Drei Minuten für Omas Strümpfe

Pflege im Minutentakt: Ohne Blick auf die Uhr geht nichts – doch diese Frau hat „richtig Bock drauf“

+
Kompressionsstrümpfe ausziehen ist eine der typischen Spättour-Aufgaben von Daniela Lamping.
  • schließen

Mehr als eine Million Pflegebedürftiger lebt zu Hause und nimmt Dienstleistungen eines ambulanten Pflegedienstes in Anspruch. Daniela Lamping fährt regelmäßig von Tür zu Tür, um Blutwerte zu messen, Kompressionsstrümpfe auszuziehen und Medikamente zu verabreichen. Ein Tourbericht.

Lohne – In der Pflege gehe es eigentlich nur noch um Zahlen. Sagt Daniela Lamping, Gesundheits- und Krankenpflegerin, seit Juni Teamleiterin des Pflegediensts Pro Vita in Lohne, 37 Jahre alt. Trotzdem liebe sie ihren Job. Er sei für sie Berufung, nicht nur Beruf, sagt Lamping, und das meint sie ernst. Auf einer Spätdiensttour hat sie sich von unserer Zeitung begleiten lassen. Ein Abend, an dem klar wird, wie in der Pflege menschliche Bedürfnisse, Zeitvorgaben und Kalkulationen aufeinandertreffen. Jede Fahrt, jeder Besuch müssen minutengenau erfasst werden, denn die Krankenkasse zahlt Pauschalen. Dauert die Versorgung länger als vorgesehen, geht die Rechnung für den Pflegedienst nicht auf.

Ungeplantes muss so gut wie möglich in diesen strengen Plan eingetaktet werden, zum Beispiel Frau H., die bereits um viertel vor drei am Nachmittag angerufen hatte: Ihr Urostomabeutel, der den Urin aus ihrem künstlichen Blasenausgang auffängt, sitze nicht mehr ganz fest, der Urin laufe teilweise aus und durchnässe ihre Hose. Aber es gibt keine Mittagstour beim Pflegedienst Pro Vita in Lohne, und deshalb musste Frau H. warten.

Extra-Besuch in der ambulanten Pflege: Notfall mit dem Urinbeutel

Es ist nach 18 Uhr, als Lamping an Frau H.s Tür klingelt. Sie ist heute Nummer zehn der Tour, an dieser Stelle eingeschoben, weil gleich nebenan Herr E. wohnt, die Nummer neun. Bei Frau H. öffnet ein Mann in Unterhose, mit etwas schmierigen Haaren und Zigarette im Mund. Er schiebt den Rollator zur Seite, damit Lamping der sitzenden Frau H. helfen kann, sich aufs Bett zu legen, und er redet ohne Unterlass. Über den wegen des Malheurs ausgefallenen Kirchenkaffee, über die schlecht angepassten Kompressionsstrümpfe – „Sie hat ja ganz dicke Füße“ –, über alles und nichts.

Frau H. bleibt stumm. Sie atmet lediglich schwer, während Lamping den neuen Urostomabeutel sorgfältig fixiert. Nur einmal sagt Frau H. etwas: „Noch ein bisschen früh fürs Nachthemd.“ Also kein Umziehen. „Wir trinken heute Abend noch einen Wein“, erklärt der Mann. Und er werde hier übernachten, morgen früh müsse der Pflegedienst also nicht kommen. Draußen, auf dem Parkplatz, zieht Lamping das Handy aus der Tasche. Wie der Mann und ihre Pflegekundin zueinander stehen? Sie weiß es nicht, will es vielleicht auch gar nicht so genau wissen. Unter einer Laterne stehend tippt sie in die Whatsapp-Gruppe ihres Teams das, was für sie wichtig ist: „Morgen kein Einsatz bei Frau H.“.

Vor verschlossener Tür steht die Pflegerin selten: Im Zweifelsfall hat sie einen Schlüssel.

Insgesamt hat Daniela Lamping an diesem Abend 19 Menschen zu versorgen. Der Extra-Besuch hat 20 Minuten Verzug gebracht. Am Ende wird die 37 Kilometer lange Tour dreieinhalb Stunden gedauert haben, ohne Pause, von Tür zu Tür.

Pflege kommt um den genauen Blick auf Zahlen nicht herum. Die Branche wächst umso mehr, je stärker die Gesellschaft altert: Zählte das Statistische Bundesamt 2001 noch 10.600 ambulanten Dienste, waren es 2021 bereits 15.400. Mehr als verdoppelt hat sich in diesem Zeitraum ihre Kundschaft: 2021 buchten mehr als eine Million Menschen Leistungen eines ambulanten Pflegedienstes. Bis 2055 wird es Vorausberechnungen zufolge 6,8 Millionen Pflegebedürftige in Deutschland geben.

