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Rund 1. 000 Menschen demonstrieren am Samstagmittag in der Rotenburger Fußgängerzone. Die Botschaften sind eindeutig - und die Aufgaben für die Politik groß.
Rotenburg – So einen Andrang wie am Samstagvormittag hat die Rotenburger Fußgängerzone wohl nur selten erlebt. Bereits vor dem offiziellen Start der von den Kreisgrünen initiierten gemeinschaftlichen Kundgebung gegen Rassismus, Ausgrenzung und Hass strömten hunderte Teilnehmer Richtung Geranienbrücke. Partei- und Vereinsgruppen, ältere Bürger, Familien mit Kindern – allerdings kaum Jugendliche und junge Erwachsene. Plakate wie „Fck Nazis“ oder „Bunt statt Braun“ machen klar, worum es hier geht; die Flaggen von GEW, den Grünen oder dem DGB verdeutlichen die Vielfalt der Gruppen und Institutionen, die im Schulterschluss ein Zeichen setzen gegen Rechtsextremismus. So sind der aus einer Bank improvisierten Rednerbühne Redner fast aller Parteien vertreten, dazu Vertreterinnen der „Omas gegen Rechts“ und der Landfrauen.
Rotenburg gegen rechts: Tausend Menschen versammeln sich in Fußgängerzone
Sie alle treibt die Sorge über den Rechtsruck in der Gesellschaft um; wie ernst die Lage ist, machen die verlesenen Zitate von Abgeordneten der AfD deutlich, die ob ihrer Menschverachtung so manchen Zuhörer schlucken lassen. Zuvor hat Bürgermeister Torsten Oestmann eine Sensibilisierung auf allen Ebenen gefordert: „Unsere schnelle mediale Zeit lädt förmlich dazu ein, Lügen und Unwahrheiten zu verbreiten und so unter einem digitalen Deckmantel rechte rassistische Ideologien zu streuen!“ Der Co-Vorsitzende des SPD-Unterbezirks Rotenburg, Sebastian Brandt, fordert „Respekt für jeden Einzelnen in einer Gesellschaft, in der Vielfalt als eine Stärke betrachtet wird.“
Aber auch selbstkritische Töne sind am Mikro zu hören. Landtagsabgeordneter Eike Holsten (CDU) thematisiert den Vertrauensverlust in die Politik: „Wir müssen uns als etablierte Parteien selbst fragen: Was haben wir falsch gemacht, das die Fliehkraft nach rechts und links größer wird?“ SPD-Vorsitzender Lars Klingbeil, der hier gefeiert wird wie ein Star, betont in seiner rhetorisch geschliffenen Rede: „Wir müssen unsere Sache besser machen in Berlin!“ Als er ein Plakat „Bauern gegen Rechts“ sieht, lobt er „ihre Standhaftigkeit und Wehrhaftigkeit gegen braune Unterwanderung“. Das wird ebenso beklatscht wie der pragmatische Appell von Landfrauen-Vertreterin Ilka Holsten-Poppe, im Alltag den Dialog mit Andersdenkenden zu suchen: „Setzt Euch im Verein oder in der Mittagspause bei der Arbeit zu Leuten, mit denen ihr sonst nicht redet, bleibt im Gespräch!“ Denn Eines ist allen hier klar: So wichtig die heutige Demonstration als Symbol ist – dem Rechtsruck im Land muss anders entgegengewirkt werden. „Das braucht den Alltag, Zivilcourage, Gespräche beim Fußball oder bei der Arbeit“, so Holsten. Gleichwohl ist für viele hier die Demonstration ein wichtiges Zeichen: „Wir zeigen, dass die Mehrheit nicht dieser Meinung ist, wir sind mehr“, meint SPD-Co-Kreisvorsitzende Ina Helwig. „Diese Einigkeit stärkt all denjenigen den Rücken, die im Alltag eine klare Kante gegen Rassismus zeigen.“
Das sagt der Veranstalter Sven Kielau (Grüne)
Sind Sie mit der Kundgebung in Rotenburg zufrieden?
„Absolut. Nicht nur mit der Zahl der Teilnehmer, mit der wir so nicht gerechnet hatten, sondern vor allem auch mit der Vielfalt der Gruppierungen. Viele springen über ihren Schatten zugunsten eines breiten Bündnisses, um im Schulterschluss das Einende im Kampf gegen den Rechtsextremismus zu betonen. Nachdem wir Freitag vor einer Woche die Idee zur Kundgebung hatten und sie am Montag beim Ordnungsamt angemeldet haben, waren die meisten Parteien sofort dabei, ebenso wie Bündnisse wie DGB, Verdi oder die Landfrauen.“
Was ist mit der Jugend, warum fehlte die weitgehend?
„Auf die müssen wir in Zukunft im Vorfeld verstärkt zugehen, da lernen wir noch.“
Sind Demonstrationen überhaupt noch ein probates Mittel, um gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen in Anbetracht der Tatsache, dass die AfD hier eher in den Sozialen Medien ihre Präsenz zeigt als in der Kreispolitik und damit gerade jüngere Zielgruppen mobilisiert?
