VonAndreas Schultzschließen
Jedes Jahr sorgt der Herbst für dunkle Arbeits- und Schulwege – und jedes Jahr kommt das für manche überraschend. Die Polizei Rotenburg konfrontiert während ihrer Lichtkontrollen zum Jahreszeitenwechsel Rad- und E-Bike-Fahrer gern mit der fehlenden Verkehrssicherheit ihrer jeweiligen Vehikel.
Rotenburg – Daniel Motzkaus Stimme dringt durch das Dämmerlicht der Fußgängerzone. „Guten Morgen, kannst du mal bitte anhalten?“, sagt der Polizeikommissar zu einem Jugendlichen, der gerade mit dem Fahrrad auf ihn zufährt. Der Junge hält, zeigt sich gesprächsbereit. „Man sieht dich gar nicht“, lässt Motzkau den Schüler wissen.
Unfälle verhindern, Leben retten
Es ist Herbst, die Tage werden kürzer – entsprechend sind die Arbeits- und Schulwege mobiler Menschen aufgrund der Dunkelheit gefährlicher als sonst. Unfälle verhindern, Verletzungen vorbeugen, vielleicht sogar Leben retten: Das sind die mittel- und langfristigen Ziele, welche die Polizei Rotenburg verfolgt, wenn sie aktuell wieder verstärkt auf Lichtkontrollen setzt.
„Sehen und gesehen werden“, lautet aus Sicht von Tobias Koch das Geheimrezept, das eigentlich keins ist. Der Kontaktbeamte betont dabei vor allem die zweite Komponente: Gesehen werden ist der Schlüssel zum unversehrten Ankommen am Zielort. Das werde in Zeiten, in denen gerade gedeckte Farben bei der Kleidung modisch sind, nicht unbedingt leichter. „Alle sind so dunkel angezogen“, findet er. Dabei könne man schon mit kleinen Mitteln, etwa Reflektorbänder, zusätzliche Sichtbarkeit schaffen.
Es sieht gut aus an diesem Donnerstagmorgen: Die meisten Menschen, die auf Fahrrädern und E-Scootern über den Pferdemarkt fahren wollen, sind gut ausgeleuchtet. Ein junger Mann fährt sogar mit gleißenden erleuchteten LED-Schuhen vorbei. „Das lasse ich gerne durchgehen“, sagt Motzkau und lacht. Allerdings lässt er nicht jeden einfach so vorbei. Der junge Mann vom Anfang der Geschichte muss aber nicht lange anhalten. Auf seine Frage, was er jetzt zu tun habe, hat der Kommissar eine einfache Antwort: Das einfachste Mittel ist der Kauf von Stecklichtern mit Batterie- oder Akkubetrieb – gibt es in den meisten Supermärkten. „Aber bevor die dran sind, kannst du kein Fahrrad mehr fahren“, bestimmt Motzkau.
„Vorhin ging das Licht noch“
Der junge Mann zeigt sich einsichtig: „Ich will versuchen, dass es beim nächsten Mal anders ist“, sagt er. Ohnehin gibt es an diesem Donnerstagmorgen keinen großen Widerspruch. Einer der angesprochenen Lichtlosen will wortlos an den Beamten vorbeischieben, um Diskussionen aus dem Weg zu gehen. Andere halten Ausreden bereit: „Das wollte Papa heute reparieren“ oder „Vorhin ging das noch“. Etwa zehn, fünfzehn Mal sprechen die Beamten Menschen auf nicht verkehrssicheren Vehikeln an – eine verschwindend geringe Zahl im Vergleich zu der Masse an ordnungsgemäß ausgestatteten Passanten, die freundlich grüßend vorüberziehen.
„Bisher läuft es sehr positiv“, sagt Christoph Steinke, Verkehrssicherheitsberater der Polizeiinspektion Rotenburg. Das könne aber auch an dem ungemütlichen Regenwetter liegen, bei dem so mancher Schüler dann doch eher auf das Elterntaxi zurückgreift.
Drei tote Radfahrer in 2022
Steinke zufolge tauchen in der Unfallstatistik abseits der Corona-Jahre zwischen 230 und 250 Verkehrsunfälle mit Radfahrern jährlich auf, 170 davon mit Verletzten, im zurückliegenden Jahr drei mit Todesfolge. Die Zahlen seien aber mit Vorsicht zu genießen, denn nicht jeder Sturz, nicht jede Kollision ohne Folgen wird auch gemeldet. Wie groß die Anzahl der Unfälle ist, die auf mangelhaft beleuchtete Fahrzeuge zurückzuführen ist, lasse sich anhand der Erhebungen aber nicht feststellen. Im Vergleich zu rund 5 500 Unfällen allgemein falle die mit Radlerbeteiligung zwar erfreulich gering aus – „aber fahren ohne Licht bleibt trotzdem gefährlich“, sagt Steinke und fügt hinzu: „Vielleicht bringt die Kontrolle ja was.“
Auf die Bürger hat sie jedenfalls ihren Effekt. Wer in der Fußgängerzone plötzlich auf vier Uniformierte zufährt, verhält sich anders. Mancher wird nervös, zum Teil selbst gut beleuchtete Verkehrsteilnehmer. Wer es schlicht vergessen hat, schaltet sein Licht während der Fahrt an oder steigt schnell ab. Eine kurze Ansprache mit mündlicher Verwarnung gibt es dann trotzdem.
Bescheide über Verwarngelder stellen die Beamten an diesem Morgen allerdings nicht aus – verbunden mit der Hoffnung, dass eine freundliche Erinnerung den passenden Effekt hervorruft. Laut ADAC werden 20 Euro bei der Radfahrt ohne Licht fällig, je nach Gefährdungsgrad auch mal mehr. Ein Bußgeld über möchten die Rotenburger Polizisten möglichst nicht ausstellen – „wir haben nichts davon, den Leuten ihr Geld abzuziehen“, macht Motzkau deutlich. Das Verwarngeld ist eher reserviert für Wiederholungstäter.


