Gefährliches Wetterphänomen

Sturmflut an der Küste: Wie das Phänomen an Nordsee oder Ostsee entsteht

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Sturmfluten sind im Norden Deutschlands nicht ungewöhnlich. Doch was bedeutet es, wenn an Nordsee oder Ostsee das Wasser an den Küsten ungewöhnlich schnell und hoch steigt?

Cuxhaven/Lübeck – Sturmfluten bringen das Leben der Menschen an den Küsten Norddeutschlands schon seit Jahrtausenden immer wieder aus den Fugen. Historisch sind überaus hoch steigende Wassermassen bis zurück ins Mittelalter gut überliefert. Mitunter veränderten die gefährlichen Fluten ganze Landstriche. Sturmfluten setzen an den Küsten mitunter auch heute noch ganze Stadtteile unter Wasser.

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) definiert Sturmfluten als ein ungewöhnlich hohes Ansteigen des Wassers an Meeresküsten und Tidenflüssen. Mitunter gelingt es, Sturmfluten mehrere Tage im Voraus genau vorherzusagen – so geschehen zuletzt bei der Sturmflut an der Ostseeküste ab Freitag, 20. Oktober 2023.

Tide und Wind bestimmen Ausmaß einer Sturmflut an Nordsee und Ostsee

Mehrere Faktoren spielen beim Auftreten von Sturmfluten eine Rolle. Herrscht in den von Tiden bestimmen Gewässern der Nordsee oder Ostsee Flut und drückt ein starker Windschub das Wasser an die Küsten, steigen dort die Pegelstände besonders hoch. Aber auch bei Ebbe können ungewöhnlich starke oder lang anhaltende Winde eine Sturmflut auslösen. Es kommt dann zu an die Küste anbrandenden Seegang, bei Meeren wie der Nordsee und der Ostsee sind diese zusätzlich beeinflusst durch die Eigenschwingung der Wassermassen.

Sturmflut an der Ostsee: Ein Strandkorb wird in Kiel-Schilksee von den Flutwellen weggespült.

Sturmfluten werden unter anderem vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in mehreren Klassen eingeteilt. Für die Ostsee gibt es vier Klassen, für die Nordsee drei. Seit Juli 2022 registrierte das BSH für die Nordsee eine örtlich begrenzte Sturmflut: Auf St. Pauli in Hamburg stieg das Wasser der Elbe am 2. Februar 2023 auf 1,51 Meter über den Wert des mittleren Hochwassers – und damit nur einen Zentimeter über die Marke, die eine Sturmflut kennzeichnet. Im selben Zeitraum gab es an der Ostsee wiederum fünf Sturmfluten, die vom BSH alle als leicht in der ersten Klasse eingeordnet wurden.

Sturmfluten an der deutschen Ostseeküste
Sturmflut1,00 bis 1,25 Meter über mittlerem Wasserstand
mittlere Sturmflut1,25 bis 1,50 Meter über mittlerem Wasserstand
schwere Sturmflut1,50 bis 2,00 Meter über mittlerem Wasserstand
sehr schwere Sturmflutmehr als 2,00 Meter über mittlerem Wasserstand
Sturmfluten an der deutschen Nordseeküste
Sturmflut1,5 bis 2,5 Meter über mittlerem Hochwasser (MHW)
schwere Sturmflut2,5 bis 3,5 Meter über mittlerem Hochwasser (MHW)
sehr schwere Sturmflutmehr als 3,5 Meter über mittlerem Hochwasser (MHW)

Erstmals kam es am 17. Februar 1164 zu einer wissenschaftlich belegten Sturmflut. Die sogenannte Julianenflut führte zu rund 20.000 Opfern. Durch diese Sturmflut bildete sich zwischen dem heutigen Wilhelmshaven und der Jademündung eine Vorstufe zum jetzigen Jadebusen, berichtet der DWD. Traurige Berühmtheit hat auch die Sturmflut von 1962 erlangt, bei der die katastrophalen Auswirkungen des Hochwassers sogar in Bremen zu spüren waren.

