Unternehmeridee gegen hohen Krankenstand: Wer nicht krank wird, erhält mehr Geld

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Im Handwerk ist körperlicher Einsatz unverzichtbar. Das hat Folgen – vor allem für Muskeln und Gelenke. Ein Drittel der Krankschreibungen hat darin ihre Ursache. Axel Heimken/dpa
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Die Krankenstände sind auf einem Rekordhoch. Firmenchefs wollen dem entgegenwirken in dem sie Anwesenheitsprämien zahlen – auch im Kreis Diepholz.

Landkreis  Diepholz – „Neuer Rekord“ oder „historisch hohes Niveau“: So bewerten die Techniker Krankenkasse (TK) und die AOK die Entwicklung der Arbeitsunfähigkeitsmeldungen von Arbeitnehmern. Laut TK war jeder Erwerbstätige in den ersten neun Monaten dieses Jahres durchschnittlich 14,13 Tage krankgeschrieben. Die AOK meldet, dass der bisherige Spitzenwert von 225 Arbeitsunfähigkeitsfällen je 100 erwerbstätiger AOK-Mitglieder, der 2023 ermittelt worden war, in diesem Jahr schon im August erreicht worden sei. Arbeitgeber versuchen mittlerweile, mit einer sogenannten Anwesenheitsprämie gegenzusteuern. Diese finanzielle Sonderleistung zahlen Arbeitgeber zusätzlich zum Gehalt – dann, wenn ihre Arbeitnehmer keine Fehlzeiten haben. Im Klartext: Wenn sie sich nicht haben krankschreiben lassen.

500 Euro pro Quartal als Anwesenheitsprämie gegen Krankheitsausfälle

Diese Anwesenheitsprämie wird oft quartalsweise ausgelobt. Hat ein Mitarbeiter drei Monate lang keinen Tag gefehlt, bekommt er eine Prämie von 500 Euro. Um insgesamt 2 000 Euro kann ein Arbeitnehmer also auf diese Weise sein Jahresgehalt aufstocken.

Die größte Zahl der fehlenden Mitarbeiter ist wirklich krank.

Jens Leßmann, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Niedersachsen-Mitte

Auch Firmen im Landkreis Diepholz loben eine solche Anwesenheitsprämie bereits aus. „Das gibt es tatsächlich“, bestätigt Jens Leßmann als Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Niedersachsen-Mitte auf Anfrage dieser Zeitung. „Aber es gibt unterschiedliche Modelle.“ Die Fehlzeiten seien in den vergangenen Jahren stark angestiegen, vor allem seit Einführung der Krankschreibungen per Telefon oder in Video-Sprechstunden. „Die größte Zahl der fehlenden Mitarbeiter ist wirklich krank“, betont Jens Leßmann, „die machen nicht krank“.

Der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft weiß aus Erfahrung: „Die Höhe der Fehlzeiten hat auch immer etwas mit der Arbeitsmarktsituation zu tun.“ Aktuell werden Fachkräfte gesucht, der Markt ist also günstig für Arbeitnehmer. In den Zeiten von Arbeitslosigkeit mit dem Risiko, den Arbeitsplatz zu verlieren, sei die Fehlzeitenquote nicht so hoch gewesen, so Leßmann. Grundsätzlich hätten zwei Kriterien enormen Einfluss: „Zufriedenheit und Verantwortlichkeit!“ Sprich ein attraktiver Arbeitsplatz und das Bewusstsein, dass Kollegen in der eigenen Fehlzeit Mehrarbeit leisten müssen.

Fehlzeiten in Deutschland höher als anderswo

Jens Leßmann hat aber auch analysiert: „Die Zahl der Fehlzeiten in Deutschland ist höher als in anderen Ländern.“ Während die Quote in Deutschland bei sechs Prozent liege, seien es in den Niederlanden und in Österreich nur fünf Prozent. Im Handwerk liege sie bei 6,9 Prozent. Aus gutem Grund: „Das Handwerk ist ein kreativer Beruf, der aber körperlichen Einsatz fordert.“ Ein Drittel der Krankschreibungen sei auf Muskel- und Gelenkprobleme zurückzuführen.

Wie ist die Lage in den Firmen, die der Industrie- und Handelskammer (IHK) angeschlossen sind? Die Antwort von Constantin von Kuczkowski, Leiter IHK-Geschäftsstelle für den Landkreis Diepholz, ist kurz und knapp: „Mir ist in letzter Zeit keine Firma bekannt geworden, die solch ein System nutzt.“

Dagegen kennt Markus Westermann als Bezirksgeschäftsführer der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi im Bezirk Bremen-Nordniedersachsen durchaus Firmen, die besagte Anwesenheitsprämie zahlen. „Allerdings stellt diese ,Prämie’ keinen Anreiz dar, da sie an der Sache vorbei geht“, betont der Verdi-Bezirksgeschäftsführer – und fügt ausdrücklich hinzu: „Der Krankenstand wird gesenkt durch genügend Personal, gute Führung, planbare Arbeitszeit, Wertschätzung und anderes mehr.“

Eine Anwesenheitsprämie verführe Arbeitnehmer dazu, krank zur Arbeit zu gehen, sich nicht auszukurieren und dadurch andere Menschen anzustecken. Markus Westermann: „Jeder der schon einmal krank zur Arbeit gegangen ist, weiß, dass diese Person nicht hundert Prozent Leistung bringt. Von daher schwächt das auch die Produktivität.“ Deshalb sollte das Geld, das in die Anwesenheitsprämie gesteckt werde, in gesunde Arbeit investiert werden: „Dann senkt sich der Krankenstand und die Belegschaft ist produktiver.“

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