VonJohannes Nußschließen
Niedersachsen schlägt Alarm: Inflation und Energiekosten explodieren. Droht eine Zerreißprobe der Gesellschaft? Die Statistik spricht eine deutliche Sprache.
Hannover – Etwa jeder Vierte unter 25 Jahren in Niedersachsen ist von Armut bedroht. Das geht aus den aktuellsten Zahlen des Landesamts für Statistik Niedersachsen hervor, die am Donnerstagvormittag, 1. September 2022, in Hannover vorgestellt wurden. Zahlen, die alarmieren, denn auch andere Gruppen sind von einer sozialen Schieflage mehr als nur bedroht. Erst Anfang August hatte die Landesarmutskonferenz mit einer Aktion vor dem Finanzministerium in Hannover auf soziale Probleme aufmerksam gemacht.
Soziale Schieflage in Niedersachsen? Laut Statistikamt ist jeder Vierte unter 25 Jahren armutsgefährdet
Angesichts steigender Inflation und explodierender Energiekosten hat die Landesarmutskonferenz am Donnerstag vor einer dauerhaften sozialen Schieflage in Niedersachsen gewarnt. Die Tendenz für die nächste Zeit sei bedrohlich, sagte der Geschäftsführer der Landesarmutskonferenz, Klaus-Dieter Gleitze, mit Blick auf die aktuelle Statistik. Auch wenn die Ampelkoalition in Berlin mit einer Inflationsprämie unter die Arme greifen will.
„Die Zerreißprobe für unsere Gesellschaft liegt nicht nur im materiellen Wohlstandsverlust breiter Schichten und der Ausbreitung von Massenarmut. Die ständigen, sich verstärkenden Krisen ohne absehbare Aussicht auf Besserung verstärken auch die psychischen Belastungen“ sagte der Geschäftsführer.
Drohende soziale Schieflage in Niedersachsen: Kinder und Jugendliche überdurchschnittlich gefährdet
Nach Angaben des niedersächsischen Landesamts für Statistik nahm die Gefahr der Altersarmut in der Corona-Pandemie zu: 2021 waren demnach 17,9 Prozent der Menschen über 65 Jahre von Armut gefährdet, 2019 waren es früheren Angaben zufolge noch 15,4 Prozent. Im Alter über 65 Jahren waren 2021 vor allem Frauen (20,2 Prozent) von Armut bedroht, unter den Männern waren es 15,2 Prozent. Unabhängig vom Alter lag die Armutsgefährdung 2021 im Landesdurchschnitt bei 16,8 Prozent. Das ergibt sich aus der aktuellen Ausgabe des Statistikteils der Handlungsorientierten Sozialberichterstattung.
Überdurchschnittlich armutsgefährdet waren aber nicht nur Senioren, sondern auch Kinder und Jugendliche (21,0 Prozent) und junge Erwachsene bis 25 Jahre (24,8 Prozent). Auf existenzsichernde Hilfen des Staates waren im ersten Corona-Jahr 2020 insgesamt 684.861 Menschen in Niedersachsen angewiesen – und somit 0,7 Prozent mehr als noch im Jahr 2019. Der Anteil an der Bevölkerung nahm um 0,1 Prozentpunkte auf 8,6 Prozent zu. Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des monatlichen Nettoeinkommens vergleichbarer Haushalte zur Verfügung hat.
Drohende soziale Schieflage in Niedersachsen: Bald gesamtes Einkommen nur für Lebensunterhalt
Gleitze warnte, 60 Prozent aller Haushalte würden absehbar ihr gesamtes Einkommen für den Lebensunterhalt ausgeben müssen und könnten keine Rücklagen für Notsituationen bilden. Arme und zunehmend auch Menschen mit normalen Einkommen stünden angesichts des Winters mit extremen Energiekosten vor der Frage, wie lange das Geld im Monat für Ernährung reiche. Dies produziere Ängste und Aggressionen und sei ein idealer Nährboden für Rechtspopulisten. Die geplanten Energiesparmaßnahmen geben ihres dazu.
Die Landesarmutskonferenz forderte die vollständige Stromkostenübernahme bei Hartz IV und Grundsicherung durch die Jobcenter, einen Gaspreisdeckel für eine Energiegrundsicherung, höhere Hartz-IV-Regelsätze und Grundsicherung, einen nationalen Aktionsplan zur Armutsbekämpfung und eine Übergewinnsteuer. Superreiche sollten zudem an der Finanzierung des Gemeinwesens beteiligt werden - per Vermögensabgabe.
Rubriklistenbild: © Uwe Zucchi/dpa

