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Zu früh gefreut: Nur wenige Woche nach Ende des Hochwassers reicht die Aller in Verden schon wieder an die Häuser im Fischerviertel heran.
Verden – Am Freitag noch hatten sie guten Freunden gedankt, die Bewohner des Verdener Fischerviertels den Helfern, die über den Jahreswechsel zu vertrauten Begleitern geworden waren. Am gestrigen Dienstag kehrte ein nächster Weggefährte zurück, ein unbeliebter: das Hochwasser. Bis vor die Häuser an Mühlentor und an Kleiner Fischerstraße erstreckt es sich. Und nicht mehr viel, dann überwindet es Türschwellen.
Eine zweite Flutwelle erfasst den Raum Verden. „Nicht so schlimm wie zum Jahreswechsel, aber deutlich schneller aufgelaufen, als erwartet. Und sie wird uns ein paar Tage in Atem halten“, sagt auf Nachfrage Heiner Harting vom Landesbetrieb für Wasser-, Küsten und Naturschutz in Verden. Auch der Deutsche Wetterdienst kündigt weiteren Regen bis zum Wochenende an.
Hochwasser in Verden – Feuerwehr unternimmt regelmäßig Kontrollfahrten
Und damit sind auch die Helfer der vergangenen Tage zurück. „Aktuell beschränkt sich das Einsatzgeschehen auf Kontrollfahrten im Fischerviertel sowie anderen allernahen Bereichen im Verdener Stadtgebiet“, teilt Feuerwehr-Pressesprecher Torben Voigt mit. Bei den Kontrollen, die der Vorplanung für eventuelle Einsätze dienten, seien auch Erkenntnisse eingeflossen, die beim letzten Hochwasser gewonnen wurden.
Nachdem wie berichtet am Vortag schon die Kreisstraßen von Verden nach Eissel und von Daverden nach Intschede wegen Hochwassers gesperrt wurden, richtete sich der Blick gestern auf die Landesstraßen von Verden nach Blender und von Achim nach Thedinghausen. Gestiegen war es, das Wasser, aber noch stand es etwa in Groß Hutbergen einige wenige Zentimeter unterhalb der Asphaltdecke. Und auch in Uesen waren wieder weite Landstriche überflutet, auf der Landesstraße aber floss statt möglichen Hochwassers der Verkehr.
Nach Erkenntnissen des niedersächsischen Hochwasserkompetenzzentrums werden sich die Wassermassen noch bis mindestens zum Wochenende auf dem aktuellen Niveau halten. „Es bleibt bei der höchsten Warnstufe, bei der Meldestufe 3, die aktuell gilt“, sagt Harting. Anschließend dürfte die Welle allmählich abklingen. Von Entwarnung indes keine Spur.
Vor allem an der Aller herrscht für die nächsten Tage noch banges Warten. Sämtliche Pegel auch im Oberlauf sind gestern erneut gestiegen, dies allerdings nur noch im einstelligen Zentimeter-Bereich. In Eitze wurden 571 Zentimeter gemessen. Bis zum Allzeithoch vom 28. Dezember mit 658 Zentimetern sind noch fast 80 Zentimeter Luft. An der Weser verzeichnete nur noch Dörverden ein Plus, alle anderen Pegel schlugen bereits mit Minus-Werten zu Buche.
Kleine Ursache - große Wirkung: Geringe Niederschläge sorgen für raschen Anstieg
Das Problem aber: Diesmal kam das Hochwasser rasch, es kam einigermaßen überraschend und der Anlass spielte sich im unscheinbaren Bereich ab. „In der Vorwoche hatte es zwar geregnet, aber überwiegend waren nur zehn bis zwanzig Liter pro Quadratmeter heruntergekommen“, sagt Harting. Diese geringe Menge habe gereicht, die Wasserstände praktisch über Nacht deutlich ansteigen zu lassen. „Ursache sind die Böden, die weiterhin vollständig gesättigt sind. Sie können aktuell nichts mehr aufnehmen.“ Komme es in den nächsten Tagen erneut zu ergiebigen Schauern, drohe eine weitere Flutwelle. „Das System springt schnell an.“ Prognosen indes seien schwierig, aber das Thema sei „noch nicht durch“.
Eine Reihe von Rekorden hatte zum Hochwasser über den Jahreswechsel und zu den gegenwärtigen Wassermassen geführt. „Wir haben das heißeste Jahr verzeichnet, das mit 1077 Millimetern regenreichste Jahr und den regenreichsten Dezember. Hinzu kommen die erhöhten Grundwasserstände“, zieht Harting eine Zwischenbilanz. Und eine übergeordnete Ursache kennt er ebenfalls. „Die Wassertemperaturen des Atlantiks waren durchgängig die höchsten, die jemals gemessen wurden.“ Auch jetzt im Februar seien die Rekordwerte schon wieder getoppt. „Das heißt jedes Mal, die Luft kann zusätzlich Wasserdampf aufnehmen. Und das regnet sich dann halt irgendwo ab.“


