Unterwegs mit dem THW-Fachberater entlang der Deiche und Gräben

Kontrollfahrt im Sperrgebiet: Unterwegs mit dem THW entlang der Deiche und Gräben in Thedinghausen

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Deich- und Grabenkontrollfahrt bei Eißel mit THW-Fachberater Frank Zimmermann (l.), Thomas Henrichmann und Peter Neumann vom Mittelweserverband (gelbe Jacken), Samtgemeindebürgermeisterin Anke Fahrenholz und Kai Hübner, Bauhofleiter sowie stellvertretender Gemeindebrandmeister der Samtgemeindefeuerwehr.
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Frank Zimmermann ist THW-Fachberater für Deichsicherheit und derzeit fest in Thedinghausen stationiert. Seinen Rat schätzen die hiesigen Funktionsträger, die ein solches Hochwasser noch nie in verantwortlicher Position bewerkstelligen mussten. Unterwegs auf Kontrollfahrt entlang der Deiche und Gräben.

Frank Zimmermann hat da keine Hemmungen. Gleich die ganze Hand verschwindet in dem sprudelnden Loch in der Grabenböschung, um die Fließrichtung des Wassers zu bestimmen. „Nee, das kommt vom Acker“, sagt der THW-Fachmann für Deichsicherheit. Heißt: Entwarnung, jedenfalls für diese Stelle. Denn das Wasser kommt hier nicht aus Richtung Deich. Bei anderen auffälligen Wasseraustritten entlang des Grabens an der Deichlinie zwischen Klärwerk und Landesstraße mag das anders sein, also fahren sie ganz langsam und aufmerksam die ganze Straße ab, halten immer wieder an und prüfen die sprudelnden Wasserquellen im Graben, die oben auf der Fahrbahn mit roten, aufgesprühten Pfeilen markiert sind, um sie schneller wiederzufinden. Kritisch ist hier nichts an diesem zehnten Hochwassertag, an dem Frank Zimmermann mit Samtgemeindebürgermeisterin Anke Fahrenholz auf Patrouille ist, um die Hochwassersituation zu kontrollieren.

Frank Zimmermann fühlt in einem Loch in der Böschung, woher das Wasser kommt, das in den Graben plätschert.

Ein kurzer Stopp am Eyter-Schöpfwerk. Die Pumpen laufen auf Hochtouren und befördern das Flusswasser in Richtung Weser, raus aus dem Siedlungsgebiet. Am Dienstag ist zu erkennen, dass auf der Flutseite der Pegel gefallen ist im Vergleich zum Jahreswechsel. Eine gute Nachricht, aber noch längst keine Entwarnung. Es bleibt abzuwarten, wie sich der Regen dieser Wochenmitte auf die hiesigen Wasserstände auswirken wird. Eine erneute Hochwasserwelle erwarten die Experten für das Wochenende oder kurz danach, wenn auch der Niederschlag aus den Weserzuflüssen im Süden hier durchkommt.

Sperrzone rund um Klär- und Schöpfwerk

Deshalb bleibt das ganze Areal rund um Klär- und Schöpfwerk auch weiterhin Sperrgebiet. Einzig die Einsatzkräfte und befugte Personen sowie die Tanklaster von Harries, die immer noch jeden Tag mit dem Abpumpen der Kanalisation beschäftigt sind, dürfen rein. Gar nicht mal weil die beliebte Abkürzungsstrecke zwischen Eißel und der L 156 überschwemmt wäre, das ist sie nicht, weil sie hinter dem Deich liegt, aber die Straße gehört zur Deichanlage und ist deshalb derzeit kritische Infrastruktur. Sie soll möglichst wenig befahren und belastet werden.

Und trotzdem tummelten sich in der Sperrzone rund um den Jahreswechsel Dutzende Schaulustige, berichten Zimmermann und Fahrenholz. Die Polizei sei sehr aktiv und gefordert gewesen und habe die unbefugten Katastrophentouristen mit empfindlichen Bußgeldern im Gepäck aus dem Gebiet verwiesen. Diese Sensationsgier scheint nicht abzureißen, aus allen Richtungen sind Berichte zu hören, dass die Menschen nach wie vor die Betretungsverbote für Deichanlagen und ihre Zuwegungen ignorieren.

Zurück am Eißeler Entwässerungsgraben: Peter Neumann und Thomas Henrichmann sind zur Kontrollfahrt dazugestoßen. Der Geschäftsführer des Mittelweserverbandes als zuständigem Deichunterhaltungsverband und sein Stellvertreter tauschen sich mit Frank Zimmermann und Anke Fahrenholz aus und begutachten die Situation. Etwas weiter Richtung Kläranlage hat der THW-Mann einen Wasserzufluss aus Richtung Deich unter der Straße hindurch ausgemacht. Das Wasser jedoch ist klar, was darauf hindeutet, dass kein Sediment aus dem Deich-Inneren ausgespült wird. Vielleicht ein Tierbau, jedenfalls nichts Dramatisches.