Sturmfluten treten in Deutschland oft bei West- bis Nordwestwind auf

Sturmfluten hängen laut der Wetter-Experten des DWD oft mit Stürmen zusammen, die die Wassermassen in einem großen Winkel auf die Küstenlinien treiben. Während am Freitag, 20. Oktober, Ostwinde zu einer Sturmflut an der Ostseeküste führten, beobachten Meteorologen an der Deutschen Bucht Sturmfluten in der Regel bei West- bis Nordwestwind.

Tornado und Orkantief: Die 5 heftigsten Unwetter in Niedersachsen der vergangenen Jahre in Bildern 

Westerland auf Sylt Kyrill
Der 18. Januar 2007 ist vielen Menschen in Niedersachsen vermutlich in Erinnerung geblieben: Der Orkan „Kyrill“ zog über das Land hinweg. Diese Aufnahme zeigt den Vortag, an dem bereits hohe Wellen auf den Strand von Sylt trafen.  © dpa/Carsten Rehder
Sturm - Orkan „Kyrill“ über Deutschland
Im Fischereihafen von Norden-Norddeich schlugen am 18. Januar 2007, rund vier Stunden vor dem Maximum der zu erwartenden schweren Sturmflut, bereits die ersten Wellen über die Pierkante. Bis in den Morgenstunden des Folgetags sollte das Orkantief noch im Norden wüten und Zerstörung mit sich bringen. © dpa/Ingo Wagner
Orkan "Kyrill" - Hochhausdach fällt auf Wohnhaus
Der Blick aus einem zerstörten Kinderzimmer in Barsinghausen zeigt: Das Orkantief „Kyrill“ hinterließ große Schäden in Niedersachsen. Mit einer Schadenssumme von 149 Millionen Euro verfehlte der Orkan dort nur knapp die Aufnahme in die Liste der weltweit zehn teuersten Naturkatastrophen der Gruppe. 47 Menschen starben durch „Kyrill“. © Jochen Lübke
Tornado auf Helgoland
Wenn Urlauber Helgolands an den 12. Juli 2010 zurückdenken, gefriert ihnen vermutlich das Blut in den Adern. An diesem fegte ein Tornado über die Düne der Nordseeinsel hinweg und richtete erhebliche Schäden an. Ursache für die Superzelle war das Tiefdruckgebiet „Norina“. © dpa/Uwe Nettelmann
Tornado fegt über Helgoländer Düne
Der Tornado, der am 12. Juli 2010 über die Helgoländer Düne hinwegfegte, sorgte vom Land aus für eindrucksstarke Bilder durch massive Wolkenformationen.  © dpa/Kay Martens
Tornados in Norddeutschland - Helgoland 2010
Der Tornado hinterließ auf Helgoland ein Trümmerfeld. Dieses Bild zeigt einen Campingplatz auf der Düne der Insel. Elf Menschen wurden verletzt. Auch kam es zu Schäden in Niedersachsen. Im ostfriesischen Hafen Leer richtete das Unwetter zum Beispiel Schäden von etwa einer Million Euro an. Zudem starben zwei Menschen.  © dpa/Andrea Auer
Sturmflut am Hafen in Neuharlingersiel (Niedersachsen)
Der Orkan „Xaver“ wütete vom 4. Dezember 2013 bis zum 10. Dezember 2013 im Norden Europas. Den Norden Deutschlands erwischte er am 6. Dezember 2013 mit voller Wucht. Die „Nikolausflut“ gehört zu den schwersten der letzten 100 Jahre. Dieses Foto zeigt die Stärke der Flut am Hafen von Neuharlingersiel in Niedersachsen.  © dpa/Ingo Wagner
Orkantief Xaver Hochwasser Bensersiel Niedersachsen
Das Hochwasser in den Mittagsstunden am 6. Dezember 2013 überflutete während des Sturmtiefs „Xaver“ den gesamten Campingplatz in Bensersiel, Niedersachsen. Auf den Inseln waren „erhebliche Dünenabbrüche zu verzeichnen“, teilte das niedersächsische Umweltministerium (NLWKN) mit. Insbesondere waren die Dünen am Hammersee auf Juist und die Zeltplatzdünen auf Spiekeroog sowie die Harlehörn-Düne auf Wangerooge betroffen. © dpa/Ingo Wagner
