Schutzschirmverfahren gescheitert

500 Arbeitsplätze bedroht: Alurad-Hersteller in der Insolvenz

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Räderproduktion bei Superior Industries in Werdohl: Das Unternehmen hat in den vergangenen Jahren zwar viel Geld investiert, sich dabei aber verkalkuliert. Jetzt soll ein Investor einspringen – oder die Produktion nach Polen verlagert werden.
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Superior Industries rutscht in ein reguläres Insolvenzverfahren. Die 500 Mitarbeiter stehen vor einer ungewissen Zukunft. Hinter den Kulissen gibt es beunruhigende Gerüchte.

Werdohl – Aus dem Schutzschirmverfahren, das der Alurad-Hersteller Superior Industries im August beantragt hat, ist mittlerweile ein reguläres Insolvenzverfahren geworden. Für die rund 500 Mitarbeiter des Unternehmens in Werdohl bedeutet das nichts Gutes. Offiziell ist ihr Arbeitgeber auf Investorensuche. Hinter (noch) vorgehaltener Hand kursieren allerdings andere Gerüchte.

Gut drei Monate ist es her, dass der US-amerikanische Konzern Superior Industries die Aufnahme seiner Werdohler Räderproduktion in das sogenannte Schutzschirmverfahren beantragt hat, um das Werk sanieren zu können. Dies ist eine besondere Verfahrensform im Insolvenzrecht, das dem Schuldner gleich mehrere Vorteile bietet. So kann er die angestrebte Sanierung weitgehend unter Eigenverwaltung durchführen und die bisherige Geschäftsleitung bleibt Herrscher des Geschehens. Ungünstige Verträge können mit einer Frist von maximal drei Monaten beendet, verlustbringende Aufträge sofort eingestellt werden. Auch Verbindlichkeiten aus der Zeit vor Eröffnung des Verfahrens entfallen.

Darüber hinaus übernimmt die Agentur für Arbeit bis zu drei Monate die Löhne und Gehälter und Sozialpläne müssen nur mit maximal zweieinhalb Monatsgehältern vergütet werden. Auch belastende Pensionsverpflichtungen können abgeschnitten werden. Allein diese drei Punkte können ein Unternehmen mit 500 Beschäftigten also schon enorm entlasten.

Gegenleistungen für den Schutzschirm

Wer unter den Schutzschirm schlüpfen möchte, muss allerdings auch Gegenleistungen erbringen. Dazu gehört unter anderem die Vorlage eines Sanierungsplans, eines schlüssigen Konzeptes also, auf dessen Basis das Unternehmen so restrukturiert werden kann, dass es nach Abschluss des Schutzschirmverfahrens wieder wirtschaftlich arbeiten kann.

Beraten lässt sich Superior Industries in dieser Angelegenheit von einem ganzen Heer von Rechtsanwälten und Experten für Insolvenz-, Steuer, Bank-, Finanz- und Arbeitsrecht. Mit im Boot ist beispielsweise ein Team von Weil Gotshal & Manges (München), einer erfahrenen deutschen Restrukturierungspraxis einer US-Kanzlei. Es steht der amerikanischen Muttergesellschaft von Superior Industries beratend zur Seite.

Sanierungskonzept funktioniert nicht

Das Hauptziel des Schutzschirmverfahrens, die umfassende Neuausrichtung, ist aber bisher nicht erreicht worden. Am 1. Dezember hat das Unternehmen beim Amtsgericht Neustadt an der Weinstraße – das ist zuständig, weil der Firmensitz in Bad Dürkheim liegt – für den Produktionsstandort Werdohl Insolvenzantrag gestellt.

Superior Industries habe versucht, ein Sanierungskonzept aufzustellen, versicherte der zum Insolvenzverwalter bestellte Mannheimer Rechtsanwalt Jens Lieser, der auch schon das Schutzschirmverfahren begleitet hat. „Es musste aber im November festgestellt werden, dass das Werk nicht in den Bereich des Break-Even geführt werden kann“, sagte er. Der Break-Even beschreibt den Punkt, an dem ein Unternehmen genauso viele Einnahmen wie Ausgaben hat, also gewissermaßen eine „schwarze Null“ schreiben kann. Das Schutzschirmverfahren sei dann auf Antrag von Superior Industries in ein reguläres Insolvenzverfahren überführt worden.