Wünsche der Pflegekunden zu erfüllen, klappt nicht immer

Das Handy klingelt, seit 17 Uhr hat Daniela Lamping zusätzlich zur Tour Rufbereitschaft. Sie fährt auf einen Parkplatz vor einem Hof und geht ran. Es ist ein Bewohner einer Einrichtung des Pflegediensts in Vechta, der Bescheid geben will, dass er sich nicht in seiner Wohnung, sondern im Café im Erdgeschoss aufhält. Es ist 17.50 Uhr, der Pflegedienst besucht ihn in der Regel zwischen 18 und 18.30 Uhr. „Ich gebe mein Möglichstes“, antwortet Lamping. Nachdem sie aufgelegt hat, schreibt sie eine Whatsapp-Nachricht.

Ob die zuständige Kollegin sie rechtzeitig lesen wird? Pflegewunsch und Pflegerealität klafften oft auseinander, sagt Lamping. „Dass sich der Pflegedienst danach richtet, das ist die Erwartung.“ Aber mittlerweile habe sich der Spieß umgedreht: Wer Dienstleistungen in Anspruch nehmen wolle, müsse sich nach dem Angebot des Pflegediensts richten.

Pflegerin Daniela Lamping bringt auf ihrer Tour einigen Kundinnen und Kunden auch Medikamente.

Denn so rosig die Zukunft auch aussieht, was die Nachfrage bei den ambulanten Pflegediensten angeht: Um rentabel zu sein, müssen die Einsätze der Pflegekräfte minutengenau geplant und ihre Touren optimiert werden. In dem guten halben Jahr, seitdem sie die Leitung übernommen habe, habe sie viel daran gearbeitet, die Touren ihres sechsköpfigen Pflegeteams effizienter zu planen, erklärt Lamping.

Seit Monaten springt sie zusätzlich bei den Touren ein, weil eine Kollegin ausgefallen ist. 80 Kundinnen und Kunden sind zu versorgen, die meisten täglich, manche aber auch nur einmal im Monat. Gegenüber von Lampings Schreibtisch hängt ein Stadtplan von Lohne, bunte Pins auf einem Stadtplan markieren Einsatzorte und -häufigkeiten. Sonderwünsche zu berücksichtigen ist da kaum drin. „Ein Stück weit muss uns der Kunde entgegenkommen.“

Die Menschen, die die Pflegerin an diesem Abend versorgt, haben ganz unterschiedliche Bedürfnisse. Manche brauchen Hilfe beim Waschen, eine Insulinspritze, einen neuen Stomabeutel, andere nur einfache Dienstleistungen: Medikamente vorbeibringen, die Einnahme überwachen, Kompressionsstrümpfe ausziehen. „An manchen Tagen denke ich auch: Was soll das?“, sagt Lamping. Wenn die erwachsenen Kinder in der Küche sitzen, sie aber trotzdem extra kommen muss, um der Oma im Nebenzimmer die Strümpfe abzurollen. Zeitvorgabe: drei Minuten.

Wenn der Pflegedienst kommt, läuft der Fernseher in der Regel weiter

Frau B. allerdings ist ohne Zweifel auf Hilfe angewiesen. „Frau B. ist eigentlich nichts mehr für zu Hause“, sagt Lamping. Aber die Angehörigen wünschten es sich so, die alte Frau soll nicht ins Heim ziehen. Fünf von sechs Pflegebedürftigen werden laut Statistischem Bundesamt zu Hause versorgt. Auch gut die Hälfte derjenigen mit dem höchsten Pflegegrad 5 lebt weiterhin in den eigenen vier Wänden.

Im gefliesten, langen Flur des großen Hauses von Frau und Herrn B. riecht es nach Urin. Urkunden aus den 90ern hängen an der Wand, eine gratuliert zur 25-jährigen Gewerkschaftsmitgliedschaft, eine andere wünscht im Ruhestand Gesundheit. Lamping öffnet die Tür zum Wohnzimmer. Der Fernseher läuft, auf dem Sofa sitzt, klein und zierlich, Frau B. auf einer dunkelgrünen Decke. Ihr Mann schaut vom Sessel aus auf den Bildschirm.

Es ist das erste Mal an diesem Abend, dass jemand den Ton leise stellt, wenn die Pflegerin hereinkommt. Sie hilft der alten Frau an den Rollator. In Pantoffeln schlurft Frau B. zentimeterweise Richtung Bad. „Ich kann nicht“, jammert sie immer wieder. „Doch, du kannst.“ Vier-, fünfmal wiederholen Lamping und Frau B. diese Worte, bis sie das Bad erreichen. Als Frau B., nun in Schlafanzug und Strickjacke, wieder auf das Sofa sinkt, atmet sie schwer. 13 Minuten sind vergangen.

