„Wir haben zu viele Wölfe“: Weidetierhalter drängen auf wirksamen Schutz ihrer Herden

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„Wir haben zu viele Wölfe, da müssen in konkreten Fällen auch mal ganze Rudel entnommen werden dürfen“, fordert der Verdener Landvolkvorsitzende Jörn Ehlers. Auch das niedersächsische Dialogforum Wolf habe keinen Durchbruch erbracht.

Landkreis – Der Zeitdruck für die Weidetierhalter, die auf wirksamen Schutz ihrer Herden hoffen, ist groß. Das deutet nicht zuletzt die Reaktion von Jörn Ehlers auf das Dialogforum Wolf an, das am vergangenen Montag getagt hat. Der stellvertretende Vorsitzende des niedersächsischen Landvolks und Verdener Kreislandwirt drängt auf praktikable und schnelle Lösungen. Dass etwas passieren müsse, zeigt für ihn auch die Ablehnung eines Antrags auf die „Entnahme“ eines Wolfes nach mehreren Nahbegegnungen im Raum Kirchlinteln. Der Antragsteller, der Landvolk Kreisverband Verden, legt Widerspruch gegen die Entscheidung ein.

„Die Voraussetzungen für den Abschuss von Wolfsindividuen im engen zeitlichen und räumlichen Zusammenhang liegen nicht vor.“ So hate der Landkreis auf den Antrag des Landvolks im vergangenen Jahr geantwortet und auf die Naturschutzgesetzlichen Bestimmungen hingewiesen. Auch die detaillierte Begründung des Antrages hatte die Untere Naturschutzbehörde ebenso detailiert beantwortet. Zufrieden ist Jörn Ehlers damit aber nicht: „Gegen die Ablehnung werden wir Widerspruch einlegen.“

„Wir haben zu viele Wölfe“: Kreislandwirt Jörn Ehlers drängt auf Lösungen.

Ergebnisse im Dialogforum Wolf für Landvolk-Vorsitzenden in Verden nicht befriedigend

Eine Verordnung, nach der sich die Praxis im Umgang mit dem Wolf ändert, ist bislang nicht in Sicht. So hatte vor wenigen Tagen noch die zuständige Fachbereichsleiterin Silke Brünn bestätigt. Als am Montag vergangener Woche das Dialogforum Wolf in der Landeshauptstadt getagt hatte, waren die Ergebnisse für den Verdener Kreislandwirt aber auch nicht zufriedenstellend. „Die von den Ministerien am Montag angekündigte Erleichterung der Herdenschutzförderung ist eine Mogelpackung“, sagt er. Wenn sich die Förderung zukünftig an den zur Verfügung stehenden Finanzmitteln und nicht am Bedarf der Weidetierhalter orientiere, sei dies eine Erleichterung für das Ministerium, aber nicht für den Tierhalter. „Solange die Ausbreitung des Wolfes weiter akzeptiert wird, muss auch die Förderung des Herdenschutzes ansteigen“, ist Ehlers Schlussfolgerung

„Erhaltungszustand und Nutztierschäden, Beschleunigung von Wolfsentnahmen sowie Herdenschutz und Weidetierhaltung: Diese drei Punkte sind alles Themen, die wir schon x-Male gehört, durchgesprochen und dazu Lösungsvorschläge gemacht haben“, ist der Landvolksprecher ungeduldig. Den Weidetierhaltern laufe die Zeit davon, ohne dass die auch vom Ministerpräsidenten angekündigte Verbesserungen des Wolfsmanagements, sich in der Praxis wiederfinden. „Das ist unserer Meinung nach eine sehr gefährliche Entwicklung“, fassten Gina Strampe und Ehlers vom Aktionsbündnis Aktives Wolfsmanagement nach der dritten Sitzung des Dialogforums gegenüber dem Landvolk-Pressedienst zusammen.

Wir haben zu viele Wölfe, da müssen in konkreten Fällen auch mal ganze Rudel entnommen werden dürfen.

