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Die Autobahn-Direktorin bringt Licht in die Genese des Brücken-Desasters in Lüdenscheid. Das wirft neue Fragen auf.
Lüdenscheid – Die Schuldfrage blieb am Montag im NRW-Verkehrausschuss zur Sperrung der Lüdenscheider A45-Brücke ungeklärt, nachdem neben Ministerpräsident Hendrik Wüst auch Autobahn-Direktorin Elfriede Sauerwein-Braksiek jegliche Verantwortung für das Brücken-Desaster zurückwies. Dennoch brachte der Ausschuss neue Erkenntnisse dazu, warum der beschlossene Neubau der Talbrücke zurückgestellt wurde, und auch warum ein Sprengtermin noch in weiter Ferne liegt.
Auf Nachfrage von come-on.de erklärte Sauerwein-Braksiek, dass sie sich nicht auf einen Zeitpunkt der Sprengung der maroden Talbrücke festlegen lassen wolle. „Wir sind mitten im Winter“, sagte die Direktorin der Autobahn Niederlassung Westfalen mit Blick auf die aufwendigen Erdarbeiten im fast alpinen Gelände des Rahmedetals. Das größere Problem aber sind Unwägbarkeiten, die erst im Laufe der Bautätigkeit zutage traten. „Das Baufeld ist noch nicht frei. Es muss noch ein Galvanikbetrieb im Tal zurückgebaut werden“, sagte Sauerwein-Braksiek in Düsseldorf.
Der Platz werde gebraucht für die Seecontainer, die das Gebäude bei der Sprengung schützen sollen. Vor Ort zeigte sich Rainer Schubeius, Geschäftsführer der Oberflächenveredlung Immel, Seckelmann & Co. GmbH, überrascht von der Ankündigung. Der Rückbau sei bereits erfolgt. Zaun, Lagerfläche und Wellblechdach auf der Brückenseite sind bereits verschwunden.
A45-Talbrücke Rahmede: Sprengkonzept muss überarbeitet werden
Wie Elfriede Sauerwein-Braksiek im Ausschuss weiter ausführte, hätten erste Bohrungen an den Pfeilern zudem ergeben, dass der Beton nicht die in den Bauplänen angegebene Tiefe gehabt habe. Mit anderen Worten: Die jetzigen Bohrlöcher sind zu kurz und ungeeignet für die benötigten Dynamitstangen. Aufwendig wird nun Beton in die hohlen Pfeiler gespritzt, um die Wanddicke der Pfeiler zu erhöhen. Auch die Bewehrung habe man sich noch einmal genauer ansehen müssen, sagte die Direktorin. Im Ergebnis heißt das laut Sauerwein-Braksiek, dass das vorliegende Sprengkonzept noch einmal überarbeitet werden muss.
Wie berichtet, hatte die Spreng-Firma Liesegang Anfang 2022 zunächst ein Gutachten erstellt, ob eine Sprengung der Talbrücke Rahmede überhaupt möglich ist. Nach dem sie unter den alten Annahmen grünes Licht gab, schrieb die Autobahn GmbH Westfalen den Sprengabbruch aus. Liesegang erhielt schließlich zusammen mit dem Bauunternehmen Heitkamp den Zuschlag und muss jetzt angepasste Lösungen präsentieren.
Neubau der Talbrücke Rahmede: Autobahn-Direktorin bringt Licht ins Dunkel
Nach monatelangem beharrlichen Schweigen aller beteiligten Behörden und Ministerien brachte Autobahn-Direktorin Elfriede Sauerwein-Braksiek am Montag höchstselbst Licht ins Dunkel in der Frage, wann der 2014 beschlossene Neubau der Talbrücke Rahmede in der Prioritätenliste nach hinten rutschte und warum. Demnach sei in einem Jour fixe im November 2018 zum Masterplan A45 im Beisein der Südwestfälischen Industrie- und Handelskammer (SIHK) vermerkt worden, dass für den Neubau der Talbrücke Rahmede nun doch ein zeitaufwendiges Planfeststellungsverfahren erforderlich ist. Bei der Ersatzneubauplanung 2014 sei man noch davon ausgegangen, dass die Genehmigung als Fall unwesentlicher Bedeutung erfolgen könne und damit ohne Umweltverträglichkeitsprüfung. Projektierter Baubeginn damals: 2019.
Nach Informationen unserer Zeitung hatte Straßen.NRW Ende 2015 die Obermeyer Group aus München mit der Objekt- und Tragwerksplanung des Ersatzneubaus der Talbrücke Rahmede beauftragt. Die Planungsexperten kamen nach eingehender Prüfung zu der Erkenntnis, dass für den Ersatzneubau der Talbrücke Rahmede zwingend ein Planfeststellungsverfahren durchzuführen sei, weil ein Einvernehmen mit allen Betroffenen im Brückenumfeld nicht zu erwarten ist.
A45-Talbrücke Rahmede: Direktorin lüftet Geheimnisse um Brücken-Desaster
Wie Sauerwein-Braksiek im Ausschuss erklärte, hätte neben der weiter unter Verkehr stehenden Talbrücke Rahmede eine neue zweite Brücke gebaut werden müssen – mit Folgen für die Anwohner bis hin zum Abriss von Gebäuden. „Dies ist ein sehr bebauter Bereich, was Eingriffe für die Anlieger bedeutet hätte. Im Laufe der Planung stellte sich heraus, dass es nicht möglich war, hier ein Einvernehmen herzustellen“, so die Autobahn-Direktorin. Für ein planerisches Durchgriffsrecht sei so nur noch das Planfeststellungsverfahren geblieben.
In der Folge habe man entschieden, das Planfeststellungsverfahren für den Ersatzneubau der Talbrücke Rahmede zusammen mit dem ohnehin anstehenden Planfeststellungsverfahren für den anstehenden sechsstreifigen Ausbau der A45 durchzuführen. So verschob sich ein möglicher Baubeginn über Nacht von 2019 auf 2026, wobei der SPD-Landtagsabgeordnete Gordan Dudas darauf hinwies, dass die Restlaufzeit für die Talbrücke Rahmede schon 2025 abgelaufen wäre.
„Konkrete Entscheidungen zu Verschiebungen wurden nicht getroffen“, erklärte Elfriede Sauerwein-Braksiek. Die vorhandenen personellen und finanziellen Ressourcen seien einfach auf andere Brückenbauprojekte verschoben worden wie zum Beispiel die Talbrücke Sterbecke. Da die Zustandsnote 3,0 („nicht ausreichend“) betrug und die Standsicherheit nicht gefährdet gewesen war, sei ihr gegenüber keine Problematisierung durch die verantwortlichen Regionalleiter erfolgt.
Erst die Ergebnisse der Laserscan-Untersuchung im November 2021 hätten „überraschend“ ergeben, dass die Talbrücke Rahmede „ein erhebliches Standsicherheitsproblem“ habe, sagte Sauerwein-Braksiek. In der Folge wurde die A45 in dem Bereich gesperrt. Wie lange die Brücke schon einsturzgefährdet war, als noch Autos und Lkw über sie fuhren, diese Frage blieb am Montag offen.
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