Ich bin jetzt 30 Jahre beim Mittelweserverband, sowas habe ich noch nicht erlebt.

MWV-Geschäftsführer Peter Neumann

So schätzen die Experten auch generell die Lage in der Samtgemeinde ein. Trotz dauerhaft hoher Anspannung und Aufmerksamkeit bei allen Beteiligten, den Sperrungen von Straßen und Weserübergängen und dem Schließen der Deichscharte, was lange nicht mehr nötig war, und auch immer mal wieder hochwasserbedingten Einsätzen der Feuerwehren ist es doch vergleichsweise ruhig. Dennoch gibt Peter Neumann zu: „Ich bin jetzt 30 Jahre beim Mittelweserverband, sowas habe ich noch nicht erlebt.“

Die Samtgemeinde Thedinghausen ist mit einem blauen Auge davongekommen.

Klaus-Jochen Busch, Pressesprecher der Samtgemeindefeuerwehr

Der Pressesprecher der Samtgemeindefeuerwehr Klaus-Jochen Busch formulierte seine Sicht auf die Lage am Mittwoch im Gespräch mit der Redaktion so: „Die Samtgemeinde Thedinghausen ist mit einem blauen Auge davongekommen.“ Jedenfalls bis jetzt, denn, wie erwähnt, eine weitere Welle wird noch erwartet.

Bei Ritzenbergen staute die Feuerwehr einen Graben auf, um Gegendruck zu erzeugen.

Auch wenn am Deich bei Eißel die Situation fürs Erste unkritisch ist – anderswo hat es durchaus auch schon größere Feuerwehr-Einsätze gegeben: Neben der umgestürzten Eiche auf dem Deich in Horstedt (wir berichteten) kam es vor Silvester am Deich bei Ritzenbergen zu einem Durchsickern von Wasser in einen Graben am Deich an gleich mehreren Stellen, sodass die Einsatzkräfte auf Anraten von Frank Zimmermann den Abschnitt auf beiden Seiten mit Sandsäcken abdichteten und den Graben auf einer Länge von rund 150 Metern komplett mit Wasser aus dem Flutgebiet auf der anderen Deichseite fluteten, um Gegendruck zu erzeugen und das Durchsickern zu unterbinden. Am gleichen Tag wurde die Bootsgruppe der Samtgemeindefeuerwehr in der Gemeinde Blender aktiv, um die Bewohner einer durch das Hochwasser komplett von der Außenwelt abgeschnittenen Hofstelle mit dem Nötigsten zu versorgen.

Die Bootsgruppe der Samtgemeindefeuerwehr war jüngst in der Gemeinde Blender aktiv, um die Bewohner einer abgeschnittenen Hofstelle zu versorgen.

THW-Fachberater Frank Zimmermann aus Leer hat viele dieser Einsätze begleitet. Er ist derzeit fest in Thedinghausen stationiert, anders als seine Kollegen, die in Verden bei der Technischen Einsatzleitung sitzen. Dieses Alleinstellungsmerkmal hat einen ganz pragmatischen Grund: Wegen der gesperrten Weserübergänge wäre es aktuell schlicht viel zu umständlich und zeitraubend, von Verden aus über die Autobahnen zu den hiesigen Einsatzstellen zu gelangen.

Wir sind froh, dass er hier ist, das hält uns den Rücken frei.

Bauhofleiter Kai Hübner über Frank Zimmermann

Und seine Anwesenheit beruhigt die Verantwortlichen in Verwaltung, Feuerwehren oder auch beim Bauhof: Dessen Leiter Kai Hübner stößt zur Kontrollfahrt dazu und schaut sich die Graben-Inspektion an. Er und die meisten anderen, die heute in verantwortlichen Positionen sind, haben in den über 40 Jahren seit dem letzten Hochwasser dieses Ausmaßes eine solche Situation nie bewerkstelligen müssen und lernen alle gerade jeden Tag enorm viel dazu, besonders durch Zimmermanns Fachkenntnisse und Erfahrungen. „Wir sind froh, dass er hier ist, das hält uns den Rücken frei“, zeigt sich Kai Hübner entsprechend beruhigt.

Zimmermann berichtet von einer schönen Begebenheit aus den vergangenen Tagen, die ihn sehr gefreut hat: Er stand in seiner Einsatzkleidung beim Bäcker, als eine weitere Kundin spontan seine Rechnung übernommen habe – ein Zeichen der Wertschätzung und des Danks. Beides erfahren auch viele andere Einsatzkräfte derzeit, wie immer wieder zu hören ist. Bei aller berechtigten und eindringlichen Kritik am Verhalten mancher unverbesserlicher Hochwassertouristen, die Betretungsverbote ignorieren und sich teils respektlos gegenüber Helferinnen und Helfern zeigen, ist das die gute Seite am Verhalten der Menschen, die es auch hervorzuheben gilt.

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