Wie es für die Beschäftigten von Superior Industries in Werdohl nun weitergeht, ist noch völlig offen. Die Zahlung ihrer Löhne und Gehälter sei zumindest erst einmal gesichert, versprach Insolvenzverwalter Lieser. Die dafür erforderliche Liquidität sei gegeben.

Seit Jahren Millionenverluste

Ob die Felgenproduktion in Dresel noch eine Zukunft hat, steht aber auf einem ganz anderen Blatt. Insolvenzverwalter Lieser ließ durchblicken, dass das Werk für Superior Industries zuletzt alles andere als wirtschaftlich gewesen sei. In den vergangenen fünf Jahren habe es Jahr für Jahr zweistellige Millionenverluste eingefahren. Das überrascht etwas, weil die Geschäftsführung die wirtschaftliche Entwicklung in den vergangenen Jahren stets deutlich positiver dargestellt hat. Noch Mitte 2019 hatte Superior Industries für die Produktion in Werdohl einen Gewinn von 22 Millionen Euro im Jahr 2018 verkündet. Außerdem hat Superior Industries seit 2019 mehr als 60 Millionen Euro in das Werk investiert.

Schenkt man dem Insolvenzverwalter jedoch Glauben, könnten insbesondere diese Großinvestitionen Superior Industries aber nun das Genick gebrochen haben. Er bezeichnete beispielsweise den Bau einer neuen Lackieranlage, der vom Bundesumweltministerium mit einem Investitionszuschuss gefördert worden ist und die bisher nur einmal kurz im Probebetrieb gelaufen sei, als „völlig überdimensioniert“. Lieser: „Die passt überhaupt nicht zum übrigen Maschinenpark.“

Überdimensionierte Lackieranlage

In der Gießerei setzt Superior Industries wohl immer noch vor allem auf das Knowhow der Mitarbeiter und hat Investitionen in moderne Schmelzöfen weitgehend unterlassen. „Die Investitionen sind offensichtlich nicht so allokiert worden, wie es betriebswirtschaftlich sinnvoll gewesen wäre“, stellt Lieser den Managern ein ziemlich miserables Zeugnis aus. Einer Lackieranlage, die für jährlich zwei Millionen Räder ausgelegt sei, stünden andere Komponenten gegenüber, die lediglich die Hälfte dieser Menge liefern könnten.

Superior Industries steht also offensichtlich vor einem finanziellen Scherbenhaufen und sucht nach einem Investor, der diese Scherben nicht nur zusammenkehrt, sondern am besten auch wieder zu einem funktionierenden Gesamtgebilde zusammenfügt. Er müsste nach Einschätzung des Insolvenzverwalters einiges an Finanzkraft mitbringen. Es müssten noch Millionen investiert werden, schätzt er und verweist dabei unter anderem auf eine nicht fertiggestellte, aber zwischenzeitlich zusammengestürzte neue Produktionshalle.

Verlagerung nach Polen „eine Option“

Aufgegeben habe er die Suche nach einem Investor jedoch keineswegs, betont Jens Lieser: „Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Im Moment prüfen mehrere Interessenten die zur Verfügung gestellten Unterlagen.“ In den nächsten Wochen erwarte er die ersten unverbindlichen Angebote.

Derweil mutmaßen Beobachter inoffiziell, dass Superior Industries in Werdohl nur eine große Show abziehe und das Werk einfach nur elegant loswerden wolle. Die Produktion solle dann nach Polen verlagert werden, wo das Unternehmen in Stalowa Wola, 100 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt, ein noch größeres und moderneres Werk für Aluräder als in Werdohl betreibe. Das sei durch die wirtschaftliche Entwicklung auf dem weltweiten Automarkt nicht ausgelastet und solle gestützt werden.

Insolvenzverwalter Lieser will das nicht ausschließen. „Wenn das Insolvenzverfahren keinen Erfolg hat, ist die Verlagerung nach Polen eine Option“, sagte er. Letztlich geht es wohl auch hier nur ums Geld. Für in Werdohl produzierte Räder müsse Superior Industries von seinen Kunden, das sind so ziemlich alle großen Autohersteller, „langfristig pro Rad 20 bis 30 Euro mehr“ verlangen, rechnet Lieser überschlägig. „In Polen können diese Räder zu den bisherigen Konditionen hergestellt werden.“

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