VonHolger Heitmannschließen
Für eine junge Partei hat Volt bei der Europawahl viele Stimmen erhalten. Das mag passen, die Partei ist „paneuropäisch“ ausgerichtet. Doch wie sind die Strukturen vor Ort? Timo Scharf aus Soltau ist auch für den Kreis Rotenburg zuständig, aber zuversichtlich, dass Volt künftig in der Kommunalpolitik eine Rolle spielt.
Rotenburg – Volt, das ist die Partei, die vor der Europawahl auch im Kreis Rotenburg durch lilafarbene Wahlplakate mit frechen Sprüchen aufgefallen ist („Für mehr Eis“, „Sei kein Arschloch“). Will man einen Parteivertreter treffen, muss man allerdings bis in den Heidekreis fahren: In Soltau lebt Timo Scharf, er ist Bezirksvorsitzender, vertritt seine Partei außer im Heidekreis in den Kreisen Rotenburg, Verden und ein bisschen in Uelzen. Eigentlich nennt er sich nicht Bezirksvorsitzender, sondern „District Lead“. Das meint etwa das gleiche, nur auf Englisch, denn „Volt ist die erste paneuropäische Partei“, sagt Scharf stolz.
Nationale Parteien würden keine europäischen Interessen vertreten, meint Scharf. Ein föderales Europa sei für Volt ein Kernthema. So wie für die Grünen in ihrer Anfangszeit die Anti-Atomkraft-Politik. „Wir sind ein Gegenpol zum Nationalismus.“ Scharf will Volt aber nicht nur im EU-Parlament sehen, sondern auch in Kreistagen, Stadträten. Im Rotenburger Rat saß mal Alexander Gridin, heute Grüne, mit einem Volt-Mandat. „Volt kann auch Lokalpolitik“, ist Scharf überzeugt. Und schiebt die Erklärung gleich nach: Seine Partei versuche, ihr Programm nicht emotional, sondern möglichst auf Basis wissenschaftlicher Infos zu bilden. Und sie schaue, da ist wieder der europäische Gedanke, auf funktionierende Systeme aus anderen Ländern, auf Radwege in Kopenhagen, die Digitalisierung im Baltikum. Diese sogenannten Best-practice-Beispiele seien vielleicht nicht 1:1 übertragbar, aber auf bestimmte Regionen anpassbar. Und Volt sei offen für Koalitionen mit anderen Parteien, außer mit der AfD, aber auch die Linken sind Scharf „zu extrem“. „Volt sucht von allem das Beste heraus, von der SPD die Sozialpolitik, von den Grünen den Klimaschutz, von der FDP die Wirtschaftspolitik.“
Seine schwere Kindheit wird zur Motivation für politisches Engagement
Wobei Scharf mit dem Widerstand der FDP gegen die Kindergrundsicherung über Kreuz liegen müsste. Die Motivation des 21-Jährigen für sein politisches Engagement ist eine tief persönliche, auch wenn er sich ganz allgemein in der Gesellschaft mehr Engagement über die reine Stimmabgabe hinaus wünscht. Er habe in seiner noch nicht lang zurückliegenden Kindheit Gewalt, sexuellen Missbrauch erfahren, und zu wenig Unterstützung durchs Jugendamt, durchs Schulsystem. In dem wurde er zwischen den Schulformen hin und her gereicht. Als seine Familie umzog, erreichten Infos aus der alten Heimat nicht die Ämter in der neuen. „Datenschutz sollte hinter dem Kampf gegen Kindeswohlgefährdung zurücktreten“, ist Scharf überzeugt. „So, wie ich aufgewachsen bin, sollte man nicht aufwachsen, das war mir damals aber nicht bewusst, da erschien mir das normal.“
Scharf hatte wenig Geld, wenige Freunde, als 14-Jähriger begann er zu jobben. Heute hat er eine Ausbildung zur Pflegefachkraft abgeschlossen, im August tritt er auf der Intensivstation einer Klinik in Kassel eine Arbeitsstelle an. Für Volt war er das erste Mal in seinem Leben im Ausland, in Paris, beim Europaparteitag. „Ich sehe mich heute in einer privilegierten Situation“, sagt er. Auch wenn er sich diese selbst erkämpft hat. Seine Lebensgeschichte ist ein Plädoyer für einen starken Staat, der sich kümmert, um sozialen Ausgleich bemüht ist. Um Chancengerechtigkeit, wie Scharf sagt – das klingt dann doch wieder etwas nach FDP.
Eine europäische Partei: Volt
Volt ist 2017 als politische Bewegung entstanden und 2018 eine Partei geworden. Die Volt-Partei hat bei der Europawahl in Deutschland durch einen Stimmenanteil von 2,6 Prozent drei Sitze im EU-Parlament erhalten, darunter der 39-jährige Niedersachse Kai Tegethoff. In den Niederlanden erhielt Volt mit mehr als fünf Prozent der Stimmen zwei Sitze. Die Partei ist in allen EU-Ländern vertreten und auch in weiteren europäischen Staaten wie Großbritannien und der Ukraine. 25 000 Mitglieder habe Volt europaweit. Bei der Europawahl erhielt Volt im Kreis Rotenburg 1,8 Prozent, im Heidekreis 1,9 Prozent, im Kreis Verden sogar 2,4 Prozent. hei
Die generalistische Pflegeausbildung, die er durchlaufen habe, sei „Quatsch“, allein weil ausreichend Ausbilder dafür fehlten. Er ist für eine bessere Pflegeberatung, die Angehörigen helfen würde, Menschen zu Hause zu versorgen, was wiederum das Personal im Krankenhaus entlasten würde. Scharf wünscht sich einen besseren ÖPNV, keine Abschaffung, aber eine Reform der Fünf-Prozent-Hürde bei Bundestagswahlen für eine pluralistische Parteienlandschaft, nicht nur aus Eigennutz für Volt. Er spricht über viele Themen aus dem Stegreif, kommt von einem zum anderen. „Ich habe ADHS“, sagt er freimütig, aber er hat für seine Argumente immer Fakten und Zahlen zur Hand, verliert nicht den Faden.
Scharf weiß, dass mangelnde Kaufkraft und Kriminalität Themen sind, die Leute bewegen. „Wir müssen wieder diskutieren lernen, auch wenn viele darauf keinen Bock haben.“ Auf seinem Laptop kleben Anti-AfD-Sticker. Scharf sagt: „Die meisten AfD-Wähler sind Nazis, aber nicht alle, ein kleiner Teil ist auch einfach schlecht aufgeklärt, hinterfragt Falschinformationen nicht.“
Von fünf auf knapp 30 aktive Mitglieder, „keine Karteileichen“
Auch wenn AfD-Anhänger wohl eher nicht zu den öffentlichen Volt-Treffen kommen, dort sei jeder willkommen. Künftig solle Volt noch bekannter werden, klar, über Soziale Medien, aber auch über Infostände in Innenstädten, nicht nur zu Wahlkampfzeiten. Scharf betont, es sei wichtig, im Team zu arbeiten, zu delegieren. Wenn er die Region verlässt, um in Hessen mit seiner Freundin zusammenzuziehen, hinterlasse er eine Mannschaft aus guten Einzelpersonen, in der er dann aus der Ferne mitwirke. Er trat im Mai 2022 bei Volt ein, viele folgten ihm nun nach der EU-Wahl. Die Wahlplakate in vier Kreisen mussten fünf Leute aufhängen, darunter zwei aus Rotenburg. Mittlerweile gebe es knapp 30.

