VonJudith Tausendfreundschließen
In Rotenburg fehlen viele Sozialwohnungen, obwohl immer mehr Menschen auf günstigen Wohnraum angewiesen sind. Ein neues Konzept des Landkreises könnte das ändern.
Rotenburg – Wer sich aktuell auf der Onlineplattform „Immoscout“ nach einer Sozialwohnung im Großraum Rotenburg umschaut, kann sich exakt über eine Wohnung informieren. Die Auswahl ist offensichtlich bescheiden. Diese eine Wohnung kommt auch nur für Menschen ab einem Alter von 60 Jahren und gegen Vorlage eines Wohnberechtigungsscheins infrage. Dafür ist sie bezahlbar, aufgerufen werden hier für 46 Quadratmeter eine Gesamtmiete in Höhe von 423 Euro, inklusive der Nebenkosten. Eine weitere Seniorenwohnung, 50 Quadratmeter groß, ist für 935 Euro Warmmiete inseriert – das muss sich ein Rentner erst mal leisten können.
Zu wenig Fördermaßnahmen
Dabei sind Sozialwohnungen keineswegs nur für Senioren ein wichtiges Thema, auch alleinerziehende Eltern, Arbeitslose, Menschen mit einer Beeinträchtigung oder immer mehr Familien sind darauf angewiesen, eine eher günstige Wohnung zu finden. Doch diese fehlen in Rotenburg und auch im gesamten Landkreis.
Michael Otten, Vorstandsmitglied in der Rotenburger Wohnungsbau-Genossenschaft (WBG), bestätigt den Bedarf: „In der Regel mieten Menschen Wohnungen, die sich ein Eigentum nicht leisten können“, erklärt er. Dementsprechend verfügen Mieter per se nicht über den ganz großen Geldbeutel. Als sozialverträglich würden etwa sechs Euro Kaltmiete pro Quadratmeter gelten. „Auf der anderen Seite ist der Neubau generell inzwischen sehr teuer geworden, daher müssen Wohnungen im Grunde teuer vermietet werden“, weiß er auch. Diesen Widerspruch könne man nur über entsprechende Fördermaßnahmen lösen. Das können Förderungen des Mieters sein, etwa über Wohngeld, das können aber auch Förderungen sein, die den sozialen Wohnungsbau unterstützen. „In den 1970er-Jahren hat man das so gemacht“, erinnert er sich.
Hoher Bedarf
Lara Dahlmann arbeitet ebenfalls bei der WBG, sie kümmert sich um die Vermietung. „Wir merken aktuell, dass die Menschen durch die Inflation knapperes Geld haben“, beschreibt sie die Lage. Das Unternehmen verzeichnet vermehrt Anfragen. „Vor allem die Zielgruppe, die gerade so viel verdient, dass sie eben kein Wohngeld bekommt, ist betroffen. Da wird es schwieriger, etwas Passendes zu finden“, weiß sie aus vielen Gesprächen. Otten ergänzt, dass Rentner, die auf eine barrierefreie Wohnung angewiesen sind, ebenfalls oft Probleme haben. „In den Altbauten fehlen die Aufzüge, in den Neubauten sorgen die Aufzüge für hohe Kosten“, erklärt er die problematische Ausgangssituation.
Auch im Wohnungsbestand der Genossenschaften befinden sich Wohnungen, die bislang nicht diesen Anforderungen entsprechen. „Als Genossenschaft legen wir aber nicht nur Wert auf die Wirtschaftlichkeit. Aktuell sanieren wir einzelne Wohnungen, etwa ,Am Lausebusch’ und ,Am Prüßenforth’, und die gestalten wir Stück für Stück barrierefrei um“, ergänzt er. In seinen Augen ist der demografische Wandel, also die älter werdende Gesellschaft, eine Herausforderung für die Wohnungswirtschaft.
Stadt fehlte bisher die Fördergrundlage
Auch Bürgermeister Torsten Oestmann sieht den Bedarf: „Wir haben hier eine Unterversorgung, das merkt man jeden Tag“. Schon im Wahlkampf habe er das in vielerlei Gesprächen gespürt, auch in seinen Bürgersprechstunden komme das Thema immer wieder vor. Dabei sei seiner Meinung nach der Begriff „sozialer Wohnungsbau“ zu Unrecht negativ behaftet. „Das Thema betrifft viele Anwohner, deren Einkommen einfach nicht reicht, um zu hohe Mieten zahlen zu können“, so Oestmann. Roman Lauchart, Bauamtsleiter der Stadt, weiß von Investoren, die sich über eine mögliche Förderung Gedanken machen – aber bislang fehlte eine Grundlage, um auch von städtischer Seite eine Fördermöglichkeit anzugehen.
Das könnte sich nun ändern, denn im Wirtschaftsausschuss des Kreistags wird am Mittwoch ein Wohnraumversorgungskonzept für den Landkreis vorgestellt. Das Papier stellt ein Novum dar. „Solch ein Konzept fehlte bislang, und ich bin dankbar, dass es jetzt kommt“, blickt Oestmann positiv auf diesen Impuls. Denn dieser sei die Grundlage, um weitere Pläne in Sachen sozialem Wohnungsbau anzugehen. Im Detail sei etwa zu klären, wie mit knappem Bauland, Nachverdichtung und eben auch Barrierefreiheit umzugehen sei. „Das ganze Thema ist definitiv eine Aufgabe für uns“, so Oestmann. Im Planungsausschuss der Stadt kamen vergangene Woche auf Basis dieser neuen Möglichkeiten schon private Sozialbau-Pläne, unter anderem für das frei werdende Lidl-Grundstück an der Brauerstraße zur Sprache.
Forderung nach kommunaler Gesellschaft für Wohnen
Als dringliche Aufgabe für den Landkreis sieht auch SPD-Fraktionsvorsitzender Bernd Wölbern das Thema. Im Namen seiner Fraktion hatte er bereits im März dieses Jahres einen Antrag auf die Gründung einer kommunalen Gesellschaft für Wohnen gestellt. „Wir haben hier noch viel Luft nach oben“, gibt er mit Blick auf die Situation im Landkreis an. Fehlen würden vor allem kleinere und bezahlbare Wohnungen, der Landkreis solle das Thema nicht noch weiter auf die lange Bank schieben. Dementsprechend steht nun zur Ausschusssitzung auch der im März gestellte SPD-Antrag wieder auf der Agenda.
Wohnraumversorgungskonzept
Die Bochumer „InWIS Forschung & Beratung GmbH“ hat ein 91 starkes Papier erarbeitet, um die Lage auf dem Wohnungsmarkt im Landkreis zu analysieren. Neben dem Konzeptpapier wurden 13 Kommunalsteckbriefe für die Städte, Samt- und Einheitsgemeinden erstellt. Als Fazit steht fest, dass es im Landkreis absolut betrachtet und auch in Relation zu den übrigen niedersächsischen Kreisen an preisgünstigem Wohnraum mangelt. Grundsätzlich ist in Niedersachsen die Vergabe von Fördermitteln für sozialen Wohnraum an ein entsprechendes Wohnraumkonzept gebunden – somit kann der Landkreis jetzt agieren.