Jörn Ehlers,  Landvolk Verden

„Wir haben zu viele Wölfe, da müssen in konkreten Fällen auch mal ganze Rudel entnommen werden dürfen“, fordert Ehlers. 50 Wolfsrudel, vier Wolfspaare und zwei residente Einzelwölfe sind offiziell in Niedersachsen mit Stand Januar erfasst. Aus dem Umweltministerium hat er Angaben über Risszahlen, die nicht zurückgegangen seien. „Gegenüber 2022 gab es einen Anstieg um 29 Prozent auf 1412 tote Weidetiere in 2023. Obwohl im Jahr 2023 für knapp 7 Millionen Euro Herdenschutzmaßnahmen in Niedersachsen gefördert wurden, ist dieser Trend mit saisonalen Schwankungen ungebrochen“, stellt der Landesvize im Gespräch mit unsrere Zeitung fest.

Wolf-Schnellabschuss-Verfahren muss sich in der Praxis noch bewähren

Die Landesregierung sehe den günstigen Erhaltungszustand für Niedersachsen als gegeben an. Das im Dezember auf der Umweltministerkonferenz beschlossene Schnellabschussverfahren erlaube den Abschuss für 21 Tage im Abstand von 1000 Metern um die konkrete Weide ohne Abwarten der DNA-Probe. Die Wirksamkeit müsse sich in der Praxis aber noch bewähren. „Eine Vergrämung ist laut meinen Informationen aus Tierschutzgründen unzulässig. Von Abschüssen erwarte ich Lerneffekte der Wolfsrudel, sodass sich die natürliche Distanz zum Menschen wieder herstellt“, ist Ehlers Erwartung.

Die Landesregierung setze sich zusätzlich für ein automatisiertes Verfahren ein, in dem in einer Verordnung einheitlich festgeschrieben wird, wie die Kriterien für die Ausweisung der Gebiete mit erhöhtem Rissaufkommen auszusehen haben. Diese ,Gebiete mit erhöhtem Rissaufkommen’, auch graue Gebiete genannt, sollen gegeben sein, wenn vier Nutztierrisse mit Überwinden des Grundschutzes in neun Monaten oder drei Risse mit Überwinden des Herdenschutzes in sechs Monaten stattgefunden haben.

Zweifel an der Idee hatte bereits der Vorsitzende der Kreisjägerschaft, Jürgen Luttmann, geäußert. Das vorausgesetzte erhöhte Rissaufkommen werde im Landkreis Verden kaum festzustellen sein, war sein Einwand. Jörn Ehlers dazu: „Positiv ist, dass für den Schnellabschuss zukünftig kein genetischer Nachweis nötig ist.“

Weidetierhalter-Kritik auch wegen Unklarheit bei Entnahme-Zuständigkeit

Unklar sei, wer die Zuständigkeit bei der Entnahme haben wird – örtliche Jäger oder ein Beauftragter. „Ein weiterer Kritikpunkt ist der Radius von nur 1000 Metern, in dem die Entnahmen vollzogen werden müssen. Das sind alles Fragen, die in den nächsten Wochen präzisiert werden müssen“, sieht Ehlers viel Klärungsbedarf, der Zeit erfordert.

„Auch beim Thema Herdenschutz sind wir weiter skeptisch: Unsere Forderung ist nach wie vor, dass es neben den Materialkosten eine Förderung der laufenden Kosten, wie zum Beispiel die Fütterung der Herdenschutzhunde oder Instandhaltung von Zäunen, geben muss – so wie es in anderen Bundesländern der Fall ist.“

Als großes Problem sowohl für den Abschuss als auch für die Pauschalprämie sieht das Aktionsbündnis, dass der Herdenschutz nicht beeinträchtigt sein darf: „Wenn der Wolf die Tiere auf der Weide jagt, rennen diese panisch in die Zäune und zerstören sie. Es zeigt sich, dass viele Überlegungen in der Politik nicht zu Ende gedacht sind und nur wenig mit der Praxis zu tun haben“, kritisieren Ehlers und Strampe, dass die Politik die Praktiker vor Ort kaum mit in die Überlegungen miteinbezogen habe. „Wir brauchen aber schnelle, praktikable Lösungen, denn die Tiere kommen bald wieder auf die Weide.“

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