Orkan Xaver Lüneburg
Auch im Inland Niedersachsens kam es während des Orkantiefs „Xaver“ zu erheblichen Schäden. Auf eisglatter Fahrbahn wurde der Bus von einer Sturmböe erfasst, rutschte von der Straße und knallte in zwei Bäume. Der Gesamtschaden in Deutschland wurde auf 100 bis 200 Millionen Euro geschätzt. Präzise Wettervorhersagen und verbesserter Küstenschutz konnten großeren Summen vorbeugen. In Europa starben insgesamt 13 Menschen, davon in Deutschland eine Person.  © dpa/Polizei Lüneburg
Nach Sturmtief „Friederike“ - Niedersachsen
Das Sturmtief „Friederike“ erreichte am 18. Januar 2018 seinen Höhepunkt. Im Norden Deutschlands brachte der Orkan unter anderem starken Schneefall mit sich. Die Straßen waren deshalb spiegelglatt. So kam es zu einer Reihe an Unfällen. Besonders den Süden Niedersachsens erwischte es heftig. © dpa/Hauke-Christian Dittrich
Nach Sturmtief „Friederike“ - Niedersachsen
Den Süden Niedersachsens erwischte der Orkan „Friederike“ heftig. Während in den flachen Regionen des Landes nur wenig Schäden verzeichnet wurden, sah die Lage in der Hauptstadt Hannover ganz anders aus. Wie auf dem Foto zu sehen ist, stürzten unter anderem Bäume in Häuser. © dpa/Hauke-Christian Dittrich
Waldschäden nach Orkan Friederike
Die größten Schäden richtete „Friederike“ in den Wäldern von Niedersachsen an. Landesweit werde mit mehr als zwei Millionen Kubikmetern Sturmholz gerechnet, erklärte damals das Niedersächsische Umweltministerium. Insbesondere im Mittelgebirge wurden Wälder zerstört, wie zum Beispiel im Harz, Solling und dem Weserbergland. © dpa/Stefan Rampfel
Sturmtief Zeynep - Bensersiel
275431582.jpg © dpa/Hauke-Christian Dittrich
Sturmtief Zeynep - Emden Niedersachsen
Ein Unimog der Hafenbehörde fährt am überschwemmten Kai im Hafen Emden in Niedersachsen vor der Fähre „Westfalen“. Es ist der 18. Februar 2022. An der Nordsee erreichen die Windböen des Orkantiefs „Zeynep“ stellenweise bei über 140 Kilometer pro Stunde. © dpa/Lars Klemmer
Stürme verursachen Schadholz im Privatwald
Mitte Februar zog nicht nur das Orkantief „Zeynep“ über Niedersachsen hinweg. Auch zwei weitere, „Ylenia“ und „Antonia“, sorgten für Unwetter und Sturm. Nach Schätzungen der Landwirtschaftskammer entstanden dabei gut eine Million Festmeter Schadholz. Das Orkantief „Zeynep“ forderte in Europa insgesamt 17 Todesopfer. Ein Mann starb bei Dacharbeiten an der Wurster Nordseeküste, Niedersachsen. In Ostfriesland wurden laut Feuerwehrverband ca. 1900 Feuerwehreinsätzen abgearbeitet. © dpa/Philipp Schulze

Einige Zugrichtungen von Tiefdruckgebieten begünstigen eine solche Windrichtung. Besonders markant sind von Island aus in Richtung Skandinavien heranziehende Tiefdruckgebiete oder solche auf einer südlicheren Bahn vom Ostatlantik über die südliche Nordsee nach Dänemark.

Im Kieler Stadtteil Holtenau ist die Strandpromenade am Freitag, 20. Oktober, durch die Sturmflut überschwemmt worden.

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Ein weiterer Faktor für Sturmfluten an den deutschen Küsten, der Stand der Erde zu Sonne und Mond. Laut DWD-Angaben treten besonders hohe Wasserstände – sogenannte Springtiden – auf, wenn Sonne, Erde und Mond in einer Reihe stehen und sich die Gezeitenwirkung von Sonne und Mond addieren.

Rubriklistenbild: © Axel Heimken/dpa

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