VonHeinrich Krackeschließen
Acht Tage hängen sie jetzt schon auf ihrer Insel fest, die Menschen in der Verdener Ortschaft Eissel. „So langsam ist es mit dem Genießen vorbei“, sagen sie.
Eissel – Sie haben sich inzwischen damit abgefunden. Eissel in Insellage, das wird länger dauern. So viel steht fest. Deutlich über die fünf Tage hinaus, auf die sie sich zunächst eingestellt hatten. Und nun also das nächste Thema. Für gut ein Dutzend Eisseler Kinder geht es am Montag wieder in die Schule. Einige nach Dauelsen, einige zum Verdener Campus, einige zu den Gymnasien. „Klar, sie werden mit dem Boot übergesetzt“, sagt Ortsbrandmeister Jürgen Henke. „Aber anschließend muss der Bustransport funktionieren.“ Das bedürfe einiges an Abstimmung.
Hochwasser-Insel Eissel: Hoffnung auf Sonntag
Das Problem, das an Tag acht der Insellage zu klären war, ist aber noch ein anderes. Es muss nicht nur der Bus zum Sachsenhain beordert werden, dorthin, wo die Kurzzeit-Insulaner Festland betreten, dieser Bus muss auch genauso schnell wieder abgemeldet werden können. Denn irgendwo ist sie da, die Hoffnung auf ein Ende der Abgeschiedenheit, die Hoffnung, den nächsten Ort wieder per Auto erreichen zu können. Täglich mehrfach holen sie Pegelstände ein. „Das schwankt. Mal steigen sie leicht, mal fallen sie leicht.“ Aber wenn jetzt alles nach Plan laufe, wenn die langjährige Erfahrung mit dem Hochwasser nicht trüge, immerhin ist Eissel nicht das erste Mal abgeschnitten, wenn die Einschätzungen also zutreffen, dann wäre es am Sonntag so weit. „Es mehren sich die Anzeichen, dass wir dann zum ersten Mal in Richtung Langwedel fahren können“, sagt Henke. Die Kreisstraße nach Verden indes sei noch längere Zeit unpassierbar.
Sie sitzen immer noch in einem Boot. Andre Schröder, Heiko Seekamp und Ralf Bohling touren über die riesige Seenplatte, über das Eisselmeer in Richtung Verden und wieder zurück. Manchmal dreimal die Stunde, in der Rush-Hour zum Beispiel, morgens im ersten Morgengrauen, nachmittags bis zum Einsetzen der Dunkelheit. Den ganzen Tag auf rauer See, das ist kein wohltemperiertes Vergnügen. Kürzlich gingen ihnen besondere Handschuhe zu, die sowohl gegen Kälte als auch gegen Nässe ihren Dienst leisten. Mittwoch verliefen die Fahrten zudem etwas heftiger. „Sturmböen herrschten, ein kräftiger Seegang. Das war nicht jedermanns Sache.“ Mehr als 900 Leute haben sie inzwischen hin und her kutschiert. „Es geht auf die 1000 zu“, sagt Henke. Ablösung gab es weder auf dem Schiff noch beim ÖPNV zwischen Inselmitte und dem Anleger. „Den Trecker fährt Christian Hustedt.“
Eingependelt hat sich inzwischen die Versorgung mit fast allem. Die Post hatte rechtzeitig einen Wagen nach Eissel gebracht, jetzt kann der Zusteller am Sachsenhain ins Boot und auf Eissel in sein Fahrzeug steigen, und alles ist wie immer. Auch die Zeitung kommt an. Rund 30 Exemplare, die sich am Anlieger bei Dauelsen stapeln, per Schiff auf die Insel gelangen und im Feuerwehrhaus zum Abholen bereit liegen. Nur die Lebensmittel-Versorgung, die hatten sie sich etwas anders vorgestellt. Bevorratet hatten sich die Eisseler Haushalte für fünf Tage. Sollte am Sonntag tatsächlich Schluss sein mit der Isolation, dann wären sie bei elf. Längst noch kein Rekord. Ältere Eisseler erinnern sich, Anfang der 80er-Jahre saßen sie 14 Tage fest. Aber schon ein Zeitraum, in dem Nachschub her muss. „Zu Einkaufsfahrten sind wir bereits häufiger aufgebrochen. Da wird natürlich auch beim Nachbarn gefragt, ob er was braucht“, sagt Henke. Brot, Aufstrich, Nudeln, halt alles, was nicht zu schwer ist, um es ins Boot zu heben und später an Land, all das wandert auf die Insel.
„98 Prozent der zu befördernden Personen sind Eisseler“, sagt der Ortsbrandmeister. Die restlichen zwei Prozent erklären sich mit einem Blick in und auf die Medien. Kaum eine Zeitung, kaum ein Fernsehsender, der nicht Fotos oder Filme vom Boot auf dem Binnengewässer zeigte. Zuweilen sei es schon ein bisschen viel geworden mit den Anfragen. „Wir sind der Presseabteilung der Kreisfeuerwehr dankbar, dass sie eine für alle Seiten akzeptable Lösung gefunden hat.“
Aber so langsam ist es vorbei mit dem Genießen der Insellage. „Die Lust schwindet“, sagt der Ortsbrandmeister. So etwas wie Inselkoller stelle er noch nicht fest, aber vor allem bei denen, die zum ersten Mal einem solchen Szenario ausgesetzt sind, schlügen die Wellen sozusagen so langsam höher. Eine Hilfe seien immer noch die sogenannten Pegelgespräche, die inzwischen jeden zweiten Abend stattfinden, aber, doch, so langsam könnte es aufhören. Für Sonnabendabend haben die Eisseler noch einmal einen Doppelkopf- und Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Abend angesetzt. Sie hoffen, dass es das letzte Pegelgespräch sein wird. Für dieses Hochwasser zumindest.
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