seine Jugendliebe und hat mit ihr seit 2022 einen kleinen Sohn, der ihn nun im Wahlkampf manchmal begleitet. 15 bis 20 Stunden pro Woche widmet er derzeit der Politik, vor Wahlkampfbeginn waren es vier, fünf Stunden, meist abends.

Er sieht sich als Teil eines Teams, Vorsitzende gebe es bei Volt erst ab Landesebene. Dass er es beim Landesparteitag in Wolfsburg nicht unter die ersten paritätisch besetzten 20 auf der Landesliste für die Bundestagswahl geschafft hat, sei in Ordnung. „Es reicht erst mal.“ In die Bundestagskandidatur sei er ein bisschen reingerutscht, zumindest sei diese nie sein Ziel gewesen. Der Wahlkampf zwischen Sottrum und Essel, „er macht Spaß, er ist erfüllend, er ist anstrengend.“

Reden mit Reichsbürgern und AfD-Wählern

In der Lokalpolitik war Büch bislang nicht, stattdessen war er kürzlich in Brüssel zu Besuch „bei Kai“, bei Kai Tegethoff aus Braunschweig, einem von fünf EU-Parlamentariern, die Volt seit der EU-Wahl im Juni stellt. Eine gemeinsame Armee, eine gemeinsame Steuerpolitik kann er sich vorstellen, damit Europa ein Global Player werde, vor allem wenn die USA als Partner nicht mehr so mitspielen. Die Ukraine müsse man so gut es geht dabei unterstützen, ihre Grenzen zu schützen, so lange die Ukraine selbst das will. „Russland führt einen Krieg gegen die Demokratie.“

Und wie war das mit der wehrhaften Demokratie in Deutschland? Büch begegnete beim Klinkenputzen in kleinen Dörfern Reichsbürgern, einer bekennenden AfD-Wählerin, mit allen sprach er, die Frau gab ihm am Ende sogar eine Unterschrift für seine Liste. Aber: Soziale Medien erst ab 16 freizugeben, sei eine Idee, über die man nachdenken müsse, und auch Musks Soziales Netzwerk X in Deutschland zu sperren, wäre zu überlegen, sagt Büch. „Ich bin zwar ein Freund der Möglichkeiten von Social Media, aber die Einflussnahme eines Milliardärs aus den USA brauchen wir nicht.“

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