Wenn der Klimawandel Angst macht

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Zunehmende Trockenheit belastet nicht nur die Böden, sondern auch immer mehr Menschen.
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Der Klimawandel macht Sorgen – und zwar mehr als der Hälfte der Deutschen. Das sei keine neue Volkskrankheit, sondern eine ziemlich rationale Reaktion, meint Psychologin Andrea Helwig-Gerhardt. Beim Klimacafé in Hannover kommen Angst, Wut und Trauer auf den Tisch.

Hannover – Nachts voller Sorge wachliegen, weil die 1,5-Grad-Marke der Erderwärmung offenbar schneller erreicht sein wird als bislang gedacht? Brennende Wut im Bauch spüren, weil der Nachbar sich einen noch fetteren SUV gekauft hat, der noch mehr Emissionen in die Luft bläst als der alte? Das mag manchen übertrieben vorkommen. Aber viele Menschen, das zeigen Umfragen, beschäftigt der Klimawandel auf einer emotionalen Ebene. Fachleute sprechen dann von Klimagefühlen.

Dabei handele es sich um bekannte Emotionen wie Angst, Trauer oder Wut, aber eben bezogen auf die Klimakrise, erklärt Andrea Helwig-Gerhardt. Menschen hätten etwa Angst vor klimabedingten Naturkatastrophen, trauerten um diejenigen, die wegen der Extremtemperaturen im globalen Süden sterben, oder seien wütend auf den Chef, der schon wieder einen Inlandsflug gebucht hat.

Helwig-Gerhardt ist Sozialpädagogin und Psychotherapeutin und ist bei den Psychologists for Future Hannover aktiv. Die Gruppe lädt seit dem Frühjahr einmal im Monat zum Klimacafé ein – ein Angebot für alle, die offen über ihre Klimagefühle sprechen möchten. „Vielen von uns wird gerade bewusst, was es heißt, in der Realität existenzieller Klimaveränderungen zu leben“, heißt es in der Ankündigung. „Diese Erkenntnis kann erschütternd sein.“

Klimacafé Hannover: Anderthalb Stunden lang geht es um Gefühle

Um daran nicht zu verzweifeln, helfe es, darüber zu reden, sagt Helwig-Gerhardt. Klingt simpel, scheint aber zu funktionieren. In der Nähe des Hannoveraner Hauptbahnhofs, im Kulturzentrum Pavillon, öffnen sich an einem Donnerstagabend ab 19.30 Uhr die Türen des Klimacafés. Acht Frauen und sieben Männer, der Jüngste Mitte 20, die Ältesten Mitte 60, treten ein. Weil das Treffen vertraulich sein soll, muss die Presse draußen bleiben.

Drinnen wird es anderthalb Stunden lang emotional: „Das Fühlen ist ganz wichtig“, sagt Helwig-Gerhardt. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde und einer Achtsamkeitsübung, die den Teilnehmenden helfen soll, sich auf den Moment zu konzentrieren, geht es in Zweierkonstellationen los. Fünf Minuten Zeit hat jede Person, um der anderen zu sagen, was ihr zu dem Satz „Wenn ich an die Klimakatastrophe denke, fühle ich...“ einfällt. Gegenrede ist nicht erlaubt, Verurteilungen auch nicht. Das sei für viele eine sehr wohltuende, verbindende Erfahrung, sagt die Psychologin.

Sage ich, was mir wirklich Angst macht?

Eine der meist geäußerten Sorgen sei nämlich, dass andere die eigenen Ängste nicht nachvollziehen können und Freundschaften zerbrechen. Sie fühlten sich mit ihren Klimagefühlen allein oder als Außenseiter. Der mit Fleisch vollgepackte Grill im Sommer, die Urlaubspläne für eine Fernreise – Treffen im Freundeskreis oder mit der Familie könnten schnell die schwierige Frage aufwerfen: Sage ich, was mich wirklich bewegt, oder schlucke ich es runter?

Dabei sind Klimagefühle nichts Schlechtes. Einerseits seien sie „eine reale Angst“, keine Krankheit, sagt Helwig-Gerhardt – denn der Klimawandel ist in vollem Gange, seine Folgen sind wissenschaftlich klar dargelegt. Und andererseits könnten Menschen, die ihren Gefühlen Raum geben, Ohnmacht und Hilflosigkeit überwinden und für das Klima aktiv werden. „Wenn wir die Wut richtig spüren, kommt auch die Kraft, etwas zu ändern.“

Klimagefühle: Wut auf die Politik, Sorge um die Enkelkinder

Zum Beispiel Wut auf die Politik, weil sie nicht genug gegen die Krise tut – auch das sei ein Thema, das häufig im Klimacafé zur Sprache komme. Gerade die Älteren machten sich oft auch Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder und Enkelkinder, berichtet Helwig-Gerhardt.

Eine eingehende psychologische Beratung bietet das Klimacafé nicht – das sei aber auch nicht das Ziel. Vielmehr gehe es darum, im Austausch die Ohnmacht zu überwinden. Die könne schnell entstehen, wenn man die Nachrichten verfolge, meint Helwig-Gerhardt. „Infos überwältigen uns. Wir fühlen uns hilflos, sie machen uns oft handlungsunfähig.“ Offen über Klimagefühle zu reden, könne hingegen erleichternd wirken. „Und ich glaube, es verleiht auch Mut, das Thema immer wieder anzusprechen.“ Denn Gespräche wie die im Klimacafé zeigten ihnen: Ich bin nicht allein.

Umfragen: So geht es Menschen mit dem Klimawandel

In einer Bevölkerungsumfrage des Umweltbundesamts 2022 gab mehr als die Hälfte der Befragten (58 Prozent) an, den Klimawandel als „bedrohlich“ zu empfinden. 30 Prozent nannten ihn „eher bedrohlich“.

Auch Jugendliche sind stark betroffen: Laut der Sinus-Jugendstudie 2022 macht der Klimawandel 37 Prozent der 14- bis 17-jährigen Befragten „große Angst“. Dabei sind es vor allem die Aspekte „Zunahme von extremen Wetterphänomenen“, „Verlust von Lebensraum für Tiere und Menschen“ und „Kriege um Wasser“, die den Jugendlichen zunehmend Sorgen bereiten. kab

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