„Kundgebungen wie diese zeigen, dass die AfD von der Mehrheit der Menschen hier nicht toleriert wird. In Zukunft dürfen wir aber die Sozialen Medien wie Tiktok nicht der AfD überlassen. Für die nächste Europawahl haben wir Grünen das auf dem Zettel.“
All das wird von Frank Embers gelebt, der hier mit GEW-Genossen demonstriert. „Wir haben Schüler, die AfD wählen würden, aber gar nicht wissen, was das bedeutet – die bekommen das von zuhause mit“, berichtet der Politiklehrer. Er und seine Kollegen betreiben Aufklärungsarbeit; „wir machen die Kinder stark, damit sie das nach Hause tragen!“ Der Aufruf zur Toleranz, er wird vor Ort praktiziert. Ein Schild, das im Meer konsensfähiger Parolen auffällt: „AfD ausgrenzen stärkt die AfD“. Der Träger kommt mit einigen Umstehenden ins Gespräch. „Dein Schild triggert mich“, meint ein anderer Teilnehmer. In der Sache bestimmt, aber sachlich werden Argumente ausgetauscht, beide Seiten hören einander zu.
Was viele hier vermissen, ist eine Stellungnahme der Politiker zum Verbot der AfD, das dieser Tage immer wieder diskutiert wird. „Von Lars Klingbeil als Abgeordnetem des Bundestages hätte ich mir ein paar Worte dazu gewünscht“, meint Britta Schumann aus Selsingen. Er betont auf Nachfrage unserer Zeitung, dass dies keine rein politische Entscheidung sei. Der Staat habe zwar das Recht, Verbote vorzunehmen. Diese müssten aber auch einer gerichtlichen Prüfung standhalten. „Wir sind heute aber erstmal hier, um politisch zu kämpfen.“ Ähnlich äußert sich Eike Holsten: Das Verfahren sei langwierig, „man muss das jetzt politisch angehen“. Er führe wöchentlich ein Dutzend solcher Gespräche; „wir müssen herausfinden, warum Leute AfD wählen.“
Nach Schätzung der Veranstalter und der Polizei sind an diesem Vormittag rund 1 .000 Teilnehmer vor Ort. Allerdings kehren viele schon bald wieder um, als sie merken, dass kein Durchkommen ist und die Redner auf der zur Bühne umfunktionierten Bank nicht zu sehen und mitunter auch nicht zu hören sind. „Ein denkbar schlechter Ort hier, schade“, meint eine ältere Dame. Angst habe sie nicht, ihren Namen zu nennen, aber der Gatte sei hier Geschäftsmann. „Wir haben uns schlicht und einfach verschätzt“, gibt Sven Kielau von den Grünen zu, die die Demonstration Anfang der Woche angemeldet hatten; gerechnet hatte man ursprünglich mit 200 bis 500 Teilnehmern. Einige wie Johanne Knipper aus Scheeßel hätten sich eine Laufstrecke für den Demonstrationszug gewünscht. All das nehmen die Veranstalter mit, fürs nächste Mal – denn dass Rassismus und Rechtsextremismus bald vom Tisch sind, kann sich hier keiner vorstellen.
Ein Kommentar von Michael Krüger
Rotenburg zeigt klare Haltung: Gut so!
Ausreden finden sich eigentlich immer. Der Rasen ist noch zu mähen, der Schnee zu schippen, ein Kuchen zu backen oder der Einkauf zu erledigen. Rotenburg ist nicht berühmt dafür, sich gemeinschaftlich für eine Sache zu engagieren. Den Arsch vom Sofa hoch zu bewegen, fällt vielen dann doch schwer. Bequemer geht es immer. An diesem Samstagmittag hat unsere liebe Kreisstadt aber gezeigt, dass sie auch anders kann.
Über alle Parteigrenzen hinweg bis hin zur Grenze nach Rechtsaußen versammelt man sich. Kirche und Gewerkschaften schließen sich an, die Zivilgesellschaft zeigt sich ebenso bunt zusammengewürfelt wie gemeinschaftlich entschlossen, um klar zu machen: Wir sind die Mehrheit und wir schweigen nicht, wenn es um menschenverachtende und nationalistische Politik geht. Bundesweit gehen in diesen Tagen Hunderttausende Menschen auf die Straße, bis in unsere beschauliche Kleinstadt wird sich bewegt. Nicht, weil es gerade „in“ ist oder die linksversiffte Mitte nichts Besseres zu tun hat, sondern weil die Menschen ein wichtiges Anliegen haben. Wer sich gegen Nazis und faschistische Ideen, gegen Hass und Fremdenfeindlichkeit engagiert, ist dabei kein autonomer Linksradikaler oder Steineschmeißer, sondern erstmal nur ein Demokrat, der eben gegen Nazis ist. Ende.
So traurig der Anlass ist, dass in Rotenburg nach vielen Jahren wieder gegen jene demonstriert werden muss, die die Demokratie abschaffen wollen für ihre Zwecke, so schön ist es, sehen zu dürfen, dass Jung und Alt, Menschen ganz unterschiedlicher Ausrichtungen eins nicht egal ist: die große Errungenschaft unserer freiheitlichen und friedlichen Grundordnung.