Sobald sie die Schwelle übertritt, startet Lamping auf dem Diensthandy die Zeitmessung für ihren Besuch.

Viele der Türen, hinter denen Lampings Kundinnen und Kunden leben, sind unverschlossen. Sie öffnet und schließt sie, als wohnte sie selbst dort. Schnell sei sie mit allen per Du gewesen, erzählt Lamping, es ist zu spüren, dass ihr das wichtig ist. Manchmal verfällt sie ins Platt, oft in einen locker-scherzhaften Ton. Aber es ist keine muntere Besuchstour, es gibt kein großes Hallo. Eher scheinen die alten Leute ihren Besuch als Selbstverständlichkeit hinzunehmen.

Bei manchen wisse sie das von vornherein, sagt Lamping. Zum Beispiel beim rauchenden, vor seinem PC sitzenden Herrn G., dem sie die Tabletten und ein Glas Wasser anreicht, wartet, bis er schluckt, und dann wieder geht. „Ich habe hier nicht mal 60 Sekunden gebraucht. Der will mich auch nicht länger da haben, der will seine Youtube-Videos gucken.“

Zu Frau K. kommt man über die Garage

Bei anderen ist gar nicht klar, was sie eigentlich wollen – und was sie mitbekommen. Wie bei Frau K., die im Haus ihrer Tochter lebt. Lamping betätigt einen Öffner, daraufhin schiebt sich das Garagentor des Einfamilienhauses langsam nach oben. Es gibt den Blick auf nackten Betonboden, ein riesiges Paket und Fahrräder frei. Zur Linken öffnet Lamping eine Tür, dahinter stehen auf weißen Fliesen ein Katzenbaum, Waschmaschine und Trockner. Und noch eine Tür weiter lebt Frau K.. Lamping misst ihren Blutzuckerwert, spritzt Insulin und zieht ihr die Kompressionsstrümpfe aus. Zeitvorgabe: zehn Minuten.

Frau K. trägt eine wollige Strickjacke und einen Dutt und lächelt. Ihr Fernseher zeigt eine Sendung in einer fremden Sprache, es ist unklar, ob sie versteht, was die Pflegerin ihr sagt. Der Kater versteht: Ich bekomme eine Streicheleinheit. Frau K. lächelt zum Abschied.

[Die wichtigsten Nachrichten von kreiszeitung.de für Ihre Region gibt es jetzt auch bei WhatsApp. Hier können Sie unseren kostenlosen WhatsApp-Kanal abonnieren.]

„Die Situation ist nicht so, wie ich meine Mutter versorgen würde“, sagt Lamping im Auto, während das Garagentor langsam wieder herunterrollt. Aber was soll sie tun? Frau K. sei versorgt, werde – in der Dusche neben Waschmaschine und Katzenbaum – regelmäßig gewaschen. Ihr bloßes Unbehagen, dass die alte Frau in einem Hinterzimmer mit Toilettenstuhl lebt, sei für die Krankenkasse kein Grund, einzugreifen.

„Ich gehe momentan richtig in diesem Job auf“

„Ich wollte eigentlich nie ambulante Pflege machen“, sagt sie. Langweilig sei ihr das vorgekommen, zu wenig fordernd. Als Teamleiterin ist sie eigentlich für die Büroarbeit eingestellt worden, Organisation und Zahlen. Doch sie ist froh, dass sie Gelegenheit hat, rauszukommen, die Menschen kennenzulernen. „Ich gehe momentan richtig in diesem Job auf. Ich hab richtig Bock drauf.“

Nach gut dreieinhalb Stunden klickt sie auf dem Diensthandy auf „Tour beenden“. Das Handy ist ihre Stechuhr, jeder einzelne Besuch muss abgehakt werden und wird so mit einem Zeitstempel versehen. Auf dem Computer kann Lamping sich später die Auswertung anschauen, die abgleicht: Wie viel Zeit ist für die Versorgung vorgesehen, wie lange hat sie gedauert? Wie lang ist die berechnete und wie lang die tatsächliche Fahrzeit? Bei Grün ist alles in Ordnung, bei Rot war sie zu langsam. Im Durchschnitt hat heute alles gepasst.

Leider nur hat das Handy sie nicht daran erinnert, bei Frau Z. die große Medikamentenbox abzuliefern. Jetzt ist es nach 20 Uhr. „Ich mag da so spät nicht unangekündigt aufschlagen“, sagt Lamping. Sie wird die Box morgen abliefern. Auf der Frühdiensttour, ab sechs Uhr.

Kommentare