Wie Reisen mit dem Wohnmobil wirklich ist

„Realität sieht oft anders aus“: Überzeugte Camper rücken Wohnmobil-Idyll auf Social Media ins rechte Licht

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Immer mehr Menschen verreisen mit dem Wohnmobil oder Bus. Auf Instagram und Co. ist ein echter Hype um das Thema entstanden. Doch die idyllischen Fotos zeigen nicht, wie es wirklich ist.

Bremen/Hannover – Maximale Freiheit, das verspricht Camping. Jeden Tag aufs Neue bestimmen, wohin die Reise gehen soll, und einfach da bleiben, wo es am schönsten ist. Keine Frage, Camping-Urlaub ist ein besonderes Lebensgefühl. Mit dem Bulli oder Wohnwagen zu verreisen, ist total im Trend. Die Camper-Community wächst stetig, nicht zuletzt wegen der zahlreichen Fotos von der perfekten Idylle, die einige „Vanlife“-Influencer auf Instagram und Co. präsentieren.

Dabei ist „das Leben im Wohnmobil ist nicht immer so glamourös, wie es auf den schönen Bildern und inspirierenden Texten im Internet und auf Instagram erscheint“, wie Profi-Camperin Claudia Kobold vom Online-Ratgeber „Canis Road“ aus ihrer langjährigen Erfahrung weiß. Mit ihrem Mann und den gemeinsamen Hunden lebt sie schon seit 2016 komplett im Wohnmobil – und hat in dieser Zeit natürlich so einiges erlebt.

Camping-Trend im Realitätscheck – Herausforderungen und Probleme werden nicht auf Instagram geteilt

In der Facebook-Gruppe „Norddeutsche Camper“ postete sie kürzlich einen „Realitätscheck“ und räumt mit der perfekt inszenierten Camping-Idylle auf: „Hinter den atemberaubenden Kulissen verbergen sich oft Herausforderungen, Unsicherheiten und Momente, die nicht unbedingt auf Social Media geteilt werden“, schreibt sie. Nach siebeneinhalb Jahren im Camper könne sie sowohl von Höhen als auch von Tiefen berichten.

Reisen mit dem Wohnmobil ist in. Aber nicht immer ist man dabei von der perfekten Idylle umgeben.

„Ja, es gibt die magischen Sonnenuntergänge an abgelegenen Orten und die Freiheit“, erklärt sie. „Aber es gibt auch die Tage, an denen die Enge des Wohnmobils, technische Probleme oder unvorhersehbare Wetterbedingungen ihre Spuren hinterlassen.“ Gerade, wer viel im Norden unterwegs ist, kennt das Problem: Auch im Sommerurlaub kann tagelanger Regen die Stimmung trüben.

Unvorhersehbare Wetterbedingungen – Welche Plätze im Norden trotzdem auf der Bestenliste Europas sind

Trotzdem haben es im Jahr 2024 drei Plätze aus Niedersachsen in die Bestenliste der Campingplätze in Europa des ADAC geschafft, die jeweils mit unterschiedlichen Highlights glänzen:

  1. Der Erlebnispark in Rieste, nördlich von Osnabrück gelegen; vor allem die Nähe zum Alfsee war hier ausschlaggebend; neben Badespaß bietet aber auch die umliegende Natur reichlich Möglichkeiten zum Radfahren, Wandern, Joggen und mehr.
  2. Das Südsee-Camp in Wietzendorf bei Soltau bietet ein exotisches Ambiente mit Palmen und einem Badeparadies.
  3. Erstmalig dabei: der Nordsee-Campingplatz Neuharlingersiel in Ostfriesland; der frischgebackene „Superplatz“ besticht durch die Nähe zur Nordsee, das Wellness-Angebot und ein Schwimmbad.

Camping-Profi packt aus: Unsicherheiten sowie fehlende Privatsphäre an der Tagesordnung

Wichtig sei es nach Ansicht von Claudia Kobold zu verstehen, dass das Leben im Wohnmobil nicht für jeden „die ultimative Lösung“ sei. Es erfordere jede Menge Anpassungsfähigkeit, Flexibilität und die Fähigkeit, mit Unsicherheiten umzugehen. „Viele Menschen teilen nur die Highlights ihres Lebens auf der Straße, um interessant zu wirken oder ihre eigene Entscheidung zu rechtfertigen“, bemängelt sie. „Doch die Realität sieht oft anders aus.“

Ein großes Stück Privatsphäre aufzugeben, gehört auch dazu – da man mit dem Van ja zumeist nicht vollkommen allein in der menschenleeren Landschaft steht, wie es die perfekt inszenierten Bilder suggerieren, sondern auf einem Campingplatz. Einer der Tiefpunkte war daher auch, unfreiwillig miterleben zu müssen, wie ihr Wohnmobil von einem Paar als Rückwand für Intimitäten benutzt wurde. „Auf die Frage hin, ob wir noch Zewa reichen sollen, zog man schnell die Hose hoch und verschwand“, erinnert sie sich.

Die drei wichtigsten Anfänger-Tipps für Camper:

richtige Beladung: Das maximale Gesamtgewicht sollte nicht überschritten werden; zum einen ist unter Umständen eine andere Führerscheinklasse nötig, zum anderen wird durch zusätzliches Gewicht die Stabilität beim Fahren beeinträchtigt – vor allem in den Kurven und beim Bremsen.

Abwasser- und Müllentsorgung: Abwassertanks und Mülleimer möglichst bei jeder Gelegenheit leeren, um unangenehme Gerüche und Auslaufen zu verhindern.

Campingplatzwahl und Etikette: Bei der Auswahl des Campingplatzes auf Kriterien wie Wasserversorgung, Müllentsorgung und Sanitäranlagen achten; es gibt hier deutliche Unterschiede bei den Standards; auf einen freundlichen, respektvollen Umgang und auf Privatsphäre achten.

(Quelle: ADAC)

Die schlechten Momente schmälern den Zauber des Campings für echte Fans nicht

Trotz solcher Momente sind Claudia und ihr Mann nach all den Jahren aber immer noch glücklich mit ihrer Entscheidung, schreibt sie. „Die Möglichkeit, langsam zu reisen, hat uns eine Vielzahl von Eindrücken verschafft, die in unserem alten hektischen Alltag untergegangen wären.“ Außerdem schätzt sie die vielen Begegnungen mit unterschiedlichen Kulturen, die „atemberaubenden“ Naturerlebnisse sowie die „einfachen Freuden“ des Lebens in Bewegung. Für dieses Leben müsse man aber bereit sein, sowohl Höhen als auch Tiefen anzunehmen, die dazugehören.

Auch Wintercamping erfreut sich immer größerer Beliebtheit. In dieser Kategorie konnten sich ebenfalls zwei Plätze in Niedersachsen behaupten. Eine norddeutsche Stadt in der Rangliste war sogar beliebter als die Toskana.

Rubriklistenbild: © Kurt Michelis/IMAGO

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