Staatsanwaltschaft Verden: Hinweise zu RAF-Terroristen lösen weitere Ermittlungen aus

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Auch am Landgericht Verden waren Fahndungsplakate des Landeskriminalamtes Niedersachsen mit der Fahndung nach ehemaligen Mitgliedern der Rote-Armee-Fraktion (RAF) ausgehängt.
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Die mit Hochdruck gesuchten drei Terroristen der Rote-Armee-Fraktion (RAF) haben offenbar Spuren auch in der Region hinterlassen. Darauf deuten erste Hinweise hin, die nach der öffentlichen Fahndung in der ZDF-Sendung Aktenzeichen XY beim Landeskriminalamt Hannover eingegangen sind.

Verden – „Zumindest wissen wir, es gibt zahlreiche Hinweise aus Niedersachsen“, sagt auf Nachfrage Alexander Hege von der federführenden Staatsanwaltschaft Verden. Näher eingrenzen lasse sich die Herkunft der Anrufer nicht, und damit auch nicht die möglichen zwischenzeitlichen Bewegungsprofile des Trios. Voran gekommen sei man dennoch. „Auf jeden Fall lösen die Hinweise weitere Ermittlungen aus“, so Hege.

Auf der Suche nach Ex-RAF-Terroristen: „Inzwischen haben sich 212 Personen gemeldet“

Ein ungewöhnliches Echo hatte die erneute Ausstrahlung der Sendung Aktenzeichen XY ausgelöst. Waren bereits am Tag der Sendung 52 Hinweise eingegangen, so läpperte es sich an den folgenden Tagen erheblich. „Inzwischen haben sich 212 Personen gemeldet“, berichtet Hege über den Zwischenstand am Freitagmorgen. Der Verdener Oberstaatsanwalt Koray Freudenberg hatte die Taten im TV erläutert. Zu sehen war erneut der mit äußerster Brutalität durchgeführte, aber letztendlich gescheiterte Überfall auf einen Geldtransporter in Stuhr. Die Gemeinde aus dem obersten Nordwesten des Landkreises Diepholz liegt im Bezirk der Staatsanwaltschaft Verden, die deshalb die Federführung in diesem Fall übernahm. Nicht zum ersten Male, dass die Tat aus dem Jahr 2015 republikweit über die Bildschirme flimmerte. Nach früheren Ausstrahlungen verliefen die Ermittlungen allerdings im Sande.

Jetzt gibt ein anonymisiertes Hinweissystem auf der Suche nach den Ex-RAF-Terroristen neue Hoffnung. Informanten konnten und können sich über die Software BKMS melden, ohne dass sie ihre Herkunft preisgeben müssen. Auch die Fahnder haben bei diesem verschlüsselten Zugang, der ursprünglich für sogenannte Whistleblower aus der freien Wirtschaft entwickelt wurde, keine Möglichkeit, auf die Herkunft der Hinweise zu schließen. Freudenberg hatte den anonymen Zugang in der ZDF-Sendung besonders in den Fokus gerückt. Er sei gedacht für Familienmitglieder der drei Ex-Terroristen. Auch ehemalige Unterstützer und Freunde seien aufgerufen, sich zu melden. Eine Strategie, die offenbar nicht ohne Erfolg geblieben ist. Jeder dritte Hinweisgeber habe sich über BKMS gemeldet, bis Freitagmittag immerhin schon 67 an der Zahl, wie Hege auf Nachfrage sagte.

Nach Jahrzehnten auf der Flucht könnte sich damit das Netz der Ermittler enger um das Trio mit Ernst-Volker Staub (69), Burkhard Garweg (55) und Daniela Klette (65) ziehen – lange nach Auflösung der linksterroristischen Roten Armee Fraktion (RAF) im Jahr 1998.

Belohnung bis zu 150.000 Euro für Hinweise: RAF als Inbegriff von Terror und Mord

Zielfahnder versuchen das Trio seit 2015 aufzuspüren, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen versuchten Mordes und schwerer Raubüberfälle im Zeitraum von 1999 bis 2016. Mit Fahndungsplakaten wird nach den drei Beschuldigten gesucht, neue Fahndungsaufrufe flimmern nun außerdem über digitale Anzeigetafeln etwa in Hannover.

Für Hinweise, die zur Ergreifung der Gesuchten führen, sei von verschiedenen Stellen eine Belohnung von insgesamt mindestens 150 000 Euro ausgesetzt worden. Die Ermittler warnen entschieden davor, sich den Gesuchten selbst zu nähern – sie seien bewaffnet.

Die Behörde geht davon aus, dass die Überfälle nicht politisch motiviert waren. Vielmehr wollten die Beschuldigten demnach an Geld kommen. Weitere Überfälle seien möglich. Klette stammt aus Karlsruhe, Garweg aus Bonn und Staub aus Hamburg.

Die linksextremistische RAF galt in der Bundesrepublik als Inbegriff von Terror und Mord. Insgesamt ermordete die RAF über 30 Menschen, mehr als 200 wurden verletzt. Opfer waren unter anderem Generalbundesanwalt Siegfried Buback, Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto und Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer. Die RAF löste sich 1998 auf. Staub, Klette und Garweg werden der sogenannten dritten RAF-Generation zugeordnet.

Tatorte in ganz Niedersachsen: 2015 kam es zum versuchten Mord in Stuhr

Tatorte des RAF-Trios waren unter anderem Osnabrück, Wolfsburg und Stuhr in Niedersachsen sowie Hagen und Bochum-Wattenscheid in Nordrhein-Westfalen. Auffallend sei, dass fast alle Taten im Zusammenhang mit Feiertagen begangen worden seien, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Auffallend sei auch, dass die teils gestohlenen, teils gekauften Fluchtfahrzeuge längere Zeit im Besitz der Täter waren. Unbekannt war aber zunächst, wo die Fahrzeuge in dieser Zeit standen, einige müssen laut Anklagebehörde längere Zeit geparkt worden sein.

Im Juni 2015 soll es zum versuchten Mord und versuchten schweren Raub in Stuhr gekommen sein, Ende 2015 zu einem Raubüberfall auf einen Geldtransporter in Wolfsburg. Zuletzt sollen die drei im Mai 2016 einen Supermarkt in Hildesheim und Ende Juni 2016 einen Geldtransporter in Cremlingen überfallen haben.

Unklar ist nach früheren Angaben der Ermittler allerdings, ob sich die drei in Deutschland oder im Ausland aufhalten. Mindestens zwischen 1999 und 2016 dürften sie in Deutschland gewohnt haben. Das Trio wurde bereits 2020 auf die „Europe’s Most Wanted“-Liste gesetzt, mit deren Hilfe europaweit nach Schwerstkriminellen und Terroristen gesucht wird. kra/dpa

Hinweise einreichen: Telefon: 0511 / 98 73 74 00 E-Mail: vita@lka.polizei.niedersachsen.de, Internet: www.bkms-system.net/Fahndung-RAF

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